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Dolzer, Cove & Co. : Maßkonfektion kommt immer mehr in Mode

Der Maßkonfektionär Dolzer nimmt alleine jedes Jahr 70.000 Anzüge und 100.000 Hemden und Blusen in Auftrag Bild: Hannes Jung

Mann kauft gerne nach Maß. Die Begeisterung ist im Rhein-Main-Gebiet besonders groß. Maßkonfektionäre haben gut zu tun und bauen ihre Geschäfte aus.

          Denkt Ebbo Tücking in seinem Düsseldorfer Büro an Frankfurt, gerät er „ins Schwärmen“. Nicht nur, dass hier das „bestgelaunte Team“ seines 1999 mit zwei Freunden gegründeten Unternehmens arbeite. Auch die Kunden machen den Schneidern des Maßkonfektionärs Cove & Co. am Main besondere Freude. Das sind: Banker, Versicherungsleute, Berater, unter ihnen viele mit Auslandserfahrung. „Das macht uns die Arbeit leichter“, sagt Tücking. Wer etwa in London gelebt habe, der kenne meistens auch die Maßateliers der Herrenausstatter auf der Savile Row. „Die meisten unserer Kunden sind sehr gut informiert.“

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Cove hat im März 2010 Geschäftsräume gegenüber dem Frankfurter Hof bezogen und fühlt sich hier so wohl, dass das Unternehmen mit bundesweit neun Filialen einen Leerstand in der Nachbarschaft nutzte, um die Atelierfläche bereits nach einem Jahr zu verdoppeln. In der Nähe der Alten Oper hat im Juni der renommierte Tuchhersteller Scabal Premiere im sogenannten Savile House gefeiert. Es ist sein erstes Atelier für Endverbraucher in Deutschland. Weitere sollen folgen.

          Von Krise auch in der Krise keine Spur

          Auch bei den traditionsreichen Maßkonfektionären Kuhn und Dolzer, beide mit je 15 Niederlassungen in Deutschland, stehen die Zeichen auf Expansion. In Frankfurt hat Kuhn soeben ein zweites Geschäft an der Kaiserstraße eröffnet, weil das bisherige an der Börsenstraße aus allen Nähten platzte. Kunden mussten lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Konkurrent Dolzer, bisher an der Hanauer Landstraße, ist jetzt auch mit einer Filiale in Wiesbaden vertreten.

          Krise? Davon hat die Branche, die den Spagat zwischen klassischem Handwerk und industrieller Fertigung versucht, in den vergangenen Jahren wenig gespürt. „Wir sind seit knapp zehn Jahren in der Stadt, und immer ging es ständig nach oben“, sagt ein Mitarbeiter bei Kuhn und berichtet selbst für die kleine Frankfurter Filiale von Millionen-Umsätzen. Jürgen Gietz, Marketing-Direktor der Firma Dolzer, die jedes Jahr 70.000 Anzüge und 100.000 Hemden und Blusen in Auftrag nimmt, berichtet von einem kontinuierlichen Wachstum in einer Branche, die zwar „immer noch eine kleine, aber zunehmend attraktive Nische“ besetze.

          Die Entwicklung hat vor allem zwei Gründe: der Wunsch nach mehr Service und Individualität. Im Geschäft für Maßkonfektion kann sich der Kunde seinen Anzug auf der Basis verschiedener Grundschnitte nach eigenen Wünschen und Vorstellungen zusammenstellen – notfalls auch mit unmoderner Bundfalte, wenn er dies unbedingt will. Einen roten Futterstoff zum anthrazitfarbenen Jackett – das finde man nicht unbedingt an der Stange, heißt es. Ebenso immer seltener die Möglichkeit für Menschen mit schwierigen Figurverhältnissen, Konfektionsgrößen miteinander zu kombinieren.

          Ein „guter Anzug“ nicht unter 800 Euro

          Deswegen gehen viele Männer – und inzwischen auch zunehmend Frauen – zu Dolzer und Kuhn. Die beiden Unternehmen mit Wurzeln im bayerischen Schneeberg sind die ältesten Anbieter am Markt, das Familienunternehmen Kuhn schon seit 1949, Dolzer wurde 1963 gegründet. Beide leben vom Massengeschäft. Die Einstiegspreise für Anzüge liegen unter 300 Euro.

          Das wirft bei Vertretern des klassischen Schneiderhandwerks, wie etwa Jürgen Thießen, Obermeister der Maßschneider-Innung Frankfurt/Main-Taunus, die Frage auf, wie das Geschäft überhaupt funktionieren kann. Ein „guter Anzug“ aus Maßkonfektion sei nicht unter 800 bis 1000 Euro zu machen. „Alles, was darunter liegt, spricht für ein fragwürdiges Material.“

          Stoffqualität bestimmt den Preis

          Freilich haben auch Dolzer und Kuhn teurere Linien im Programm. Den Preis bestimmt die Stoffqualität. Bis auf Dolzer fertigen die Unternehmen nach eigenen Angaben in Deutschland. Kuhn hat eine Produktion in Schneeberg. Dolzer lässt in einem eigenen Werk in Tschechien nähen. „Zu den Preisen, die wir anbieten, könnten wir in Deutschland nicht produzieren“, sagt Marketing-Chef Gietz.

          Neu in den Markt mit Discounterpreisen drängen Anbieter im Internet. Der Kunde muss in diesem Fall selbst das Maßband anlegen. Gietz sieht die Online-Konkurrenz daher nicht als Bedrohung. „Der Kauf eines Anzugs beginnt zwingend mit einem Gespräch in der Filiale.“ Auch Cove-Kollege Tücking setzt auf die persönliche Ansprache. „Der Kunde will betüdelt werden und plaudern.“ Das sei beim Anzug nicht anders als beim Wein. „Wer einmal direkt beim Erzeuger im Rheingau eingekauft hat, geht anschließend nicht mehr in den Supermarkt.“

          Mit zweierlei Maß

          Der Anzug aus Maßkonfektion ist nicht zu verwechseln mit dem Anzug vom Maßschneider.

          Der Maßanzug wird dem Kunden quasi auf den Leib geschneidert. Das bedeutet nach Angaben des Obermeisters der Maßschneider-Innung Frankfurt/Main-Taunus, Roland Thießen, 60 bis 70 Stunden Handarbeit. Bis zu drei Anproben gehören dazu. Unter 2500 Euro sei ein solcher Anzug nicht zu bekommen. „Wir bieten Qualität, wir machen Ferraris.“

          Die Maßkonfektion ist ein Mix aus Schneiderhandwerk und industrieller Massenfertigung. Nach Maß bedeutet in diesem Fall: Arm- und Beinlänge, Brust- und Bauchumfang werden von Hand oder mit dem Scanner gemessen - gefertigt aber wird der Anzug, den sich der Kunde nach eigenen Wünschen zusammenstellt, industriell. Eine Anprobe zwischendurch gibt es nicht. Erst bei Abholung wird nachjustiert. Große Filialisten wie Dolzer und Kuhn bieten Anzüge aus Maßkonfektion schon unter 300 Euro an. Cove (ab 600 Euro) und Scabal (ab 890) haben eine andere Zielgruppe. Preisentscheidend ist der Stoff. (hoff.)

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