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Down-Sportlerfestival : Nur die Kugel ist für ihn zu groß

  • -Aktualisiert am

Dehnen vor dem Lauf: Björn Stender beim Training Bild: F.A.Z. - Cornelia Sick

Der 19 Jahre alte Björn Stender ist Leistungssportler beim TV Idstein. Obwohl er das Down-Syndrom hat, trainiert er zweimal in der Woche mit den anderen. Nun tritt er beim Down-Sportlerfestival in Frankfurt an.

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          Die Sportler sind in Startposition. „Und los!“, ruft Trainer Eckart Kratz. Björn Stender und die anderen Leichtathleten des TV Idstein sprinten los. Ihre Gesichter sind angespannt, die Hände zu Fäusten geballt. Nach 100 Metern erreichen sie fast gleichzeitig das Ziel. Aus der Ferne ist zwischen ihnen kein Unterschied zu erkennen. Erst beim genaueren Hinsehen, fällt auf, dass Stender anders ist, denn der Neunzehnjährige hat das Down-Syndrom. Im Training verschafft ihm das jedoch keine Sonderstellung.

          „Holt schon mal die Speere“, ruft der Trainer und Stender springt als erster auf, um loszulaufen. In manchen Disziplinen, wie dem Hochsprung, hat der junge Sportler zwar aufgrund seiner von der Trisomie 21 bedingten kleinen Körpergröße Nachteile, aber von denen lässt er sich nicht unterkriegen. Im Training springt er bei einer Größe von nur 1,57 Meter bis zu 1,25 Meter hoch. „Er kann schnell anlaufen und kommt gut hoch,“ sagt sein Trainer, „nur an der Koordination über der Latte muss er noch arbeiten.“

          Mehrfacher Hessenmeister

          Wie jeder Leistungssportler muss der ehemalige Schüler der integrativen Gesamtschule Wallrabenstein mindestens einmal im Jahr zu einer sportärztlichen Untersuchung, um sich bescheinigen zu lassen, dass er sporttauglich ist. Das ist für Stender besonders wichtig, da die Muskelspannung von Menschen mit Down-Syndrom meist niedriger ist. Sport kann dieser Muskelschlaffheit jedoch entgegenwirken.

          Unterstützt wird Stender von seiner Mutter Susanne. „Mir war es wichtig, dass Björn und sein Bruder zumindest einen Sport machen, gar nicht unbedingt als Leistungssport“, sagt sie. Seit zehn Jahren trainiert Stender zwei Mal die Woche professionell beim TV Idstein Laufen, Springen und Werfen. Jeden Dienstag und Donnerstag eilt er besonders schnell von der Arbeit nach Hause, zieht sich um und fährt mit dem Fahrrad direkt zum Sportplatz Zissenbach.

          Obwohl für ihn der Spaß und nicht die Wettkämpfe im Vordergrund stehen, kann er inzwischen schon viele Erfolge vorweisen. In seiner Klasse war er mehrfacher Hessenmeister und belegte bei der Deutschen Hallenmeisterschaft der Leichtathletik des Behindertensports den dritten Platz im Kugelstoßen. Letztes Jahr bekam er für seine Erfolge die Sportplakette des Landes Hessen verliehen.

          Auf dem Platz stellen sich die Athleten in einer Reihe zum Werfen auf. Mit dem Speer trainiert Stender erst seit einem Jahr. Davor übte er sich regelmäßig im Kugelstoßen. Doch da die Kugel in der männlichen A-Jugend, in der der Neunzehnjährige jetzt antritt, sechs Kilo wiegt und er die für das Down-Syndrom typischen kleinen Hände hat, wurde es zunehmend schwieriger für ihn. Inzwischen zählt Speerwerfen aber schon zu seinen Lieblingsdisziplinen. Obwohl das Wurfgerät nur 600 Gramm wiegt, muss der Umgang mit ihm gelernt sein, sonst könnte man schnell jemanden verletzen.

          Die Konzentration ist sichtbar

          Als Stender sich auf den Dreimeterpunkt zum Anlaufen stellt, sieht man ihm die Konzentration deutlich an. Er übt noch einmal die Bewegung ohne den Speer, dann läuft er los, zielt mit der linken Hand in den Himmel und wirft. Nach fast 15 Metern Flug, landet der Speer am Boden und bleibt stecken. Stender reißt kurz die Arme hoch und freut sich.

          Dass der Speer im Boden steckt und nicht länglich aufschlägt, ist für ihn das Wichtigste, denn sonst wäre der Wurf in einem Wettkampf ungültig. „Denk ans Nachschlagen“ ermahnt sein Trainer ihn deswegen immer wieder und führt ihm die Bewegung, wie er seine Hand beim Abwurf umklappen muss, noch einmal vor. Beim nächsten Wurf, probiert Stender es mit einem längeren Anlauf. „Die letzten drei Schritte sind die entscheidenden“, erklärt Kratz. „Aber Vorsicht, der Anlauf ist rutschig“, fügt ein Teamkollege hinzu. Stender wirft, der Speer fliegt zwar weit, bleibt aber leider nicht stecken. Kurz ärgert er sich, dann lacht er schon wieder. „Ich bin etwas aufgeregt“, sagt er.

          Bevor das Training beendet ist, wird noch mit dem Schleuderball geübt. Schleuderball ist eine vereinfachte Form des Hammerwerfens, bei dem der Sportler einen ein Kilo schweren Ball aus Leder oder Hartgummi, der an einer 20 Zentimeter langen Schlaufe befestigt ist, nach einer Umdrehung, so weit schleudert wie möglich. „Das Drehen vor dem Werfen ist ein wenig wie ein Lasso“, sagt Stender und schwingt ein imaginäres Seil über seinen Kopf. Das Training mit dem Schleuderball klappt gut, auch wenn der Ball ab und zu etwas abseits der direkten Flugbahn auftritt.

          Heute wird Stender beim Down-Sportlerfestival in Frankfurt-Kalbach antreten. Das Festival findet in diesem Jahr schon zum siebten Mal statt, und Stender ist von Anfang an dabei gewesen. Dieses Jahr wird erstmals ein 1000-Meter-Lauf als Disziplin angeboten; den will er mitlaufen. Es ist schon die vierte Wettkampf-Teilnahme in dieser Disziplin für ihn. „Das Schwierigste ist die richtige Lufteinteilung“, sagt sein Trainer. „Man darf das Rennen nicht auf den ersten Metern gewinnen wollen, das gilt für Björn genau wie für jeden anderen Sportler.“

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