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„Darmstadtium“ : Eine neue Dimension südhessischer Architektur

Die ungewöhnliche Form, die schrägen, verspiegelten Flächen des Kongresszentrums zeigen Darmstadt in anderem Blickwinkel Bild: Rainer Wohlfahrt

Viel Zeit bleibt den Darmstädtern nicht mehr, um der Hauptstadt Paroli zu bieten. Am 6. Dezember 2007 soll das Wissenschafts- und Kongresszentrum eröffnet werden - und noch immer hat der Volksmund keinen griffigen Namen für das Raumschiff gefunden.

          Viel Zeit bleibt den Darmstädtern nicht mehr, um der Hauptstadt Paroli zu bieten. Am 6. Dezember 2007 soll das Wissenschafts- und Kongresszentrum offiziell eröffnet werden – und noch immer hat der Volksmund keinen griffigen Namen für das gewaltige Raumschiff gefunden, das da direkt gegenüber dem Schloss gelandet ist. Mit „Darmstadtium“ jedenfalls, wie die amtliche Bezeichnung für das Bauwerk des Wiener Architekten Talik Chalabi lautet, würden sich echte Berliner sicherlich nie und nimmer zufriedengeben.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Aber vielleicht ist die Darmstädter Sprachlosigkeit ja Folge des großen Eindrucks, den der rund 77 Millionen Euro teure Solitär aus Glas, Metall und „Dorfer grün“ – wie der moosig schimmernde Fassadenstein bezeichnet wird – auf die Betrachter macht. Seit einigen Wochen sind die Arbeiten an der Fassade so weit gediehen, dass die ungewöhnliche Gebäudekonstruktion langsam ihre Wirkung entfaltet. Interessanterweise hat dennoch weder die Namens- noch die Architekturdebatte eingesetzt.

          Darmstadt hat vor Monaten eine lebhafte Diskussion über die Gestaltung des nahen Kongresshotels erlebt – aber über die Anmutung des Darmstadtiums hat sich bislang nur ein Auswärtiger eindeutig öffentlich geäußert: Der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler sprach von einem „Glasmonster“, das das Gesicht der Stadt verstelle und „so heute nicht mehr gebaut würde“. Die Darmstädter Replik bestand aus der Bemerkung des Architekturprofessors an der Technischen Universität Werner Durth, man solle doch bitte mit einem Urteil warten, bis das Zentrum fertig errichtet sei.

          18.000 Quadratmeter Nutzfläche

          Dieser Termin ist nun schon sehr nahe herangerückt, zumindest äußerlich: Wer um das Darmstadtium herumläuft, bekommt bereits einen guten Eindruck von der Ausstrahlung des Objekts mit seinen 18.000 Quadratmeter Nutzfläche, das schon allein durch seine Masse ein Pendant zum Schloss bildet. Im Gebäudeinneren sieht es allerdings noch anders aus. Das Herz des Zentrums, der Kongresssaal für bis zu 2000 Personen: eine Großbaustelle. Das Foyer: ein gigantischer Gerüstedschungel. Die breiten Aufgänge und Emporen: Materialabstellplätze. Die Lieferanten- und Tiefgaragenebenen: wetterbedingt kleine Seelandschaften.

          Wer den Stand der Arbeiten sieht, mag kaum glauben, dass die TU hier schon am 16. November während der „Pre-Opening-Phase“ ihren ersten internationalen Kongress abhalten wird. Dass der Zeitplan gilt, daran hat Projektleiter Jürgen Müller vom Bauverein aber bislang keinen seiner Besucher zweifeln lassen, die er in mehr als 160 Begehungen durch den 300 Meter langen Komplex hindurchgeführt hat.

          Stadtmauer ragt in die futuristische Konstruktion hinein

          Das Darmstadtium, dessen Bauherren die TU und die Stadt sind, ist in vieler Hinsicht ein Ausnahmebauwerk. Es markiert zum Beispiel präzise den Punkt, an dem der Odenwald in den Rheingraben übergeht: Der östliche Teil steht auf hartem Fels, der vordere ist auf Sand gebaut. Einerseits hat das die Arbeiten erschwert, andererseits den Bau eines Erdkanals ermöglicht, durch den die Außenluft im Sommer abgekühlt und im Winter erwärmt werden kann. Zum geologischen Bruch kommt der historische: Die alte Stadtmauer ragt in die futuristische Konstruktion hinein. Und nicht nur sie, sondern auch ein bei der Ausschachtung unerwartet entdeckter mittelalterlicher Kriech- und Hörtunnel mit Wehrturm wurde freigelegt und so integriert, dass er nun als konstrastierendes Gestaltungselement wirkt.

          Die eigentliche Attraktion indessen lässt bislang noch nicht erkennen, wie ihre Synthese aus Funktionalität und Schönheit auf die Betrachter einmal wirken wird. Im Foyer soll sich der Blick der Gäste auf eine kühle Glas- und Metallkonstruktion mit Namen „Calla“ richten, die vom Dach des Gebäudes mehr als 20 Meter sich verjüngend in den Keller hinabstürzt – das gigantische technische Äquivalent einer Blume, die oben ihren Kelch weit öffnet, um das Regenwasser einzufangen, und es dann bis zu den „Wurzeln“ leitet. Im Darmstadt wird das Niederschlagswasser hinter den Glasschreiben der Calla in eine Zisterne im Keller laufen, wo es gespeichert und eingesetzt wird für die Kühlung der Klimaanlagen, die Außenbewässerung und die Toilettenspülung.

          „Marktplatz der Wirtschaft und Wissenschaft“

          Noch ist die Majestät der Glas-Metall-Blume ebenso nur zu erahnen wie die erstrebte Faszination des „Kleinen Saals“, der das Cybernarium beherbergen soll, eines der Aushängeschilder des Wissenschafts- und Kongresszentrums. Die Präsentation neuer Computertechnologien und virtueller Welten sollte ursprünglich auf 2000 Quadratmeter zu sehen sein. Seit April ist jedoch nur noch von einem Drittel an Ausstellungsfläche die Rede – und von alternativen Nutzungen des Kleinen Saals, zum Beispiel als „Marktplatz der Wirtschaft und Wissenschaft“. Die CDU hat erst vor kurzem zum Stand der Dinge eine Anfrage eingebracht, allerdings von Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) auch keine näheren Angaben über die aktuellen Planungen erhalten, für die die Wissenschafts- und Kongressgesellschaft zuständig ist.

          Während die CDU sich über mangelnde Informationen zu den erwarteten Besucherzahlen, den Mieteinnahmen und dem Angebot beklagt, versichert die für das operative Geschäft zuständige Kongressgesellschaft, dass die Vermarktung gut laufe. Auch Hoffmann sagte im Juni im Stadtparlament, es werde langsam schwierig, für 2008 noch einen freien Termin im Darmstadtium zu finden. Die eigentlich neuralgischen Punkte für das Wissenschafts- und Kongresszentrum sah er bei der Verkehrsführung und der Bettenkapazität der Darmstädter Hotels: Wenn wirklich mehr als 2000 Tagungsgäste an einem Tag kämen, könnte es nach Ansicht des Oberbürgermeisters auf den Straßen und bei der Zimmersuche eng werden – und das, obwohl gleichzeitig mit dem Darmstadtium das neue Kongresshotel eröffnen soll, das durch einen Tunnel von Besuchern sogar trockenen Fußes zu erreichen ist.

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