https://www.faz.net/-gzg-9jod5

Digitaler Nahverkehr : Wie sinnvoll ist W-Lan im Zug?

Zugänglich: Viele S-Bahn-Kunden suchen gezielt Wagen mit W-Lan-Symbol. Bild: dpa

Während der Fahrt gratis ins Internet? Bald soll es im Rhein-Main-Gebiet W-Lan für Züge und Fahrkartenautomaten geben. Doch die Frankfurter Verkehrsgesellschaft zögert: Ist W-Lan nicht bereits eine veraltete Technologie?

          Manche Fahrgäste der S-Bahn sind sehr wählerisch. Sie steigen nur in Wagen ein, die mit einem W-Lan-Symbol gekennzeichnet sind. „Ich brauche während meiner Fahrt zur Arbeit einen Internetzugang“, sagt ein Pendler aus der Wetterau. Normalerweise finde er immer einen mit W-Lan ausgestatteten Wagen, erzählt der Mann, der in Frankfurt für eine Bank arbeitet.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bald werden S-Bahn-Pendler gar nicht mehr nach W-Lan-Symbolen Ausschau halten müssen. Denn bis Ende des Jahres sollen alle S-Bahnen im Rhein-Main-Gebiet vollständig mit Routern ausgerüstet sein, die den Kunden des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV) einen unentgeltlichen Zugang ins Internet erlauben. Begonnen hat die Aufrüstung der S-Bahnen im Mai vergangenen Jahres. Mittlerweile ist etwa die Hälfte der knapp 200 Züge mit Routern ausgerüstet. „Wir liegen im Zeitplan“, heißt es beim RMV. Der Verbund investiert fünf Millionen Euro in das Vorhaben.

          Auch die Passagiere in den Regionalzügen dürfen auf einen flächendeckenden Internetzugang über W-Lan hoffen. Denn deren Wagen sollen ebenfalls allesamt mit Routern ausgestattet werden. Schreibt der RMV eine Regionallinie neu aus, verlangt er von Interessenten, die sich um die Aufträge bewerben, Züge mit W-Lan. Nach und nach wird es so zu einer Abdeckung von 100 Prozent kommen. Auf den Linien von Frankfurt in die Rhein-Neckar-Region (RE60, RB67, RB68 und RE70) werden schon seit dem vergangenen Jahr neue Fahrzeuge mit Routern eingesetzt. Der Main-Neckar-Ried-Express war damit die erste Linie der Regionalbahn, die ihren Fahrgästen den Zugang zum Internet unentgeltlich angeboten hat.

          Logischer Schritt Richtung „Digitaler Nahverkehr“?

          Wie stark die Kunden den W-Lan-Service in Zügen in Anspruch nehmen, zeigt sich am Beispiel der Regionallinie Südhessen-Untermain von Wiesbaden über Mainz und Darmstadt nach Aschaffenburg (RB58, RE59 und RB75), die von der Hessischen Landesbahn seit dem Fahrplanwechsel im Dezember betrieben wird. Dort fahren nagelneue, mit W-Lan-Routern ausgestattete Züge. Nach Angaben der Landesbahn verdoppelte sich die Zahl der W-Lan-Nutzer von anfangs knapp 5000 auf jetzt 10.000 am Tag. Die Resonanz bei der Kundschaft sei ausgesprochen gut, hieß es.

          Als Nächstes werden die Fahrzeuge der Taunusstrecke (RE20 und RB22) im Rahmen eines Fahrzeugwechsels sukzessive mit W-Lan ausgerüstet. Bis Ende 2021 soll es in allen Zügen Router geben. Ob auch die Dreieichbahn W-Lan bekommt, ist zurzeit Thema in Verhandlungen mit der Bahn. Neuland im öffentlichen Nahverkehr hat der RMV beschritten, als er auch einen Bus mit Internetzugang ausstattete. Gemeint sind die Fahrzeuge der Linie X17 von Hofheim nach Neu-Isenburg. Nun plant der Verbund, auf allen X-Bus-Linien, die Direktverbindungen zwischen wichtigen Knoten im Frankfurter Umland ermöglichen, W-Lan anzubieten.

          Nun geht der RMV noch einen Schritt weiter und rüstet auch seine Fahrkartenautomaten mit Internetzugang aus. Mit dem Unternehmen Transdev, das vor geraumer Zeit den Auftrag für das Aufstellen und die Betreuung von mehr als 600 Fahrkartenautomaten gewann, hat der RMV vertraglich vereinbart, diese Automaten ebenfalls mit Routern zu versehen. Ein solcher Fahrkartenspender mit W-Lan wurde jüngst auf dem Bahnhof in Oberursel vorgestellt. Bis Ende Februar soll dieser Service an den meisten der 600 Automaten verfügbar sein. Bis zu 100 Megabit pro Nutzer bietet dann der Verbund vor allem an seinen besonders frequentierten Bahnhöfen und Haltestellen an. Für RMV-Geschäftsführer Knut Ringat ist die Ausstattung der Automaten mit W-Lan der logische Schritt in Richtung eines digitalen Nahverkehrs. Die Kunden könnten jetzt an vielen Haltestellen und in zahlreichen Zügen nicht nur Ticktes buchen oder Auskünfte zu Verbindungen online einholen, sondern auch nach Lust und Laune surfen, ohne das eigene Datenvolumen zu strapazieren.

          W-Lan nicht mehr nötig?

          Der RMV zeigt sich überzeugt davon, dass das Fahren mit Bussen und Bahnen durch die für Kunden unentgeltlichen Internetzugänge noch attraktiver wird. Hochtaunus-Landrat Ulrich Krebs (CDU), der stellvertretender RMV-Aufsichtsratsvorsitzender ist, sagt: „Mit dem kostenlosen W-Lan-Angebot punktet der öffentliche Nahverkehr ganz deutlich gegenüber dem Auto.“ Vor allem nützte das Fahrgästen, die in Gebieten verkehrten, in denen es bisher kein öffentliches Internet gebe. In Frankfurt gibt es freilich noch Fahrkartenautomaten ohne W-Lan. Auch in den U-Bahnen und Straßenbahnen sucht der Kunde vergeblich nach Routern.

          Womöglich wird das auch so bleiben. Jedenfalls möchte die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF), die den städtischen Schienenverkehr betreibt, nichts übers Knie brechen. Eine Ausstattung des Frankfurter ÖPNV mit Internetzugang könnte sich nämlich nach Meinung von VGF-Geschäftsführer Michael Rüffer schnell als Fehlinvestition erweisen. Gebe es erst einmal ein gut ausgebautes 5G-Mobilfunknetz, stelle W-Lan eine veraltete Technologie dar, meint er. Schon jetzt haben Fahrgäste in Frankfurt laut Rüffer kaum Probleme, in den Bahnen und Bussen sowie an den Stationen ins Internet zu kommen. Das starke Mobilfunknetz in der Mainmetropole mache dies möglich. Deshalb prüfe die VGF derzeit, ob eine Investition in W-Lan überhaupt sinnvoll sei.

          Weitere Themen

          Mit Router, mit Hefe, ohne Verb

          FAZ.NET-Hauptwache : Mit Router, mit Hefe, ohne Verb

          In Zügen des RMV kann man bald W-Lan genießen und auf Kleinanzeigen-Portalen bleibt die Kommunikation trotzdem schwierig. Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main steht in der FAZ.NET-Hauptwache.

          So fühlt es sich an, ein Kind zu verlieren Video-Seite öffnen

          Kampf gegen die Trauer : So fühlt es sich an, ein Kind zu verlieren

          Der Tod des eigenen Kindes ist der schlimmste Schicksalsschlag, den Eltern erleiden können. Als ein Ehepaar ihren Sohn verliert, stellen sich Vater und Mutter jeder auf seine Weise dem Kampf gegen die erdrückende Trauer. Im Interview erinnern sie sich.

          Topmeldungen

          Geht es Arbeitnehmern wirklich so schlecht?

          Ausgebeutete Arbeitnehmer? : Der Markt ist klüger als die SPD

          Arbeitnehmer haben heute so viel Macht wie selten zuvor. So manchen Arbeitgeber treiben sie gar zur Verzweiflung. Nur: Wer sagt das jetzt den Sozialdemokraten? Die sprechen weiter von Gerechtigkeitslücken, die angeblich geschlossen werden müssen.

          F.A.S. exklusiv : Lungenärzte wehren sich im Streit um Stickoxid-Grenzwerte

          Die Grenzwerte für Diesel-Abgase sind nicht richtig, sagt der Lungenarzt Dieter Köhler. Doch er hat sich verrechnet. Jetzt kontert der Mediziner. Und auch seine Unterstützer bleiben ihm treu – sie feilen an einer gemeinsamen Erklärung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.