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Dottenfelder Hof : „Ich arbeite nicht für Geld“

  • -Aktualisiert am

Ab ins Grüne: Die Auszubildende Svenja Kaiser versorgt Kühe im Stall des Dottenfelder Hofs. Bild: Frank Röth

Vor 50 Jahren wurde der der Dottenfelder Hof gegründet. Heute besteht er aus 15 Männern und Frauen, die sich Arbeit und Verantwortung teilen – und aus einer Kasse leben.

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          Es riecht nach Kühen und Heu, Hunde rennen herum, vor dem Hofcafé trinken Besucher den ersten Kaffee. Morgenstimmung auf dem Dottenfelder Hof am Rand von Bad Vilbel. Er ist seit 1984 das Zuhause von Margarete Hinterlang. „Dass ich hier gelandet bin, hängt mit meinen Prägungen zusammen“, sagt die Dreiundsechzigjährige. In Frankfurt studierte sie Soziale Arbeit, lebte in Kommunen und Wohngemeinschaften, protestierte dagegen, dass an der Uni Noten verteilt wurden, und war Teil der Anti-Atomkraftwerk-Bewegung. „Ich war schon immer politisch“, sagt Hinterlang.

          Ihr ökologisches Bewusstsein und ihre Überzeugung, dass der Sinn der Arbeit nicht allein das Gehalt sein sollte, brachten sie schließlich auf den „Dotti“, wie der Hof von seinen Bewohnern liebevoll genannt wird. Dort fand sie Menschen, die ticken wie sie: „Ich arbeite nicht für Geld.“

          Dennoch arbeiten Margarete Hinterlang und ihre Mitstreiter viel – und wirtschaftlich erfolgreich. Das gemeinsame Anliegen ist es, biologisch-dynamische Landwirtschaft zu betreiben. „Wir sind eine Arbeitsgemeinschaft, teils auch Lebensgemeinschaft“, sagt Hinterlang. Ihr „Wir“ umfasst einerseits die gut 100 Bewohner und Mitarbeiter der Hofwirtschaft, im Besonderen aber die Betriebsgemeinschaft Dottenfelder Hof. Diese besteht mit wechselnden Mitgliedern seit 50 Jahren. Ihre Aufgabe ist es, den Hof und die eigenen Betriebe – Café, Käserei, Marktstände, Hofladen und Backstube – zu führen. Insgesamt gibt es 15 Geschäftsführer, die laut Statut ihre Entscheidungen im Konsens fällen müssen. Hinterlang ist eine davon.

          Vertrauen als Basis

          Von der täglichen Arbeit auf dem Feld oder in den Ställen entbindet sie das nicht. Hinterlang hat zu ihrer Freude verschiedene Berufe ausprobieren können. Begonnen hat sie im Kuhstall, dann ging sie in die Vermarktung, stand auf den Wochenmärkten in Frankfurt und übernahm schließlich die Öffentlichkeitsarbeit. Aktuell kümmert sie sich zudem um den Schulbauernhof. Sie habe sich immer weiterentwickeln können, genau wie der gesamte Hof. „Es ist mein Betrieb, obwohl mir hier nichts gehört.“

          Die Mitglieder der Betriebsgemeinschaft leben aus einer Kasse, Gehälter bekommen nur die Angestellten. Das habe immer funktioniert. Wer Geld braucht, macht eine sogenannte Kassenentnahme. „Jeder nimmt sich, wie viel er braucht. Das Ganze basiert auf Vertrauen.“ Auch größere Summen, beispielsweise für einen Urlaub in Nepal, seien kein Problem gewesen. „Man braucht auch mal Urlaub.“ Da der Hof gut laufe, sei immer genügend Geld für alle in der Kasse gewesen.

          Margarethe Hinterlang lebt seit 1984 auf dem Hof.
          Margarethe Hinterlang lebt seit 1984 auf dem Hof. : Bild: Frank Röth

          Auf dem Hof gibt es keine festen Arbeitszeiten, beziehungsweise keiner muss seine Stunden zählen. Jeder hat seine Aufgaben, weiß, worum er sich kümmern muss. Wer etwas braucht, der nimmt sich von den Hofprodukten. Gemüse, Obst, Milch und Käse, Marmeladen, Eier, Brot und Fleisch, alles aus eigener Produktion. Wer möchte, kommt zu den gemeinsamen Mahlzeiten in die große Küche. Hinterlang sieht man dort selten, sie kocht meist für sich und ihren Mann allein.

          Intensives Zusammenleben

          Im Hofalltag spielt es keine allzu große Rolle, ob jemand zur Betriebsgemeinschaft gehört oder als Angestellter in der Gärtnerei oder im Stall arbeitet. Paul Buntzel beispielsweise ist einer der Angestellten, kümmert sich hauptsächlich um die Kühe und erhält dafür ein festes Gehalt. Dennoch fühle es sich für ihn an, als würde er mit allen aus einem Topf leben. „Wenn ich mehr Geld brauchte, würde ich ja mehr bekommen. Was ich habe, das kommt vom Hof. Man hat hier seine Grundversorgung.“ Das Zusammenleben sei ziemlich intensiv.

          Jeden Dienstag treffen sich die 15 Hofverantwortlichen und diskutieren praktische Fragen rund um Ernte, Aussaat und Bauvorhaben. Alle zwei Wochen aber steht das Zusammenleben der Hofbewohner auf der Agenda.

          Wer gern sein eigenes Ding mache, für den sei das Leben auf dem Hof nicht das Richtige, sagt Hinterlang. Bis heute leben noch einige der Gründer von 1968 in einem Haus gegenüber dem Hofladen. Jüngere Familien bewohnen in den übrigen Gebäuden Wohnungen mit mehreren Zimmern. Auszubildene, Singles und junge Leute im Freiwilligen Ökologischen Jahr haben nur eigene Schlafzimmer, teilen sich Wohnzimmer und Bad. Hinterlang und ihr Partner hatten vorher lange überlegt, ob sie in einer solchen Gemeinschaft, die weit mehr teilt als ein übliches Kollegium oder eine Nachbarschaft, leben wollen.

          Freiheit, Gemeinschaft und Toleranz

          „Für mich war es nicht die große Liebe, keine Leidenschaft, eher eine Art Ruf“, sagt sie rückblickend. Sie wird demnächst in eine kleinere Wohnung ziehen und Platz für eine Familie machen. Drei Kinder hat sie auf dem Hof großgezogen, alle sind erwachsen und leben woanders. Selbst in dieser experimentierfreudigen und alternativen Umgebung war es damals Hinterlang, die sich als Mutter um Haushalt und Verpflegung kümmerte. „Da herrschten noch sehr patriarchalische Strukturen“, erinnert sie sich. Dafür, dass sich diese Rollenbilder auflösen, hätten sie und eine Freundin lange werben und viel diskutieren müssen.

          Dass sich am Ende einer Diskussion alle einig sein müssen, um etwas zu bewegen, ist im Alltag nicht immer einfach. „Das lähmt und verzögert natürlich manchmal“, sagt Hinterlang. In den Beratungen mit der Betriebsgemeinschaft und anderen Aktiven auf dem Hof sei es ihr nicht immer leichtgefallen, beispielsweise bestimmten Bauvorhaben zuzustimmen. Aber zu dieser Form des Zusammenlebens gehöre es nun einmal, sich selbst etwas zurückzunehmen und die Dinge gehen zu lassen. Das können nicht alle gleich gut. So wird das Thema Wohnraumverteilung inzwischen von einem Komitee entschieden, da es zu viele Diskussionen diesbezüglich gegeben hat.

          Das Zusammenleben auf dem Dottenfelder Hof basiere dennoch bis heute und wie in den Gründerjahren auf Vertrauen, Freiheit, Gemeinschaft und Toleranz. „Früher hat man hier aber noch näher zusammengelebt“, sagt Hinterlang. Damals lebten allerdings viel weniger Menschen auf dem Hof. Die Zeiten änderten sich halt.

          150 Kommanditisten entscheiden mit Die Betriebsgemeinschaft, die den Dottenfelder Hof führt, besteht seit gut 50 Jahren. Die Eigentümer- und Führungsstruktur ist ungewöhnlich: Neben den 15 Mitgliedern der Geschäftsführung entscheiden 150 Kommanditisten der Landwirtschaftsgemeinschaft Dottenfelderhof KG mit über die Geschicke der Gemeinschaft und tragen in erweiterter Runde die Verantwortung für die landwirtschaftliche Bewirtschaftung und den Vermarktungsbetrieb sowie für die Kooperation mit der Landbauschule Dottenfelderhof. Diese hat die Rechtsform eines gemeinnützigen Vereins, ihr gehören die Hofgebäude und etwa 20 Hektar des umliegenden Landes. Die restlichen 130 Hektar sind Eigentum des Landes und werden an die Landbauschule und damit an die Hofgemeinschaft verpachtet. (cabe.)

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