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Eltville : Das „Träublein“ trifft den Nerv der Zeit

  • -Aktualisiert am

Offen für Neues: die Sektmanufaktur Schloss Vaux in Eltville Bild: dpa

Schloss Vaux im Rheingau hat in diesem Jahr den ersten Sekt aus dem eigenen Weingut vorgestellt. Den Absatz jedoch kurbelt ein alkoholfreies Gerstenmalz-Getränk an.

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          Hinter der 1868 in Berlin gegründeten Sektmanufaktur Schloss Vaux liegt ein außergewöhnliches Jahr. Erstmals in der jüngeren Unternehmensgeschichte hat die kleine Eltviller Aktiengesellschaft mehr als 400 000 Flaschen verkauft. Ein Erfolg, den der mit der Veröffentlichung konkreter Unternehmenszahlen traditionell zurückhaltende Sekterzeuger vor allem zwei Innovationen verdankt: einer alkoholfreien Alternative zum klassischen Schaumwein aus Flaschengärung, auf den sich Schloss Vaux schon seit Jahren spezialisiert hat, und einer neuen Sektlinie, die Ausdruck einer mutigen unternehmerischen Entscheidung war.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          „Reserve“ heißen die beiden neuen, im Spätsommer der Fachwelt vorgestellten Sektkreationen. Nicht der Sekt an sich allerdings ist das Besondere, sondern die Tatsache, dass die Grundweine erstmals von eigenen Weinbergen stammen. Traditionell bezieht Schloss Vaux die Grundweine von renommierten Erzeugern, um sie dann in den heimischen Kellern zu Sekt zu veredeln. Doch 2014 hat der Vorstand der kleinen AG, Nikolaus Graf von Plettenberg, die Gelegenheit ergriffen und das Weingut Erbslöh in Geisenheim gepachtet.

          150 000 Euro in die zeitgemäße Ausstattung des Weinguts investiert

          Es ist ein nur etwa sieben Hektar großes Weingut, das in den vergangenen Jahrzehnten schon mehrfache Pächterwechsel erfahren hat und zuletzt vom renommierten Rüdesheimer Weingut Leitz bewirtschaftet worden war. Nun steht es unter der Regie von Schloss Vaux und firmiert zumindest für die Pachtdauer von 20 Jahren als „Weingut Schloss Vaux“. Ein neues Weingut im Rheingau, das allerdings ausschließlich Grundweine für die Sekterzeugung von Vaux erntet und ausbaut. Plettenberg hat rund 150 000 Euro in die zeitgemäße Ausstattung des Weinguts investiert und eine junge Kellermeisterin angestellt.

          Schloss Vaux erlangt damit mehr Kontrolle über die Produktionskette, denn auch für die Lagensekte aus Trauben anderer Rheingauer Erzeuger, beispielsweise den Marcobrunn- und den Höllenberg-Sekt, werden nun nicht mehr fertige Grundweine bezogen, sondern nur noch die Trauben. „Ein ziemlicher Luxus“, sagt Graf Plettenberg.

          Doch der Schritt hin zur eigenen Grundweinerzeugung gibt Schloss Vaux auch die Möglichkeit zu Experimenten und zur Herstellung neuer Kreationen, von denen Vertragswinzer erst mühsam überzeugt werden müssten. Ein eigenes Weingut sei auch ein Schritt hin zu mehr Authentizität und Glaubwürdigkeit der eigenen Produkte, sagt der Vorstand. Es diene der Qualitäts- und Beschaffungssicherung und sei überdies eine Investition in die Zukunft, zumal Weinberge im Rheingau immer teurer würden.

          Die wirtschaftliche Zukunft sieht für Schloss Vaux recht verheißungsvoll aus, weil das Interesse der Deutschen an hochwertigen Sekten eher wächst - so zumindest die Beobachtung Plettenbergs. Die gute Konjunktur und die niedrigen Zinsen für Erspartes gelten in der Branche als Erklärungen für den häufigeren Griff zum teureren Schaumwein.

          „Es trifft den Nerv der Zeit“

          Eine weitere Entwicklung auf dem nach wie vor umkämpften Sektmarkt ist die stabile und zunehmende Nachfrage nach alkoholfreien schäumenden Getränken. Rotkäppchen-Mumm hat dazu erst in diesem Jahr am Standort Eltville viel Geld in eine eigene Anlage zur Entalkoholisierung von Wein gesteckt. Das Marktsegment wird von Rotkäppchen als langfristig chancenreich für weiteres Wachstum gesehen. Nur der Staat schaut in die Röhre, denn es wird keine Sektsteuer fällig, die dem Bund jährlich immerhin rund 400 Millionen Euro einbringt.

          Wie seine großen Mitbewerber sieht Schloss Vaux ebenfalls eine Nachfrage nach alkoholfreien perlenden Getränken, vor allem zu Anlässen, zu denen sonst Sekt getrunken wird. Dennoch schlägt das Unternehmen einen anderen Weg ein, um sich ein Stück vom „Kuchen“ abzuschneiden. Sein Produkt heißt „Träublein“ und ist ein leicht perlendes Erfrischungsgetränk aus der hochwertigen Vaux-Sektflasche, das ein Kooperationsprojekt mit der Allgäuer Öko-Brauerei Clemens Härle ist. Härle liefert einen Sud aus Gerstenmalz, der bei Vaux mit Trauben- und Johannisbeersaft vermischt wird. „Wir wollten etwas anderes als nur einen weiteren alkoholfreien Sekt machen“, sagt Graf Plettenberg.

          Der Erfolg gibt ihm recht. Das perlende, roséfarbene Getränk im Sektglas, mit dem sich auch Schwangere in festlichen Gesellschaften bewegen können und das überdies kindertauglich ist, hat sich in den Monaten seit April schon rund 28 000 Mal verkauft. „Es trifft den Nerv der Zeit und den Geschmack der Kunden“, sagt Plettenberg und berichtet auch von einem großen Interesse der Gastronomie.

          Seit 18 Jahren steht er an der Spitze von Schloss Vaux. Sein Urteil hat Gewicht. So sehr, dass erstmals nicht ein Vertreter der drei großen deutschen Sektgiganten dem Verband der Sektkellereien vorsteht, sondern in Person Graf Plettenbergs ein Vertreter der kleinen Nische für hochpreisige Schaumweine. Das, gibt der AG-Vorstand zu, ist wirklich ungewöhnlich.

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