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Diskussion über Integration : Mit Sarrazin im gleichen Sofa

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„Wir brauchen keinen Minister für Integration - außer für die Menschen aus Afrika und dem Mittleren Osten”: Thilo Sarrazin Bild: dpa

Mit Äußerungen über „Warmduscher“ unter Langzeitarbeitslosen und „Kopftuchmädchen“ hat sich Bundesbank-Vorstand Sarrazin den Unmut vieler Zeitgenossen zugezogen. Bei einer Diskussion in Wiesbaden über Integration und die Not im Volke diskutierte der Agent Provocateur indes zurückhaltend.

          Vor der Tür demonstrierten knapp 20 Mitglieder des „Wiesbadener Bündnis gegen rechts“ gegen den Auftritt eines „Rassisten“. Drinnen gab sich der so Gescholtene, Thilo Sarrazin, der Mann, der sonst freimütig gegen „Kopftuchmädchen“ und Sozialhilfeempfänger wettert, eher zurückhaltend: hart in der Sache zwar, aber, anders als bei anderen Gelegenheiten in den vergangenen Monaten, verbindlich im Ton. Seine Kernthesen: Ein Sozialsystem, das einem Zuwanderer fürs Nichtstun mehr Geld biete, als er in seiner Heimat durch redliche Arbeit verdienen könne, das sei auf die Dauer nicht überlebensfähig. „Das ist eine krasse Fehllenkung“, sagte der frühere Berliner Finanzsenator mit Nachdruck. Zudem seien seiner Ansicht nach vor allem Türken und Araber unwillig, sich in die deutsche Gesellschaft einzugliedern. „Wir brauchen keinen Minister für Integration - außer für die Menschen aus Afrika und dem Mittleren Osten“, fügte Sarrazin hinzu.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wer hierherkommt, um nichts zu tun, ist fehl am Platze“, konstatierte der Bundesbankvorstand und frühere SPD-Politiker, der auf Einladung von Justiz- und Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe mit dem Motto „Freiheit, die ich meine“ über das Thema „Chancen und Grenzen der Integration“ diskutieren durfte. Neben ihm auf dem Sofa im Justizministerium saß gestern Abend der türkischstämmige Journalist und Medienunternehmer Kenan Kubilay, der sich redlich Mühe gab, Sarrazin Kontra zu geben. Dass dieser dennoch von Anfang an die Meinungsführerschaft übernehmen konnte, lag nicht zuletzt daran, dass in der Dreierrunde, zu der auch Hahn gehörte, mehr aneinander vorbei als miteinander oder gegeneinander diskutiert wurde.

          „Habe grundsätzlich nichts zurückzunehmen“

          Grundsätzlich habe er von seinen provokanten und heftig umstrittenen Meinungsäußerungen über Zuwanderer und Sozialhilfeempfänger nichts zurückzunehmen, stellte Sarrazin klar, der Sozialhilfeempfängern erst jüngst als „Spartipp“ empfohlen hatte, kalt zu duschen. In seinem Büro stapelten sich rund 860 Briefe, sagte er; 50 davon vom „bräunlichen Rand“, 16 negativ und alle anderen positiv, „teilweise emphatisch positiv“. Er spreche eine „Not im Volke“ an, die von der Politik offenbar noch weitgehend ignoriert werde. „Man kann sich fragen: Wie kam das Hühnerauge in den Schuh?“, sagte Sarrazin. „Aber dass das Hühnerauge weh tut, das ist doch offensichtlich.“

          Am Ende gab es für seine Botschaften Beifall von einer Mehrheit der rund 160 Zuhörer. Mitglied der SPD ist der vor Selbstbewusstsein strotzende Polemiker übrigens immer noch - und er will es auch bleiben, obwohl manche seiner Parteifreunde den Agent Provocateur lieber heute als morgen gehen sähen. Dass er von einem hessischen SPD-Landtagsabgeordneten zum Austritt aus der Partei aufgefordert worden sei, habe er zur Kenntnis genommen, sagte Sarrazin. Angesichts solcher Reaktionen und einer derartigen Ignoranz gegenüber der sozialpolitischen Realität wundere es ihn aber nicht, dass die Hessen-SPD in Umfragen so extrem schlecht dastehe.

          „Wenn es umkippt, dann kippen wir beide um“

          Minister Hahn zeigte sich während der Diskussion „unschlüssig“, ob die Debatte, so wie Sarrazin sie führe, der Integration mehr helfe oder schade. Kubilay sah da klarer: Er sprach von Erniedrigung und Beschimpfung, und dann, direkt an Sarrazin gewandt: „Wir sitzen im gleichen Sofa. Wenn es umkippt, dann kippen wir beide um.“

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