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Entrümpler in Mainz : Acht Tonnen Altpapier in der Professorenwohnung

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Entrümpelt: Mirko Brucherseifer (rechts) und Benjamin Monitor tragen Müll aus einer Wohnung in Mainz. Bild: Nils Thies

Sie schaffen Platz mit Armkraft, Müllsäcken und notfalls mit dem Lastwagen: Wird ein Haushalt aufgelöst, rücken die Entrümpler an. Was sie bei der Arbeit zu sehen bekommen, ist manchmal schwer zu ertragen.

          Hoch oben zückt Mirko Brucherseifer das Teppichmesser. Ein energischer Schnitt, dann fällt der Vorhang. Staub rieselt auf den modrigen, braun-grauen Teppichboden. Vom hölzernen Wohnzimmer-Mobiliar zeugen nur noch Späne. Einzig der Kronleuchter erinnert jetzt an die Zeit, in der hier jemand gewohnt hat. In den Räumen im zehnten Stock eines Mietshauses in der Mainzer Neustadt herrscht gähnende Leere. Bis zu ihrem Tod hat hier eine alte Dame gelebt. 91 Jahre ist sie geworden. Noch immer liegt Großmuttergeruch in der Wohnungsluft, aber es surrt kein Kühlschrank und es klingelt kein Telefon mehr.

          Wenn der Mainzer Entrümpler Mirko Brucherseifer und sein Kollege Benjamin Monitor ihrem Raum schaffenden Handwerk nachgehen, verschwinden die meisten Gegenstände in einem riesigen Container und landen auf der Mülldeponie - 30 bis 40 Tonnen im Monat. Ihre wichtigsten Hilfsmittel sind Armkraft und blaue Müllsäcke. Heute sind sie nur zu zweit im Einsatz. Diese Wohnung sei einer von den schöneren Jobs, erzählt Monitor. Auch die kleine Kellerzelle am Ende - „halb so wild“. Brucherseifer und Monitor schaffen Platz in dem vollgepackten Gelass. In fahlem Kellerlicht taucht eine Kiste Sekt auf. Die werde an ihre Mitarbeiter gehen, witzelt Monitor.

          „Da konnten wir nur mit Atemmaske rein“

          Auf Holzbrettern stehen viele Kartons, ein alter brauner Hartschalenkoffer, alles nicht sonderlich aufregend. Zwischendurch klingelt Brucherseifers Handy. Neue Anfragen kommen rein. „Da ham wir heut' morgen schon zehn Stück von gehabt“, berichtet der gelernte Einzelhandelskaufmann.

          Dann findet sich im Keller doch noch etwas halbwegs Wertvolles: ein originalverpackter Miniofen. „Hier, wegpacken“, weist Brucherseifer seinen Kollegen an. Von ihren Auftraggebern erhalten sie klare Anweisungen, welche Dinge sie selbst weiterverwenden dürfen. Solche Sachen werden eingelagert und dann entweder im Internet höchstbietend an den Mann gebracht, oder sie finden im Lagerverkauf einen neuen Besitzer - ein nettes Zubrot für die Entrümpler-Crew. „Zusätzliche Bonbons“ nennt Brucherseifer die außergewöhnlichen Fundstücke. Heute ist das Bonbon ein altes Luftgewehr. Vielleicht war der Ehemann Sportschütze. Vielleicht war sie einst Schützenkönigin.

          Nicht immer sind die Einsätze so unkompliziert wie der bei der alten Dame. „Vor kurzem, da waren wir in einem Keller in der Hinteren Bleiche in Mainz. Lehmboden, geteert, nasse Pitsche-Patsche! Da konnten wir nur mit Atemmaske rein. Das hat keinen Spaß gemacht“, erinnert sich Monitor. Anderswo förderten sie 3000 originalverpackte Hemden zutage, allerdings aus einem Haufen Müll. Manchmal lassen die zurückgebliebenen Habseligkeiten und ihr Zustand ahnen, dass der Besitzer kein glückliches Leben hatte. Denken die Entrümpler darüber nach? „Wenn man die Arbeit tagein, tagaus macht, dann wird das normal“, antwortet Monitor nüchtern.

          „Meine Leute haben sich alle übergeben müssen“

          Vor sechs Jahren ist Brucherseifer in Mainz in die Branche eingestiegen. Heute ist er Franchise-Geber. Sein Unternehmen umfasst 14 Filialen in Deutschland. Das Erste dreht eine Dokumentation über seine Arbeit. Und der Berliner DJ Oliver Koletzki bedankt sich auf der Homepage seines Unternehmens „bei der besten Entrümpelungsfirma auf der ganzen Welt“. So sind Brucherseifer und seine Mitarbeiter wählerisch geworden: „Wir machen's mittlerweile erst ab einer bestimmten Größe“, sagt er. Meist komme man gleich mit einem Siebeneinhalb- und einem Dreieinhalb-Tonner. Für einen einzelnen Schrank rückt seine Firma nicht mehr aus. Das überlasse man den Kleinen der Branche.

          Einer dieser Kleinen ist Jasmin Subasic. Seine Mitarbeiter schaffen an diesem Tag Platz in einer Wohnung im Mainzer Stadtteil Hechtsheim. Doch ein Blick über ihre Schultern bleibt verwehrt. Medien unerwünscht, lässt der Vermieter mitteilen. Also können Subasics Taten nicht für sich sprechen. Dafür hat der große, stämmige Mann Geschichten zu erzählen, von Menschen, die nicht mehr klarkommen in ihren eigenen vier Wänden, die helfender Hände bedürfen. Bei leichten Zigaretten und Cappuccino berichtet Subasic von der „leidvollen Dimension“ des Entrümpler-Jobs. Er spricht über einen 35 Jahre alten Mann, der in einem Zwölf-Quadratmeter-Zimmer gehaust und es fertig gebracht habe, den Raum bis auf eine Höhe von einem Meter fünfzig mit Müll zu füllen. Bierflaschen habe er als Urinale benutzt. „Meine Leute haben sich alle drei übergeben müssen.“

          Die Räumung einer Leichenwohnung kostet das Dreifache

          Dass nicht jedes Genie das Chaos beherrscht, hat sich in einer 75 Quadratmeter großen Professoren-Wohnung in Mainz-Kastel gezeigt. Acht Tonnen Papier hätten seine Mitarbeiter aus der Wohnung geholt, erinnert sich Subasic. Drei- bis viermal im Jahr werde seine Firma in Wohnungen gerufen, in denen ein Toter gelegen habe - oft mehrere Tage lang. So ein Einsatz hat seinen Preis: Eine Leichenwohnung räumen zu lassen, kostet das Dreifache.

          Seit fünf Jahren räumen Subasic und seine Männer Wohnungen im Rhein-Main-Gebiet leer, durchschnittlich zwei in der Woche. Davor hat er für einen Entsorgungsbetrieb in Wiesbaden gearbeitet. Nachdem er anfangs noch einige Dinge verstaut und weiterverkauft habe, wandere nun alles auf die Abfalldeponie, sagt der Chef. „Wir hatten so viel eingelagert, dass wir selbst entrümpeln mussten.“

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