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Helmut Schwan (hs.)

Attentat in Hanau : Wie kann es sein?

  • -Aktualisiert am

Jahrestag des Anschlags : Unter dem Motto „Kein Vergeben – Kein Vergessen – Gemeinsam gegen Rassismus“ wird in Hanau den Opfern gedacht. Bild: Lucas Bäuml

Mit der Erinnerung an die grauenhaften Taten in Hanau weiter zu leben, das bedeutet keineswegs, sich mit ihnen zu arrangieren. „Wie kann es sein?“, das muss dringend weiter gefragt werden.

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          Die Eltern, die Geschwister, die Freunde der Toten, sie haben jedes Recht zu fragen: Wie kann es sein? Die Ermittlungen zu dem Verbrechen von Hanau am Abend des 19. Februar 2020 sind so gut wie beendet, die Bundesanwaltschaft wird voraussichtlich schon bald den Abschlussbericht vorstellen.

          Die Erkenntnisse über den, wie es wohl für immer heißen muss, mutmaßlichen Täter Tobias Rathjen, die Skizzierung seines Lebens, wie er sich radikalisierte, das Wissen über seinen Hang zu Waffen und zu abstrusen Verschwörungstheorien, die starken Zeichen einer psychischen Erkrankung und die fast minutiöse Dokumentation dessen, was in Hanaus Innenstadt an jenem Abend geschah, all das wird die Morde nicht in einem Sinne aufklären können, dass sie zu begreifen sind.

          Für viele der Hinterbliebenen wird das voraussichtliche Ergebnis der sehr intensiven Ermittlungen, Tobias Rathjen habe allein, aus rassistischen, rechtsextremen Motiven gehandelt, daher nicht akzeptabel sein. Sie werden weiter fragen, wie es sein könne, dass ein Mann, der mit seinen kruden Thesen einer gegen ihn gerichteten Weltverschwörung sich an Polizei und Behörden und sogar an die Bundesanwaltschaft wandte, weiter unbehelligt blieb.

          Hat der Rechtsstaat versagt?

          Weshalb bei ihm nicht genauer hingeschaut wurde, so dass der gut trainierte Sportschütze seine Opfer mit kalter Präzision erschießen konnte, diese Frage wird zu Recht mit dem Vorwurf erhoben, insofern habe „das System“, der Rechtsstaat versagt. Viel zu viele Waffen sind weiterhin in Händen derer, denen sie trotz krimineller Neigungen, extremistischer Ansichten und psychischer Erkrankungen nicht entzogen werden.

          Auch Tobias Rathjen besaß die Waffe legal, mit der er zehn Menschen und schließlich sich selbst erschoss. Weshalb fiel keinem seiner Schützenbrüder auf, wie er sich veränderte, weshalb müssen die, die über Pistolen und Gewehre verfügen können, nicht öfter ihre Zuverlässigkeit überprüfen lassen? Und warum entscheiden Gerichte immer noch zu oft in Zweifelsfällen zugunsten der vermeintlichen Freiheit, den Sport ausüben, sich selbst schützen zu dürfen?

          Mit der Erinnerung an die grauenhaften Taten weiter zu leben, das bedeutet daher keineswegs, sich mit ihnen zu arrangieren. „Wie kann es sein?“, das muss dringend weiter gefragt werden. Die Justiz, die Polizei und Sicherheitsbehörden werden dabei auch ungerechtfertigte Vorwürfe aushalten müssen. Denn die Verbrechen von Hanau sind nicht zu ertragen, nicht nach einem Jahr, nicht nach zwei oder nach zehn. Sie dürfen auch deswegen nicht vergessen werden, weil sie mahnen, wie wichtig es für die Sicherheitsbehörden, aber auch für jeden Einzelnen ist hinzuschauen. Zwar mag zutreffen, dass sich zunehmend Menschen, die später Attentate begehen, heimlich zu Hause, am Computer, über das Internet radikalisieren. Aber niemand entwickelt soviel Hass aus dem Nichts.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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