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Zukunftsforscher alarmiert : Digitalisierung in der „Korrekturschleife“

Made in Darmstadt: Wie handgreiflich Digitalisierung sein kann, wurde jüngst auf der Expo bei Merck vorgeführt. Bild: dpa

Zukunftsforscher Matthias Horx dämpft den Optimismus in der „Digitalstadt“ Darmstadt. Er sieht den Internethype am Scheitelpunkt. Denn jeder Trend löst früher oder später einen Gegentrend aus.

          3 Min.

          Wenn Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) die Zauberformeln für Zukunftsoptimisten sind, dann wirkt Matthias Horx gerade als der große Desillusionierer. Was ziemlich ungewöhnlich ist, hat er doch als Futurologe Bücher geschrieben mit Titeln wie „Anleitung zum Zukunfts-Optimismus: Warum die Welt nicht schlechter wird“, in denen er sehr laut Alarm schlug gegen den pessimistischen Alarmismus der Zeit.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Und nun das: Auf dem Frank-Schirrmacher-Forum der Evangelischen Stadtakademie zum Thema „Ethik 4.0 – Auf Augenhöhe mit der digitalen Revolution?“ verkündet er den Peak der schönen neuen Internetwelt. Apple, Amazon, Google, Facebook – alle vier IT-Giganten sieht er am Scheitelpunkt und vor dem Absturz. „Wir sind in einer Kommunikationskrise, und die Digitalisierung bewegt sich auf eine Korrekturschleife zu“, prognostizierte Horx. Sein persönliches Zukunftsstichwort lautet „digitale Emanzipation“. Die dürfe der Bürger aber nicht allein der Politik überlassen.

          In Darmstadt sind die Vorträge der Evangelischen Stadtakademie keine rein akademischen Veranstaltungen, seit der IT-Branchenverband Bitkom die südhessische Kommune zur „Digitalstadt“ erklärt hat. Darmstadt soll in Deutschland modellhaft vormachen, wie die neue digitale kommunale Welt aussehen könnte. Der Akademie ist es mit zu verdanken, dass die Stadtverwaltung diesen ziemlich aufwendigen Prozess durch einen Ethikbeirat begleiten lässt. Das Gremium hat zweimal fern der Öffentlichkeit getagt und wird sich voraussichtlich am 20. Dezember und dann wieder im nächsten Jahr treffen. Die Wirkung des Beirats war bislang eher homöopathischer Natur.

          „Zukunft entsteht, wenn Beziehung entsteht“

          Dabei spielen für Horx der Faktor Mensch und damit sämtliche ethischen Fragen die zentrale Rolle auch in der durchdigitalisierten Welt. Intelligente Maschinen seien keinesfalls Wesen mit Bewusstsein. Kontext, Bedeutung und Emotion lägen auf Dauer jenseits ihrer Möglichkeiten. Deshalb dürfe die Künstliche Intelligenz nicht mystifiziert werden. Der Pflegeroboter zum Beispiel stelle nur die „höchste Form der Vereinsamung“ dar und keineswegs ein Wundermittel. „Zukunft entsteht, wenn Beziehung entsteht. Nur aus Anerkennung des anderen resultiert Selbstwirksamkeit“, sagte Horx.

          Was so philosophisch klingt, hat für den Chef des Frankfurter Zukunftsinstituts lebenspraktische Auswirkungen und erklärt für ihn die Ursache der digitalen Krise. 41 Prozent der Jugendlichen gäben mittlerweile an, sich vor einer durchorganisierten digitalen Welt zu fürchten. Facebook verliere im Sekundentakt Follower. Der Smartphone-Markt sei gesättigt. Digitaler Exhibitionismus komme immer mehr aus der Mode, dafür wachse das Bewusstsein für die negativen Folgen des „Plattform-Kapitalismus“, die am heftigsten von ehemaligen Avantgardisten der Branche wie Sean Parker, Tristan Harris oder Jaron Lanier kritisiert würden. Die Cebit-Messe, einst Aushängeschild der Branche, habe schon dichtgemacht.

          Horx sieht in diesen Entwicklungen eine „Selbstregulation des Systems“. Da der Mensch ein Beziehungswesen sei, empfinde er früher oder später die „Like“-Bottons nur noch als „Schrottpartikel des Lebens“, weil er immer deutlicher spüre, dass die Kommunikationsstruktur des Digitalen nicht „menschengerecht“ sei: „Wir sind im digitalen Raum nicht zu Hause. In dieser Welt können wir uns nicht wirklich verankern.“

          „Selbstermächtigung“ der Bürger

          Eine Analyse, die nun keineswegs bedeutet, dass Horx dem Digitalen keinen Platz mehr in der Zukunft einräumt. In seinem Modell verläuft die Welt grundsätzlich dialektisch, das heißt, jeder Trend löst früher oder später einen Gegentrend aus. Auf die Globalisierung folgt Nationalismus, auf Individualisierung ein neues Gemeinschaftsbedürfnis, durch das Digitale wird die Sehnsucht nach der analogen Welt wachgerufen:. „Das 3D-Kino ist out, die Vinylplatte wieder sehr gefragt.“ Technische Innovation folge eben einem „Evolutionspfad“, auf dem sich Fehlentwicklungen von selbst regulierten.

          Dass dies auch für Darmstadt gilt, zeigt die aktuelle Bürgerumfrage. Dort wird zwar der Aufbau eines öffentlichen W-Lan-Netzes von mehr als 60 Prozent befürwortet. Aber nur 20 Prozent der Darmstädter wünschen die digitale Patientenkarte. Für Horx sind solche Werte ein Hinweis auf die „Selbstermächtigung“ der Bürger, die offensichtlich die Medizin als eines der „heikelsten Gebiete der Digitalisierung überhaupt“ erkannt haben.

          Mit dem Vortrag ging das vierte Schirrmacher-Forum der Stadtakademie zu Ende. Im kommenden Jahr fortgesetzt wird die Reihe zu Identität und Transformation, die auf literarische Spurensuche zwischen Deutschland und Russland geht. Der Verständigung ist auch die „Russland-Reise“ des Staatstheaters gewidmet, in dem das Publikum sich zum Beispiel auf die Spuren deutsch-russischer Geschichte im Stadtbild machen kann. Im Philosophisch-Theologischen Salon der Stadtakademie geht es nächstes Jahr ebenfalls um Grenzen und deren Überwindung, in diesem Fall am Beispiel Europas: „Wie Europa sich selbst wiederfindet. Fünf Zukunftsperspektiven“.

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