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Digitale Vorlesungen : Mein Prof für daheim

Alles auf dem Schirm: Digitale Vorlesungen, wie diese im Fach Informatik, gehören an der Goethe-Universität längst zum Alltag Bild: Universität

Immer mehr Vorlesungen stehen Studenten und Laien digital zur Verfügung. Es gibt sie als DVD zu kaufen - oder kostenlos auf den Lernplattformen der Hochschulen. Die E-Learning-Center bieten auch Hilfe zu Rechtsfragen.

          Zwischen Karl Jaspers, Oskar Negt und Viktor Frankl sind auch ein paar jüngere Semester zu finden: der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger zum Beispiel, mit 15 Vorlesungen zur „Philosophie des Bewusstseins“, gehalten an der Mainzer Universität im Wintersemester 2007/2008. Als DVD zum Zu-Hause-Gucken für jedermann erhältlich - für knapp 20 Euro.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einige Verlage haben sich darauf spezialisiert, wissenschaftliche Vorträge und ganze Vorlesungen als Datensätze zu publizieren. Der Markt wachse, sagt etwa die Geschäftsführerin des Verlags Auditorium-Netzwerk, Petra Alber, die auch einige hiesige Professoren in ihrer Autorenliste hat. Kein Video, sondern eine Audio-Datei ist die in ihrem Verlag in Kooperation mit Jokers/Weltbild erschienene Ringvorlesung, die der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik und der Soziologe Tilman Allert an der Frankfurter Universität 2009/10 kuratiert haben: „Wie wir wurden, wer wir sind - Deutsche Biographien“, 15 Stunden und 36 Minuten im MP3-Format. Beiträge zur sogenannten Bürgeruniversität, zu der diese Ringvorlesung zählte, würden häufig dokumentiert, als Buch, Zeitschrift oder in diesem Fall als Hörbuch, heißt es von der Goethe-Universität. Schließlich solle gerade dieses Format auch möglichst vielen Bürgern zugänglich sein.

          Micha Brumliks Vorlesung in zehn Teilen

          Die aber können sich mittlerweile aus dem Vollen bedienen - über das Internet und kostenlos. Micha Brumliks Vorlesung „Erziehung und Bildung im deutschen Idealismus 3“ etwa steht, in zehn Teilen, im sogenannten E-Lecture-Portal der Goethe-Universität. Interessierte Laien profitieren von den E-Learning-Angeboten, die in erster Linie als Ergänzung der Präsenzlehre für Studenten gedacht sind. Immer mehr Inhalte werden digitalisiert, nicht nur an der Technischen Universität (TU) Darmstadt, deren seit 2009 laufendes Programm „TU-Online-plus“ aus Mitteln zur Verbesserung der Lehre jetzt neu ausgeschrieben wurde. Interaktive Lernformate werden dort gefördert, Videomitschnitte von Vorlesungen sind im e-learning-Center der TU verfügbar. Viele davon für jedermann; sogar ganze Lehrfilme, etwa aus der Physik, sind eigens für diesen Zweck produziert und online öffentlich zugänglich gemacht worden. Das, so sagt Anne Bieberstein vom E-Learning-Center, entspreche dem Selbstverständnis der TU, ihr Wissen der Allgemeinheit zurückzugeben, nach dem Motto „Bildung für alle“.

          Auch Claudia Bremer, mit dem Informatikprofessor Detlef Krömker für die Abteilung Studium digitale der Frankfurter Universität verantwortlich, glaubt an diese Verpflichtung. Vor allem aber werden Vorlesungen aufgezeichnet, um Studenten, etwa Nichtmuttersprachlern, die Verständnisschwierigkeiten haben, ein individuelles Nachbereiten zu ermöglichen. Außerdem gelten übervolle Hörsäle und Überschneidungen im Lehrplan als Gründe, das Aufzeichnen von Vorlesungen auszubauen. In Frankfurt geschieht dies seit fünf Jahren, mit wachsendem Erfolg. Im soeben abgelaufenen Wintersemester wurden 33 Vorlesungen, 100 Stunden je Woche, aufgenommen, im Sommer werden es 50 wöchentliche Vorlesungen sein, die, versehen mit eigenem Trailer und Goethe-Logo ins Netz wandern.

          Viele Vorlesungen sind frei

          Videoteams der Abteilung Studium digitale lernen dazu die studentischen Hilfskräfte der Professoren an, auch Dokumentationen werden im eigenen Studio produziert - je nach Angebot zahlen die Lehrstühle dann für die Leistung. Zugänglich sind die Daten der Online-Lern-Portale in drei Öffentlichkeitsstufen: Viele Vorlesungen sind frei, andere Daten sind nur für die Teilnehmer einer Tagung oder eines Seminars abrufbar, besonders geschützt sind interaktive Lernformen.

          Die anfängliche Skepsis mancher Hochschullehrer angesichts der gefilmten Vorlesungen sei geschwunden, sagt Bremer, auch, was rechtliche Bedenken angehe. Was Professoren konzipierten und selbst erforscht hätten, gehöre ihnen, erklärt Jan Hansen, Geschäftsführer des in Darmstadt ansässigen Hessischen Telemedia Technologie Kompetenz-Centers. Auch Ergebnisse anderer dürfen - korrekt - zitiert werden. Schließlich sei Wissenschaft stets ein Aufnehmen und Weiterverarbeiten von eigenen und fremden Inhalten.

          Auch Hilfe zu Rechtsfragen

          Anders sieht es aus, wenn Hochschullehrer ihre Vorlesung außerhalb der Hochschule auf DVD vermarkten. Das, so Hansen, dürften sie, denn ihre Arbeit gehöre ihnen selbst. Die Rechte an allen fremden Inhalten allerdings müssen geklärt sein - das ist Sache des Verkäufers. Im Grunde, so Anette Volp von der Rechtsabteilung der Goethe-Universität, müsse jeder Fall einzeln betrachtet werden. Die digitale Community baut schon einmal vor: In den E-Learning-Centern gibt es auch Hilfe zu Rechtsfragen. Und Foren zum digitalen Lernen - online, natürlich.

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