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Eltville : Alte Wunden reißen wieder auf

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Nicht einmal eine Gebäudehülle erinnert heute mehr an das einstige Kreiskrankenhaus in Eltville, das Mitte der neunziger Jahre aus Kostengründen gegen den energischen Widerstand der Stadt und der Region aufgegeben wurde.

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          Nicht einmal eine Gebäudehülle erinnert heute mehr an das einstige Kreiskrankenhaus in Eltville, das Mitte der neunziger Jahre aus Kostengründen gegen den energischen Widerstand der Stadt und der Region aufgegeben wurde. Den Versorgungsauftrag für den gesamten Rheingau übernahm damals das katholische Krankenhaus St. Josef in Rüdesheim, das inzwischen zu den privaten Vorzeigekliniken in Hessen gehört. In Eltville, der größten Stadt im Rheingau, wurde die klaffende städtebauliche Wunde nach dem Abriß des maroden Altbaus inzwischen durch den Neubau von Miet- und Eigentumswohnungen geschlossen. Doch verwunden hat die Stadt den herben Verlust an urbaner Infrastruktur bis heute nicht.

          Das zeigt sich jedesmal aufs Neue, wenn die ärztliche Akut- und Notfallversorgung im Rheingau diskutiert wird und mögliche Veränderungen anstehen. Durch Indiskretionen wurde kürzlich ein Konzept der Wiesbadener Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen bekannt, den gegenwärtig noch bei der Zentrale des Malteser Hilfsdienstes in Oestrich-Winkel untergebrachten ärztlichen Notdienst von Winkel nach Rüdesheim zu verlagern und ihn an das dortige Krankenhaus anzugliedern.

          Ein Konzept, das nicht nur auf den ersten Blick sinnvoll erscheint, weil Patienten bei schweren Erkrankungen direkt stationär aufgenommen werden können und den Ärzten auch gute Diagnosemöglichkeiten zur Verfügung stehen, sondern auch, weil es nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung im übrigen Kreisgebiet und in der Landeshauptstadt schon längst umgesetzt ist. Sowohl in Idstein als auch in der Kreisstadt Bad Schwalbach und in Wiesbaden ist die ärztliche Notfallvertretung an Krankenhäuser angegliedert worden.

          Ärztliche Notfallvertretung ist ein irreführendes Wort, weil es weniger um Notfälle lebensbedrohlicher Art geht - um diese Fälle kümmert sich weiterhin der Rettungsdienst mit Notarzt - als um einen ärztlichen Bereitschaftsdienst am Wochenende und in der Nacht, wenn die 100 niedergelassenen Ärzte im Rheingau ihre Praxen geschlossen haben.

          In dieser Zeit organisieren die Ärzte den Vertretungsdienst für Patienten, die nicht bis zum nächsten Werktag mit dem Arztbesuch warten können oder wollen, wobei tatsächlich nicht alle 100 Ärzte sich dafür einteilen lassen. Die Last des Bereitschaftsdienstes ruht vielmehr auf etwa zehn besonders geschulten Ärzten.

          Sie haben nach Angaben von Ekkehard Ludwig, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung, saisonal sehr unterschiedlich zu tun: an den Wochenenden sind es etwa 20 bis 40 Fälle, in den Nächten der Werktage etwa drei bis vier Fälle. Viel zuwenig, meint Ludwig, um in jeder Rheingauer Kommune eine solche Notfallvertretung aufrechtzuhalten, zumal nur etwa die Hälfte dieser Patienten die zentrale Anlaufstelle der Ärzte aufsuchen kann, während die andere Hälfte ohnehin einen Hausbesuch erforderlich macht.

          Ob die Zentrale tatsächlich von Winkel nach Rüdesheim umziehen wird, ist laut Ludwig aber noch längst nicht entschieden. Den Beschluß werde zwar der örtliche Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung treffen, aber dies nur in Absprache mit der ärztlichen Basis und ihren Gremien, und die seien darüber bislang noch gar nicht offiziell informiert worden. Die Bürgermeister im oberen Rheingau ereiferten sich deshalb derzeit über "ungelegte Eier", kritisiert Ludwig.

          Zu den Kritikern zählt auch der Eltviller Bürgermeister Bernhard Hoffmann (CDU), der es im Sinne der 30000 Bürger des oberen Rheingaus für "nicht hinnehmbar" hält, "daß ihnen der im Notfall ohnehin schon weite Weg zum hausärztlichen Vertretungsdienst nach Winkel künftig noch weiter verlängert werden soll". Durch die Schließung des Krankenhauses sei die Notfallversorgung im Mittelzentrum Eltville und damit für den gesamten oberen Rheingau abrupt schlechter geworden. Die nachfolgenden, jahrelangen gemeinsamen Bemühungen der Stadt und einer Bürgerinitiative hätten zu einem gewissen Erfolg geführt wie die Einrichtung der beiden Operationssäle für ambulantes Operieren im Ärztehaus in der Gutenbergstraße zeige. Zudem stehe die neue Rettungswache neben der Stützpunktfeuerwache kurz vor dem Baubeginn.

          Hoffmann fordert bei einer Verlagerung der Notfallambulanz nach Rüdesheim "flankierende Maßnahmen". Die von der KV ins Gespräch gebrachte mögliche Einrichtung fester Notfallsprechstunden an Wochenenden und Feiertagen sei zwar nicht ausreichend, aber tendenziell "ein Fortschritt". Das täusche aber nicht darüber hinweg, daß sich die Bürger im oberen Rheingau weiterhin in einer schlechteren Lage als im unteren Rheingau befänden.

          Ganz ähnlich äußert sich der Wallufer Bürgermeister Manfred Kohl (SPD), der mit längeren Wartezeiten als bisher für die Patienten rechnet, was für die Wallufer Bürger wohl die Konsequenz habe, besser gleich eine Ambulanz an einem Wiesbadener Krankenhaus aufzusuchen. Es sei daher unverzichtbar, auch im oberen Rheingau einen Notfall-Vertretungsdienst dauerhaft zu gewährleisten.

          Die größere Entfernung bis nach Rüdesheim spreche gegen das jetzt diskutierte Konzept. Auch Notfall-Sprechstunden in Eltville seien kein geeigneter Ausweg. Kohl fordert die Einbeziehung der Kommunen bei der Neukonzeption und stellt das Festhalten an einem zentralen Notfallvertretungsdienst trotz der finanziellen Zwänge in Frage.

          Ludwig hat wenig Verständnis für diese Forderungen, da sich die Angliederung an ein Krankenhaus in der Region schon bewährt habe. Eines haben die Indiskretionen und die öffentlichen Proteste der Bürgermeister aber schon jetzt bewirkt. Über das Konzept soll nun nicht erst im November, sondern schon im Oktober abschließend beraten und entschieden werden. OLIVER BOCK

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