https://www.faz.net/-gzg-10d0b

Einhard-Basilika in Seligenstadt : Wo Pilger einst Reliquien verehrten

  • -Aktualisiert am

Wiederentdeckt und frisch saniert: die Ringkrypta unter der Einhard-Basilika Bild: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt

Im Jahr 827 ließ Einhard die Gebeine zweier Heiliger aus Rom entführen. In der Ringkrypta der Seligenstädter Basilika wurden sie danach aufbewahrt und verehrt. Die 1938 wiederentdeckte Ringkrypta ist nun saniert worden und wieder zugänglich.

          3 Min.

          Wie viele Pilger mögen einst von der Nordseite her in die Ringkrypta der Seligenstädter Basilika eingetreten sein, um dort die Reliquien der Heiligen Marcellinus und Petrus zu verehren, und nach kurzem Verweilen die Krypta zur Südseite hin wieder verlassen haben? Einhard, der Berater und Biograph Karls des Großen, hatte das Gotteshaus um 830 errichten lassen. Die 827 aus Rom „entführten“ Reliquien der beiden Heiligen bewahrte er zunächst in der Einhard-Basilika in Michelstadt-Steinbach im Odenwald auf. Der Überlieferung zufolge gaben die Gebeine allerdings durch Zeichen zu verstehen, dass sie sich in Steinbach nicht wohl fühlten. 828 wurden sie daher nach Seligenstadt gebracht und fortan dort verehrt.

          Die Ringkrypta sei in der „klassischen Form der Confessio“ erbaut worden, wie sie auch in römischen Basiliken üblich sei, sagte Pfarrer Dieter Ludwig von der katholischen Basilika-Pfarrei St. Marcellinus und Petrus bei einem Ortstermin. Einhards Frau Imma starb 836, Einhard selbst 840. Beide ließen sich ebenfalls in der Ringkrypta bestatten: Durch die Nähe zu den Reliquien der beiden Märtyrer erhofften sie sich Fürsprache für ihr Leben nach dem Tod.

          Wissenschaftliche Untersuchung durch Archäologie-Professor

          In den zurückliegenden Monaten hat die katholische Basilika-Pfarrei die Krypta unter dem Chor der Basilika sanieren lassen. Seit Mai war der Restaurator Hans Michael Hangleiter aus Otzberg dort tätig. Der ursprüngliche Estrich-Bodenbelag, der erhalten werden sollte, wurde dabei mit einer herausnehmbaren neuen Estrichschicht versehen; damit ist es möglich, die Krypta wieder zu betreten. Gleichzeitig waren Instandsetzungs- und Befestigungsarbeiten am Mauerwerk und am Verputz auszuführen.

          8000 Euro hatte im vergangenen Jahr die Voruntersuchung gekostet; das Land beteiligte sich daran mit 5000 Euro. 30.000 Euro waren nach Angaben von Kirchenrechnerin Eva-Maria Burkard für die eigentliche Restaurierung aufzubringen. Mit jeweils 5000 Euro wurde das Projekt von der Sparkasse Langen-Seligenstadt und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen unterstützt. Mit 3000 Euro beteiligte sich das Bistum Mainz, mit 1500 Euro das Land.

          Die Baugeschichte der Basilika hatte der Förderkreis Historisches Seligenstadt schon in den zurückliegenden Jahren näher ergründen lassen: So untersuchte Kai Thomas Platz vom Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Otto-Friedrich-Universität Bamberg 2005 die Ringkrypta und förderte neue Erkenntnisse zutage. Unter anderem stellte er fest, dass die Einhard-Basilika nicht auf der „grünen Wiese“ erbaut wurde, wie zuvor angenommen worden war, sondern eine ältere Kirche unter dem Gotteshaus gestanden haben muss. Dabei könne es sich nur um die in Einhards „Translatio“ genannte „basilica nova“ handeln, in der die Reliquien bis zum Bau der Basilika um 830 aufbewahrt worden seien. Auch diese Untersuchung schlug mit Kosten von 30.000 Euro zu Buche, die vom Förderkreis Historisches Seligenstadt und der Sparkasse Langen-Seligenstadt aufgebracht wurden.

          Führungen für interessierte Gruppen

          Nach Angaben von Fritz Haas, der die Geschäfte des Förderkreises führt, aber auch die baulichen Angelegenheiten der Basilika-Pfarrei betreut, wurde die Ringkrypta bis etwa 1250 genutzt. Wegen der damaligen Kirchenerweiterung nach Osten hin musste sie aufgegeben werden: Die Fundamente der beiden östlichen Bündelpfeiler wurden genau dort eingelassen, wo sich die Zugangsstollen zur Ringkrypta befanden. Die Gebeine der beiden Märtyrer sowie von Einhard und Imma wurden damals in die Kirche überführt.

          In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde damit begonnen, barocke Elemente in der Kirche zu entfernen, um sie wieder in den karolingischen Zustand zurückzuversetzen. Bei Grabungsarbeiten stieß Otto Müller 1938 auf die längst vergessene Ringkrypta und ließ sie mit einer Betondecke überspannen. Zwischenmauern wurden als Auflager für die Decke eingebaut; auch Elektro- und Wasserleitungen, die sich durch die Krypta ziehen, stammen aus neuerer Zeit.

          Die Betondecke bewirkt, dass Erwachsene in dem Raum kaum aufrecht stehen können. Auch nach der Sanierung wird die Ringkrypta nicht allgemein zugänglich sein. Nach Angaben von Ludwig soll es nur Führungen für speziell interessierte Gruppen geben. Haas erwähnte Pläne, einen Vorraum, der zurzeit der Pfarrei als Abstellgelegenheit dient, als Informationsraum über die Ringkrypta zu nutzen; dies sei allerdings „Zukunftsmusik“.

          Weitere Themen

          Hell, licht und leicht

          Architektur im Museum : Hell, licht und leicht

          Wenn der Anbau dem Altbau fast den Rang abläuft: Lichtdurchflutete Innenräume, als Material dominieren feinstgeschliffener Sichtbeton und Eschenholz. Das Jüdische Museum hat eine neue Adresse.

          Topmeldungen

          Aus einer Zeit vor Corona: einige Ministerpräsidenten nach ihrer Jahreskonferenz 2019. Nicht nur in der Pandemie sind sie sich nicht immer einig.

          Corona-Pandemie : So schlagen sich die Bundesländer im Vergleich

          Seit Monaten streiten die Länder über den richtigen Umgang mit der Corona-Krise. Wie haben sich die Fallzahlen seit Beginn der Pandemie entwickelt? Und wo wird es jetzt brenzlig? Ein Überblick.
          Kurz nach der Sperrstunde stehen zusammengeklappte Stühle vor einer Bar in Neukölln.

          Ladensterben : Wen hält es noch in der Stadt?

          Wirtschaftsminister Altmaier will dem Einzelhandel helfen. Doch die Probleme in den Innenstädten gehen weit über die Corona-Krise hinaus – es drohen bis zu 50.000 Ladenschließungen.
          Hanspeter Vochezer schult die Crews von großen Yachten.

          Benimm dich auf Megayachten! : Kurs Knigge

          Crewmitglieder von Megayachten haben sehr spezielle Arbeitsplätze, aber nicht immer die passende Ausbildung. Darum kümmert sich der Butler Hanspeter Vochezer aus der Schweiz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.