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Erneuerbare Energien : Strom aus Wind und Sonne für eine Kleinstadt

Sonnenfänger: Photovoltaikanlage der Juwi Holding in Wörrstadt Bild: Cornelia Sick

Das Mainzer Unternehmen Juwi zieht aufs Land: Bis 2017 will es die Verbandsgemeinde Wörrstadt zu 100 Prozent mit Strom aus regenerativen Quellen versorgen - und wenige Jahre später den gesamten Landkreis.

          Das Land der tausend Hügel gehört zu den wärmsten und trockensten Gebieten in Deutschland. Rund 1700 Sonnenstunden im Jahr sorgen dafür, dass zwischen Mainz, Worms und Alzey die Trauben reifen, Spargel sprießen und das Getreide gedeiht. Bisweilen werden die rheinhessischen Ackerböden aber auch anders genutzt: etwa um Windräder aufzustellen, Photovoltaikfelder anzulegen oder aber, wie nun bei Wörrstadt geschehen, ein Unternehmen anzusiedeln, dass versprochen hat, bis 2017 den Strombedarf der 29.000 Bürger zählenden Gemeinde aus regenerativen Energiequellen gewinnen zu können – und keine drei Jahre später auch den des Landkreises.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Mit Hilfe des Windes und der Sonne sowie der Unterstützung durch Biomasse, Geothermie und Wasserkraft will die 1996 in einer Garage gegründete Juwi-Gruppe auf dem Land die Energiewende einleiten. Für Diplom-Physiker Matthias Willenbacher, der den in Mainz groß gewordene Dienstleister mit seinem Partner Fred Jung führt, steht man erst am Anfang eines weiten, aber gangbaren Weges: Rheinland-Pfalz könne bis 2030 einen zu 100 Prozent regenerativen Energiemix erreichen, der sich volkswirtschaftlich rechne, behauptete er schon in einer 2007 erstellten Studie: weil so die Importabhängigkeit bei Rohstoffen wie Kohle und Gas überwunden und eine beachtliche regionale Wertschöpfung realisiert werde. Willenbacher spricht von notwendigen Investitionen von rund 50 Milliarden Euro, aber auch von landesweit 50.000 neuen Stellen und zu erwartenden Erlösen aus dem Betrieb von regenerativen Kraftwerken von zwei Milliarden Euro im Jahr.

          200-Millionen-Euro-Solarprogramm für Mainz

          Dass im 15 Minuten entfernten Mainz weiter ausnahmslos über Gas oder Kohle sowie über Grundlastkraftwerke alter Prägung gestritten wird, passt für den Juwi-Chef ins Bild: Denn im Gegensatz zur Verbandsgemeinde Wörrstadt, wo Juwi „mit offenen Armen“ empfangen worden sei, habe sich in der Landeshauptstadt kaum jemand darum gekümmert, als sich das Unternehmen vor gut einem Jahr nach einem Standort für den neuen Firmensitz umgesehen habe. Ein passendes Grundstück hätte sich wohl auch in Mainz finden lassen. Vielleicht wäre der Neubau etwas kleiner ausgefallen als auf dem Land, wo Juwi nun über 30 000 Quadratmeter Fläche verfügt. Was in Mainz jedoch gefehlt habe, sei die Bereitschaft gewesen, sich aktiv an der Verwirklichung der Vision „100 Prozent Einsatz für 100 Prozent saubere Energie“ zu beteiligen. Selbst das von Juwi und der Stadtwerke Mainz AG 2007 vereinbarten 200-Millionen-Euro-Solarprogramm sei in der Landeshauptstadt – im Vergleich etwa zum nur 40 Millionen Euro teuren Stadionbau – kaum beachtet worden. Dennoch wird die mit diesem Projekt betraute Tochtergesellschaft Rio Energie weiter in Mainz bleiben, so wie der 39 Jahre alte Juwi-Gründer, der in Bretzenheim wohnt und dort gelegentlich bei „Vitesse Mayence“ Fußball spielt.

          Schattensucher: Ein Juwi-Monteur legt Hand an Kabel einer Solaranlage

          Die für rund zehn Millionen Euro in Holzbauweise errichtete, als „ energieeffizientstes Bürogebäude der Welt“ gepriesene Zentrale in Wörrstadt ist innerhalb einen halben Jahres aus dem Boden gestampft worden. Rundherum entstehen Referenzprojekte, um Kunden aus aller Welt die angebotenen Anlagen im Betrieb zeigen zu können. Dank Photovoltaik auf dem Dach, an der Fassade und in den Glasscheiben der Mensa erzeugt das Gebäude 220 000 Kilowattstunden Strom im Jahr; rund zehn Prozent mehr Energie als für Strom, Wärme und Kühlung gebraucht wird. Seit Juli sind rund 300 Mitarbeiter aus den ehemaligen Juwi-Standorten Mainz und Bolanden in Rheinhessen vereint; in drei bis vier Jahren sollen es dort bis zu 600 und weltweit mehr als 1000 Beschäftigte sein. Parallel dazu soll der Umsatz mit dem Bau von Windkraft-, Solarstrom- und Biomasseanlagen von 400 Millionen Euro auf mehr als eine Milliarde Euro gesteigert werden.

          Die weltweit größte Photovoltaikanlage

          Mit der Verwirklichung seines größten Windkraftparks mit 55 Anlagen hat Juwi in Costa Rica begonnen; an der weltgrößten Photovoltaik-Anlage wird derweil im deutschen Energiepark „Waldpolenz“ gearbeitet. Bei der Windkraft sei dank technischen Fortschritts „weltweit alle vier Jahre mit einer Verdopplung der installierten Gesamtleistung“ zu rechnen, sagt Willenbacher. Schon heute sei diese Art der Energieerzeugung, anders als die relativ teure Solartechnik, wettbewerbsfähig.

          Bei weiter steigenden Preisen für Gas und Kohle sowie sinkenden Kosten bei der Nutzung regenerativer Quellen könne die Preisschere schon 2013 geschlossen sein. „Sagen wir mal bei einem Preis von dann 25 Cent die Kilowattsunde“, so Willenbachers Prognose. Derzeit koste Solarstrom bis zu 40 Cent, Strom aus abgeschriebenen Atomkraftwerken dagegen nur drei Cent, die Vergütung für Windenergie liege mit sechs bis neun Cent je Kilowattstunde dazwischen. Weil aber nur Wind und Sonne kostenfrei und unendlich verfügbar seien, bildeten diese Quellen früher oder später die Basis für die Energiezeugung in Städten und Kreisen. Sollte der Wind einmal nicht ganz so stark blasen, müssten andere regenerative Quellen einspringen. Dabei komme es auf die richtige Mischung an. Der bei der Diskussion um Kohle- oder Gaskraftwerke immer wieder ins Feld geführte Begriff der Grundlastfähigkeit einer Anlage – also die Garantie für einen jederzeit zur Verfügung stehenden Energiesockel – ist laut Willenbacher ein Begriff, über den in naher Zukunft „keiner mehr reden wird“.

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