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: Engagiert und zupackend: Aschaffenburgs neuer Amtsgerichtsdirektor Peter Meiler

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Auch ärgerte Meiler, daß von beschleunigten Verfahren in der Praxis zuwenig Gebrauch gemacht wurde. Nach dem Motto "Die Strafe soll auf den Fuß folgen" erarbeitete er ein Konzept, das eine enge Vernetzung zwischen Polizei, Staatsanwaltschaft und Richtern vorsah. Ziel war es, den Täter innerhalb von zwei Wochen nach der Festnahme vor Gericht zu bringen. Ebenfalls nicht abfinden mochte sich der Staatsanwalt mit der Situation, daß die Position von Frauen, die Opfer von Gewalt waren, in gerichtlichen Verfahren recht schwach war. Ende der neunziger Jahre gründete er den Arbeitskreis "Häusliche Gewalt" mit. Durch die enge Kooperation mit der Polizei wurden die rechtlichen Möglichkeiten besser ausgeschöpft, gewalttätige Männer schneller aus der Wohnung geholt und häufiger ein Unterbringungsgewahrsam ausgesprochen. Die in Aschaffenburg gemachten Erfahrungen flossen in das Gewaltschutzgesetz ein.

Doch eine große Sorge drückt ihn noch: der Anstieg der Jugendkriminalität, gegen die seiner Ansicht nach das "reine Wegsperren" nicht hilft. Als Jugendrichter habe er die Erfahrung gemacht, daß es auch am Bayerischen Untermain immer mehr junge Menschen gebe, die nicht mehr zur Schule gingen, die die Ausbildung abgebrochen und kaum noch Kontakt zu ihrer Familie hätten, sagt er. Orientierungslos würden diese Jugendlichen herumstreifen, Diebstähle begehen und auch vor Raubüberfällen nicht zurückschrecken. Meiler spricht von jungen Leuten, die zum Teil nicht integrierbar seien, wie die Aussiedler aus Kasachstan oder Tadschikistan. Diesen Menschen sei unsere kulturelle Wertordnung nicht vertraut. "Die realisieren nicht, daß man in Deutschland nicht einfach zuschlagen kann, wenn man sich provoziert fühlt", sagt er. Häufig fehle auch das Unrechtsbewußtsein, da diese Jugendlichen aus den ehemaligen GUS-Staaten schon vor dem Zerfall des Ostblocks weder Respekt vor der Gesellschaft noch vor der Obrigkeit gehabt hätten, erklärt Meiler.

Um zu verhindern, daß diese Menschen ständig straffällig werden, setzt er auf Prävention. Ihm schwebt ein betreutes Wohnheim für dissozialisierte Jugendliche vor, die nach seinen Worten häufig nicht in der Lage sind, die einfachsten Dinge des Lebens zu bewältigen. Nach seinen Schätzungen gibt es in der Region rund 50 jugendliche Intensivtäter, die mit Arrest oder Haftstrafen nicht abzuschrecken seien. Ohne präventive und begleitende Betreuungsangebote werde sich die Zahl der Straftäter, die oft nicht einmal 14 Jahre alt seien, weiter drastisch erhöhen, ist er überzeugt. Die verantwortlichen Politiker stehen dem Projekt zwar wohlwollend gegenüber, weisen aber auch auf die Finanznot der Kommunen hin. Meiler läßt sich von solchen Schwierigkeiten nicht abschrecken, denn er ahnt: "Wenn ich das nicht anleiere, dann macht es keiner." AGNES SCHÖNBERGER

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