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Erneuerbare Energien : Entega will größter deutscher Ökostrom-Anbieter werden

Betrieben von der Entega: Solaranlage auf dem Wissenschafts- und Kongresszentrum Darmstadt Bild: Entega

Bis 2012 wird sich die Zahl der Haushalte in Deutschland, die Ökostrom nachfragen, verdoppeln, wie der Versorger Entega in Darmstadt meint. Vor diesem Hintergrund will das Darmstädter Unternehmen in den bundesweiten Markt einsteigen und Marktführer bei Ökostrom werden.

          Der Darmstädter Energielieferant Entega, der mit 400.000 Ökostrom-Kunden bisher Marktführer in Hessen und Rheinland-Pfalz ist, will auch bundesweit die Nummer eins in diesem Segment werden. Über den Vorstoß, der unter dem Motto „Vision trifft Vernunft“ läuft, informierte die Vertriebstochter der Heag Südhessischen Energie AG (HSE) und der Stadtwerke Mainz auf einer Pressekonferenz in Berlin. Den Sprung auf den deutschen Markt bezeichneten die beiden Geschäftsführer Karl-Heinz Koch und Michael Böddeker als ersten Schritt zu einem umfassenden „Marken-Relaunch“, mit dem man auf aktuelle Veränderungen reagiere. „Der Energiemarkt wandelt sich und das Bewusstsein der Menschen. Bis 2015 werden statt zwei rund zwölf Millionen Haushalte ökologisch erzeugte Energie nachfragen. Diese Chance wollen wir nutzen“, sagte Koch.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Schon im Juni hatte Albert Filbert als Vorstandschef die Entega-Mutter HSE bei der Vorlage der Jahresbilanz 2007 die Offensive beim Ökostrom angekündigt. Um Marktführer bei Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu werden, müsse die Entega 40.000 Kunden hinzu gewinnen, sagte Filbert seinerzeit.

          Strom überwiegend aus norwegischer Wasserkraft

          Ökostrom bietet Entega in ihrem Netzgebiet schon seit Mai 2007 an. Bei dem bislang als „Clever Natur Pur“ bezeichneten Produkt handelt es sich um Strom, der zu 100 Prozent aus regenerativen Energiequellen stammt, überwiegend aus norwegischen Wasserkraftwerken. Naturpur ist zertifiziert von einer Umweltorganisation und dem TÜV Hessen. Unter den 400.000 Kunden sind, wie Koch berichtete, auch 70.000 Personen mit Wohnsitz außerhalb des Netzgebietes. Dieses Interesse und eine aktuelle Forsa-Umfrage haben offensichtlich den Ausschlag gegeben, bundesweit „grünen Strom“ zu offerieren. Verbunden ist der „Entega NaturPur Tarif III“ für alle Neukunden mit einer Preisgarantie bis Sommer 2010.

          Ziel des Vorstoßes ist es, bereits bis Ende nächsten Jahres den Marktführer Lichtblick abzulösen. Diese in Hamburg ansässige Gesellschaft hat nach Kochs Angaben 410000 Kunden. Da auch bei Lichtblick mit Zuwächsen zu rechnen sei, strebe Entega an, bis Ende 2009 bis zu 100.000 Neukunden zu gewinnen. Der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa zufolge, das 1006 Bürger telefonisch befragt hat, gibt es eine hohe Zahl „Wechselwilliger“. So können sich 45 Prozent der Befragten, die ihrem Stromanbieter bislang treu sind, einen Wechsel vorstellen. Diese Bereitschaft steigt mit wachsendem Einkommen. Die repräsentative Umfrage ergab auch, dass 65 Prozent der Bürger glauben, erneuerbare Energien gewährleisteten eine sichere Stromerzeugung. 75 Prozent sind der Ansicht, jeder Einzelne könne etwas zum Klimaschutz beitragen. Allerdings zeigen sich nur 14 Prozent bereit, dafür auch höhere Preise in Kauf zu nehmen.

          Auf diesen „ökologischen Widerspruch“ hat Entega seine neue Öko-Strategie abgestellt. Böddeker sprach vom „dritten Weg“, der Verbindung von Ökologie und Ökonomie. Angesichts des „wettbewerbsfähigen Preises“ des neuen Öko-Tarifs müsse niemand zwischen „grüner Zukunftsvision“ und „realistischem Vernunftdenken“ wählen. Entega vereinige vielmehr, was die Mehrheit der Menschen wünsche: die Umwelt und das Klima zu schützen und zugleich billigen Strom zu beziehen.

          Vertriebspartnerschaft unter anderem mit Media-Markt

          Die Entega gab allerdings nur recht spärliche Informationen zum neuen Angebot: Koch nannte als Vergleichszahl des neuen Ökostrom-Tarifs nur die Summe von 716 Euro bei Abnahme von 3000 Kilowattstunden im Jahr, was dem Durchschnittsverbrauch je Entega-Kunde entspricht. Dies ist deutlich mehr, als im Moment die Kunden von Clever Naturpur in Darmstadt zahlen. Bei diesem Tarif kosten die 3000 Kilowattstunden 649 Euro. Allerdings gilt diese für die überwiegende Zahl nur noch bis Jahresende, denn zum 1. Januar 2009 soll der Preis angehoben werden, wie Koch mitteilte. Über die Höhe der Anpassung machte er keine Angaben, da dies noch von der Situation auf den Beschaffungsmärkten abhänge.

          Das letzte Wort sind die 716 Euro allerdings auch bei „Natur Pur III“ nicht. Entega will, wie die beiden Geschäftsführer erläuterten, nicht flächendeckend in Deutschland um Neukunden werben, sondern gezielt in ausgewählten Ballungsräumen. Da es dort zum Teil deutlich höhere Netznutzungsentgelte gebe, werde es für den Entega-Ökostrom auch einen teureren Tarif geben, der für diese Regionen aber immer noch attraktiv sei. Anders als manche Energieerzeuger, die in den vergangenen Monaten die ganze Republik mit Werbekampagnen überzogen haben, setzt Entega vor allem aufs Internet und auf Vertriebspartnerschaften, zum Beispiel auf Kooperationen mit Media-Markt. Nur in Wiesbaden soll ein neuer „Info-Point“ eröffnet werden.

          Koch und Böddeker hoben hervor, dass das bundesweite Engagement auf strategischen Überlegungen der Konzermutter basiere. So werde die HSE in den nächsten Jahren 400 Millionen Euro in eigene regenerative Anlagen investieren, um bis 2015 ein Fünftel des „sauberen Stroms“ selbst zu erzeugen. Das sei der zweite Schritt, um das Motto „Vision trifft Vernunft“ zu verwirklichen. Der dritte soll der Einstieg in den bundesweiten Gaswettbewerb sein.

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