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Kasernen zu Wohnungen : „Urbanes Wohngebiet“ als Chance

Gut genug für amerikanische Soldaten und Flüchtlinge, aber nicht für Wohnungssuchende? Sportsfield Housing in Hanau Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Rathauschef von Hanau will das Bundesbaurecht geändert sehen. Der Vorstoß ginge nicht nur Hanau etwas an, sondern könnte vielen anderen Städten in Deutschland neue Möglichkeiten und Chancen eröffnen.

          Die Stadt Hanau spielt gerne den Vorreiter. Sie war die erste Stadt, die den Umbau ihrer City über das damals neue Instrument des „Wettbewerblichen Dialogs“ entwickeln ließ. Im Jahr 2014 erwarb die Stadt als erste in Deutschland das Siegel der „kinderfreundlichen Kommune“ von Unicef und Kinderhilfswerk.

          Jetzt schickt sich Oberbürgermeister Claus Kaminsky sogar an, eine Änderung im Bundesbaurecht zu erwirken. Der Vorstoß ginge nicht nur Hanau etwas an, sondern könnte vielen anderen Städten in Deutschland neue Möglichkeiten und Chancen eröffnen. Der Zeitpunkt für den Vorstoß, Kommunen mehr Kompetenzen bei der Entscheidung über Wohnbaugebiete zu eröffnen und Abstriche beim Immissionsschutz zu ermöglichen, ist günstig. Zum einen steht ohnehin eine Novellierung des Baugesetzbuches an. Die von Hanau angeregte „Experimentierklausel“ oder Schaffung der Möglichkeit eines „urbanen Wohngebiets“ könnte also ohne große Umstände in das Baurecht aufgenommen werden.

          Sozialer Sprengstoff

          Außerdem wird der Mangel an erschwinglichen Wohnungen für Durchschnittsverdiener größer und der soziale Sprengstoff, der dahinter steht, gefährlicher. Deshalb ist die Politik auf höherer Ebene gut beraten, wenn sie alle Möglichkeiten für Verbesserungen gründlich und wohlwollend prüft.

          Auch wenn in Hanau in letzter Zeit viel neuer Wohnraum entstanden ist und entstehen wird, fehlt es auch hier an Wohnungen, die sich nicht nur Besserverdienende leisten können. Die Politikverdrossenheit der Menschen würde sicherlich wachsen, wenn Wohngebäude wie auf Sportsfield Housing abgerissen würden, obwohl dort über viele Jahre amerikanische Familien leben konnten.

          Die Amerikaner haben die Gebäude und das Areal in einem ordentlichen Zustand hinterlassen, einige Häuser waren kurz zuvor sogar renoviert worden. Um die Sammelunterkunft für Flüchtlinge zu schaffen, investierte die Stadt in die Energie- und Wasserversorgung. Dieses Geld wäre bei einem Abriss der Häuser verloren.

          Vertrauensvorschuss für die Kommunen

          Geht der Bund auf den Vorschlag von Hanau ein, wäre das allerdings ein großer Vertrauensvorschuss für die Kommunen. Es müsste sichergestellt werden, dass von solchen Arealen, die zuvor nicht als Wohnbauland gehandelt wurden, keine privaten Investoren profitieren und spätere Mieten verteuern könnten. Und die Lebensqualität künftiger Bewohner müsste sichergestellt werden.

          So wäre es wichtig, wenn die Stadt Hanau bei einer Zustimmung zu ihren Vorschlägen für ein attraktives Wohngebiet auf Sportsfield Housing sorgen würde, in das nicht nur Bewohner mit schmalem Geldbeutel ziehen würden oder solche, die mit den kulturellen Gegebenheiten der Gesellschaft noch nicht vertraut sind. Auf ein gutes soziales Umfeld müsste ebenso geachtet werden wie auf viel Grün und attraktive Nahversorgungsangebote. Nur so könnte die Stadt dem Vertrauen, das ihr geschenkt werden würde, gerecht werden.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

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