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Dorf auf dem Mainzer Uni-Campus : Das Glück am Rande

  • -Aktualisiert am

Nicolette Stewart. Bild: Helmut Fricke

Wohnen im Bauwagen, wenig Konsum, große Freiheit, das muss ein Leben sein wie in der Lektüre aus Kindertagen. Ein Besuch in einem Dorf auf dem Mainzer Uni-Campus.

          4 Min.

          Im Hof von Nicolette Stewart stapeln sich die Funde der Woche: ein Teeservice, echt gefälscht Kopenhagen, ein Stapel Holzkisten, zum Transport für den Laborbedarf, ein paar Möbel, die sie in einem kleinen Holzschuppen lagert. Nicolette Stewart ist 27 Jahre alt und hat viele Berufe. Sie ist Redakteurin, Musikerin, Verlegerin, Farmerin. Sie ist Sammlerin, Köchin, Veranstaltungsmanagerin, Restaurateurin. Sie wohnt in einem Bauwagen, besitzt einen weißen Laptop und schreibt einen englischsprachigen Blog, den sie "Click Clack Gorilla" nennt. 50 bis 100 Leute gehen täglich auf ihre Seite, um Texte zu lesen, Bilder zu betrachten, um digital teilzuhaben an einem bewusst gewählten, eigenwilligen Leben.

          Der Wagenplatz, auf dem Stewart lebt, befindet sich neben der Mensa auf dem Campus der Universität Mainz. Das Gelände ist besetzt. Die Universitätsverwaltung und die Bewohner der Bauwagen pflegen aber, wie Stewart sagt, einen angenehmen Umgang miteinander - das Wagendorf gibt es nun auch schon seit 22 Jahren. Auf dem Gelände wächst und wuchert es, aus allen Ritzen sprießt etwas, Hühner laufen umher. Zwischen Büschen und Bäumen stehen die Wagen selbst, bunte Holzgefährte, deren Anblick wehmütig stimmt. Die Lektüre aus Kindertagen fällt einem ein, der Kröterich in Kenneth Grahams "Wind in den Weiden" und sein schöner Zigeunerwagen, in dem man selbst auch so gerne mitgefahren wäre.

          „Ein bisschen autonom sollte es sein“

          Freilich ist das Leben in den Wagen nur im Sommer unbeschwert und romantisch. Wenn die Sonne scheint und die Vögel singen, wenn die Bäume grün sind. Ohne Heizung und fließendes Wasser ist es in den kalten Monaten des Jahres weniger angenehm. Die Wagenbewohner heizen mit Holzöfen. Es gibt in den Wagen Strom, aber keine Toiletten, keine Duschen. Zum Kochen wie für die hygienischen Bedürfnisse muss man das traute Heim verlassen.

          Bild: Helmut Fricke

          Drei Küchenwagen gibt es auf dem Gelände. Stewart spricht von der Veganerküche, der Luxusküche und der Punk-Küche. In den drei Küchen spiegelt sich die Vielfalt der Bewohner des Platzes wider. Rund 30 Personen leben dort. Es gibt kein Ethos, dem alle folgen müssten. "Ein bisschen autonom sollte es sein", sagt Stewart. Für sie selbst ist das Schöne am Leben auf dem Platz, dass jeder die anderen sein lässt, wie sie wollen, von ihr aus, sagt sie, könnte auch ein Bankmanager einen der benachbarten Bauwagen beziehen.

          Stilbewusstsein

          Stewart selbst wohnt mit ihrem Mann in einem hübschen, rostroten Gefährt. Es wirkt furchtbar gemütlich darin, linker Hand steht ein Bett mit dicker Überdecke, die Wände sind mit Büchern und Musik vollgestellt, von der Decke baumelt eine Gitarre, rechts steht ein Schreibtisch mit einer Schreibmaschine darauf. Aus den großen Fenstern fällt Licht in die kleine Wohnung. Unter dem Wagen liegen eine Nähmaschine und ein alter Grill, Waschkörbe voll mit Krimskrams, zerlegte Möbel, lauter Dinge, die einmal nützlich waren und es wieder werden könnten.

          Auf dem kleinen Hof gackern die Hühner, Hähne mit glänzendem Gefieder stolzieren zwischen den Fundstücken, Holzstößen, dem kleinen Gewächshaus und den Blumenbeeten umher. Nicolette Stewart sitzt auf einem Stuhl vor ihrem Heim und lässt sich von der Frühlingssonne wärmen. Die junge Amerikanerin trägt einen Kapuzenpullover, der mit dem Logo eines Wagenplatzfestivals bedruckt ist. Sie hat schmale Jeans an, die Füße stecken in Stiefeln, deren Reißverschluss nicht mehr funktioniert und die sie mit Sicherheitsnadeln zusammenhält. Sie wirkt dabei keineswegs heruntergekommen, ihre Garderobe zeigt auf eine nonchalante Art Stilbewusstsein. Unter der Wollmütze schauen braune Haare und ein paar Dreadlocks hervor.

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