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Eltville : Den Staatsweingütern wird der Riesling knapp

  • -Aktualisiert am

Tradition und Technik: Es wird schwer für die Staatsweingüter, die Edelstahltanks in der Steinbergkellerei alle zu füllen. Bild: Wolfgang Eilmes

In vier Jahren muss die Gewinnschwelle erreicht sein: Wie Deutschlands größtes Weingut eine der kleinsten Ernte seit langem reagiert.

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          Auf die Erzeugung von Eiswein hoffen die Hessischen Staatsweingüter in diesem Jahr nicht mehr. Sie haben Ende vergangener Woche die Weinlese beendet und keine Trauben in der Hoffnung auf eine frühe Frostperiode an den Rebstöcken hängen lassen. Denn Dieter Greiner braucht diesmal jeden Tropfen: Deutschlands größtes Weingut muss mit einer der kleinsten Ernten der vergangenen 30 Jahre zurechtkommen, und das wird keine leichte Aufgabe.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Greiner, seit zehn Jahren an der Spitze der rund 210 Hektar großen Staatsweingüter, will mit seinen Tropfen trotz möglicher Lieferengpässe nicht aus den Verkaufsregalen von Metro und Rewe, Tengelmann und Jacques Weindepot fliegen. Um die Wünsche seiner großen und kleinen Kunden 2011 weitgehend erfüllen zu können, werden sich die Staatsweingüter gehörig anstrengen müssen.

          Der Jahrgang 2011 soll es richten

          Greiner zufolge haben die Staatsweingüter in diesem Herbst nur rund 45 Hektoliter je Hektar geerntet. Preiserhöhungen hält er für unausweichlich, um die Ziele für Umsatz und Erlös zu erreichen. Der Kauf von Trauben oder Most anderer Winzer hat sich allerdings als schwierig erwiesen. Insgesamt 150 000 Liter braucht Greiner aber zusätzlich, um mit einem Sekt und zwei Basisweinen, die dann aber nicht als Erzeugerabfüllung gelten, am Markt bestehen zu können. Weil der Wein in diesem Jahr so rar ist, will Greiner den Handel zudem bitten, auf verkaufsfördernde Aktionen in den Supermärkten möglichst ganz zu verzichten. Die Handelspartner müssten sich auf die Weinverknappung bei den deutschen Tropfen einstellen, hofft Greiner.

          Schließlich setzt Greiner auf einen ungedeckten Wechsel: den Jahrgang 2011, der hoffentlich so rechtzeitig und so reichlich heranreift, dass die ersten und einfachen Trinkweine schon im Dezember nächsten Jahres und nicht erst im zeitigen Frühjahr 2012 in die Flasche gefüllt und verkauft werden können. In jedem Fall wird das gewaltige, 1,5 Millionen Flaschen fassende Lager der neuen Kellerei am Steinberg im nächsten November nahezu leer sein, ist sich Chefönologe Ralf Bengel sicher.

          Neuerungen im Weinberg

          An den ehrgeizigen, auch von der Europäischen Union erzwungenen Zielen, die Staatsweingüter bis 2014 in die Zone der Wirtschaftlichkeit zu führen und damit jährlich um fünf bis sieben Prozent zu wachsen, will Geschäftsführer Greiner trotzdem keine Abstriche machen. Bislang sieht der Geschäftsplan für 2011 erstmals das Überschreiten der Schwelle von neun Millionen Euro Umsatz vor. Diese Schwelle will Greiner aber schon in diesem Jahr erreichen und den Umsatz im kommenden Jahr dann zumindest konstant halten. Gelingen könnte ihm dies unter anderem auch deshalb, weil der im Frühjahr verkündete drastische Personalabbau zur Kostensenkung schneller als erwartet vonstattengeht. Insgesamt 17 Stellen sollten demnach bis spätestens 2012 gestrichen werden. Nun sieht es so aus, als könne das Ziel früher erreicht werden. Die ausscheidenden Mitarbeiter erhalten vom Land Hessen andere Stellen in der Verwaltung angeboten oder eine Abfindung.

          Der Abbau von Stellen auf eine Größe von rund 50 Mitarbeitern – das ist ungefähr die Hälfte der Beschäftigtenzahl des Jahres 2000 – ist der Schlusspunkt einer grundlegenden Neuordnung der Staatsweingüter, die mit dem vor zwei Jahren eröffneten Neubau der Kellerei ihren Anfang nahm. Inzwischen hat Greiner unter anderem die Bewirtschaftung der Weinberge umgestellt, die Domänen neu geordnet, Etiketten und Flaschenverschlüsse revolutioniert und die Rebfläche erweitert. Vor zwei Monaten schließlich zog die Verwaltung der Staatsweingüter in gemietete Räume neben der ebenfalls neuen Vinothek im Kloster Eberbach. Die vom Direktor stets angestrebte Wandlung der Hessischen Staatsweingüter zum landeseigenen Weingut Kloster Eberbach GmbH ist damit endgültig vollzogen.

          Kochs Rückendeckung

          Eine Entwicklung, die vor allem ein Mann maßgeblich verantwortet hat: Roland Koch. Der frühere Ministerpräsident hatte entscheidend dazu beigetragen, die Abhängigkeit des chronisch defizitären und wenig innovativen Staatsbetriebs vom Tropf des Staates zu beenden. Mit der Berufung von Greiner im Jahr 2000 und der Umwandlung der Staatsweingüter in eine GmbH im Jahr 2003 leitete Koch eine kleine Revolution ein. Mit seiner Unterstützung krempelte Greiner wie kein Betriebsleiter vor ihm das Weingut um, und er paukte gegen viele Widerstände den Bau der Steinberg-Kellerei durch, mit der heute auch viele der früheren Kritiker ihren Frieden geschlossen haben. Dazu übernahm Koch, der sich bisweilen als Deutschlands größter Winzer vorstellte, sogar den Vorsitz des Aufsichtsrats der Staatsweingüter – und er bleibt es nach dem Willen seines Nachfolgers Volker Bouffier (CDU) auch nach dem Abschied von der Landespolitik.

          In vier Jahren muss Greiner nach den Vorgaben der EU zur Finanzierung des Staatsbetriebs die Gewinnschwelle erreicht haben. Er will dann mit einem Umsatz von mehr als zehn Millionen Euro erstmals einen Gewinn von knapp 50.000 Euro ausweisen. Dass dies gelingen wird, dafür hat Greiner in Koch weiterhin einen Antreiber hinter sich.

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