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Erinnerung an Juden : In Groß-Gerau wenig Chancen für „Stolpersteine“

  • -Aktualisiert am

Walramstraße 31 in Wiesbaden: Gunter Demnig verlegt „Stolpersteine” Bild: F.A.Z. - Frank Röthj

Die Liste der Kommunen, in denen der Künstler Gunter Demnig „Stolpersteine“ verlegt hat, ist lang. In Hessen finden sich die Messingplaketten vor den Häusern ehemaliger jüdischer Mitbürger unter anderem in Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt. In Groß-Gerau dürfte es aber nicht dazu kommen.

          Die Liste der Kommunen, in denen der Kölner Künstler Gunter Demnig sogenannte Stolpersteine verlegt hat, ist lang. In Hessen finden sich die Messingplaketten, die vor den Häusern ehemaliger jüdischer Mitbürger verlegt sind und an deren Schicksal in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern sollen, unter anderem in Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt. Deutschlandweit haben sich mittlerweile mehr als 400 Kommunen an dem Projekt beteiligt. In der Kreisstadt Groß-Gerau, so scheint es, werden dagegen auf absehbare Zeit keine Stolpersteine verlegt werden.

          In Frühjahr 2008 hatten das Evangelische Dekanat und der Verein für jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau dem Magistrat den Vorschlag unterbreitet, Stolpersteine zu verlegen. Der Magistrat stimmte dem Antrag mehrheitlich zu und verwies ihn in die Stadtverordnetenversammlung, die ihn an den Kulturausschuss weiterreichte. Dieser sprach sich nach längerer Beratung im Februar dieses Jahres mit der Stimmenmehrheit von CDU und Kommunaler Bürgerinteressengemeinschaft (Kombi) gegen das Projekt aus. Und es sieht derzeit auch nicht danach aus, als ob die Stadtverordneten in ihrer morgigen Sitzung zu einem anderen Ergebnis kommen werden.

          CDU: „Völlig fehl am Platz“

          „Wir wollen den Menschen einen Namen geben und sie dort im Stadtbild verorten, wo sie gewohnt haben“, begründet Hans-Georg Vorndran vom Verein für jüdische Geschichte und Kultur den Vorstoß. Zusammen mit Jürgen Ziegler hat er 27 Häuser mit rund 120 ehemaligen jüdischen Bewohnern identifiziert, die für die Aktion in Frage kämen; dies sei jedoch nicht gleichbedeutend mit 120 Stolpersteinen. Zwar sei es nicht so, dass es in Groß-Gerau keine Erinnerungskultur gebe, sagt Dekan Tankred Bühler und verweist auf die jährliche Veranstaltung zum 9. November. Ziel der Aktion Stolpersteine sei es jedoch, die Erinnerung auch im Alltag zu verankern. Dies sei etwas anderes, als ein Denkmal aufzubauen oder einmal im Jahr eine Gedenkfeier auszurichten.

          „Völlig fehl am Platz“ wären die Stolpersteine dagegen nach Meinung von Joachim Hartmann, Fraktionschef der CDU-Stadtverordnetenfraktion: Juden würden einseitig auf die Opferrolle reduziert, sie müssten aber auch als normale Bürger gesehen werden. Außerdem ist es in seinen Augen ein Problem, dass die Steine beim Darüberlaufen mit Füßen getreten werden. „Da halte ich es mit Frau Knobloch“, sagt er mit Blick auf die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, die sich gegen diese Form des Gedenkens ausgesprochen hat; allerdings vertritt der Zentralrat in dieser Frage keine einheitliche Meinung. Man wolle nicht, dass das Kunstprojekt Stolpersteine im öffentlichen Raum stattfinde, so Hartmann.

          Ein „Gedenken in Augenhöhe“ fordert auch Kombi-Fraktionschef Karlheinz Wamser. Das Thema solle in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum aufgearbeitet werden. Ein Dorn im Auge ist Wamser, dass Hausbesitzer kein Vetorecht besäßen, wenn Stolpersteine vor ihren Häusern verlegt würden. Dieser Aspekt stört auch die FDP-Politikerin Eva-Maria Finck-Hanebuth, die Mitglied der CDU-Fraktion ist: Sie fürchtet, dass die heutigen Hausbesitzer beziehungsweise Nachfahren durch die Stolpersteine kenntlich gemacht würden und dadurch in den Ruch geraten könnten, von der Vertreibung und Deportation der Juden profitiert zu haben. Außerdem fragt sie, weshalb nicht auch für andere Opfergruppen Stolpersteine verlegt werden sollten: „Wo bleibt da die Gleichberechtigung?“

          SPD: Gegenargumente „an den Haaren herbeigezogen“

          Die Befürworter des Projekts zeigen sich nach dem negativen Vorentscheid des Kulturausschusses enttäuscht. „Das ein oder andere Argument hat mich schon etwas irritiert“, sagt Präses Artur Lechelt. Den Einwand, dass in gewisser Weise die Opfer mit Füßen getreten würden, wenn man über die Steine gehe, weist er zurück: Es handele sich nicht um Begräbnisstätten. Dass die heutigen Hausbewohner stigmatisiert werden könnten, glaubt Lechelt nicht: Oft lebten die ursprünglichen Hausbesitzer nicht mehr in den Häusern. Jürgen Martin, Vorsitzender der hinter dem Stolpersteine-Vorstoß stehenden SPD-Fraktion, nennt die Gegenargumente „an den Haaren herbeigezogen“.

          Um das Thema aus der „Totalkonfrontation“ herauszunehmen, hätten die Sozialdemokraten für die morgige Sitzung des Stadtparlaments einen weiteren Antrag eingebracht, wonach die Stolpersteine zunächst nur vor Häusern im Besitz der Stadt verlegt werden sollten. Dies sei als „Zwischenschritt“ gedacht, sagt Martin. Dekan Bühler hofft, dass sich zumindest für diesen Kompromiss eine Mehrheit findet. Die Chancen dafür stehen allerdings schlecht: CDU und Kombi haben angekündigt, auch diesen SPD-Antrag nicht mitzutragen. Aber auch nach einem Scheitern wollen sich die Befürworter nicht entmutigen lassen: In diesem Fall will man laut Bühler weiterhin um Zuspruch für das Projekt werben und in einem Jahr abermals darüber abstimmen lassen.

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