https://www.faz.net/-gzg-agui8

Hildegards Riesencodex : Im Leiterwagen in den Westen

Kein altes Gemäuer: Die Abtei St. Hildegard wurde von 1900 bis 1904 errichtet. Bild: Marcus Kaufhold

Der Riesencodex der Hildegard von Bingen schien nach dem Zweiten Weltkrieg verloren. Doch eine „Entführung“ brachte ihn wieder an den Rhein, wie die Historikerin Christiane Heinemann in einem Buch schildert.

          3 Min.

          Mit seiner ungewöhnlichen Kette und dem einen halben Meter hohen Einband aus Schweinsleder, Holz und Metall ist er eine imposante Erscheinung. Und mit 15 Kilogramm ist er alles andere als ein Leichtgewicht. Doch die inneren Werte zählen noch mehr: Der Riesencodex der Hildegard von Bingen ist eine der wertvollsten mittelalterlichen Handschriften. Ein Codex als enzyklopädisch geordnete Gesamtausgabe der Schriften Hildegards ist für das Mittelalter eine höchst ungewöhnliche, einzigartige Publikation. Sie besteht aus 481 beidseitig beschriebenen Pergamentblättern.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Zum größten Teil ist der Codex wohl noch zu Lebzeiten Hildegards entstanden und erst nach ihrem Tod – vermutlich vor 1187 – fertiggestellt worden. Er ist damit das Vermächtnis der 2012 heiliggesprochenen Ordensfrau, Kirchenlehrerin und Klostergründerin. Hildegard von Bingen gilt bis heute als eine der bemerkenswertesten und einflussreichsten Frauen des Mittelalters, und der Riesencodex als Gesamtwerk ihrer Schriften ist ein Schlüssel für die heutige Forschung.

          Zur Sicherheit nach Dresden

          Ein Schlüssel, der nach dem Zweiten Weltkrieg verloren schien. Nach der Eskalation des alliierten Bombenkriegs schien die Wiesbadener Landesbibliothek für die Aufbewahrung der Handschrift nicht mehr sicher genug. In der ehemals neu gegründeten „Öffentlichen Bibliothek des Herzogtums Nassau“ lagerte der Codex seit der Säkularisierung des Eibinger Benediktinerinnenklosters im Jahr 1814. Auch das war damals schon eine Zuflucht, nachdem das Mutterkloster auf dem Binger Rupertsberg 1632 von schwedischen Truppen geplündert worden war. Mitten im Zweiten Weltkrieg sollte es zur Sicherheit diesmal nicht nur über den Rhein gehen, sondern in den Tresor der Girozentrale Sachsen in Dresden.

          Verloren geglaubter Schatz: Der Riesencodex der Werke von Hildgard von Bingen wurde ursprünglich in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim gelagert.
          Verloren geglaubter Schatz: Der Riesencodex der Werke von Hildgard von Bingen wurde ursprünglich in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim gelagert. : Bild: Landesbibliothek Rhein-Main

          Diese Lösung soll schon damals Kopfschütteln hervorgerufen haben, und die Historikerin und Archivarin Christiane Heinemann kann die Entscheidung für die Verlagerung des Kulturgutes in das Zentrum einer zweifellos von Bomben ebenfalls gefährdeten Großstadt auch rückblickend nicht nachvollziehen. Während andere Handschriften einschließlich des kleineren Scivias-Codex von Hildegard bis heute verschollen sind und womöglich verloren gingen, überstand der Riesencodex das Dresdner Bomben-Inferno im Februar 1945 und sogar die Plünderungen durch sowjetische Soldaten.

          Nach Kriegsende interessierten sich die Alliierten für die Kulturgüter. Schon im August 1945 war der Militärregierung in Wiesbaden ein Bericht vorgelegt worden, wonach sich der „Gesamtwert der in Dresden untergebrachten Handschriften auf mindestens fünf Millionen Reichsmark belaufen dürfte. Ein Ersatz ist völlig unmöglich, da es sich um durchweg einmalige Exemplare handelt.“

          Der neue Leiter der Nassauischen Landesbibliothek, Franz Götting, bemühte sich nach den Recherchen von Heinemann engagiert um die Rückführung des Codex. Doch zahlreiche Versuche scheiterten, und auch dem Verhandlungsweg war zunächst kein Erfolg beschieden. Dann trat Margarethe Kühn auf den Plan: eine in Westberlin wohnende und am Ostberliner Institut „Monumenta Germaniae Historica“ arbeitende Wissenschaftlerin, die ihrem Leben mit dem Eintritt in die Abtei St. Hildegard eine Wende geben wollte. Sie widmete sich fortan der Wiedergewinnung des zentralen Vermächtnisses der Hildegard von Bingen.

          Eine filmreife Geschichte

          Wie sie den Riesencodex unter einem Vorwand von Dresden nach Ostberlin holt, ihn dann per Leiterwagen in ihre Westberliner Wohnung karrt und er dank der Kontakte zu einer amerikanischen Offiziersgattin in einem Zug der Alliierten 1948 den Weg zurück in die Abtei und einige Monate später in die Wiesbadener Landesbibliothek findet, ist eine filmreife Geschichte. Eine Entführungsgeschichte aus der Ostzone, die Heinemann als 94. Publikation der Historischen Kommission für Nassau veröffentlicht hat.

          Wissen war nie wertvoller

          Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Um das Dresdner Kulturministerium zu täuschen, das nach sieben Monaten Ausleihe die Rückgabe forderte und sich nicht länger vertrösten ließ, wurde in der ursprünglichen Metallkassette des Riesencodex ein äußerlich ähnliches Buch in den Osten zurückgeschickt. Doch darauf fielen die Experten des Ministeriums für Volksbildung nicht herein, obwohl die charakteristische Kette daran befestigt war, die ursprünglich als Verbindung zum Lesetisch diente.

          „Tante Hilde“: So lautete das Codewort für den Kodex während des Kalten Krieges
          „Tante Hilde“: So lautete das Codewort für den Kodex während des Kalten Krieges : Bild: Landesbibliothek Rhein-Main

          Zeitweise befürchteten die Eibinger Schwestern, den Schatz wieder zurückgeben zu müssen, nachdem der Schwindel aufgeflogen war. Der Riesencodex drohte, zum Politikum im Kalten Krieg zu werden. Kühn und ihr sie deckender Vorgesetzter sprachen von einem Versehen und suchten eine Verhandlungslösung. Ein juristisches Nachspiel folgte, die Ostberliner Oberstaatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren gegen Kühn ein.

          Im August 1950 wurde es eingestellt, weil der Beschuldigten keine Absicht der Bereicherung, sondern ein Versehen zugutegehalten wurde. Zudem habe das Ministerium für Volksbildung eine „in den Westen verlagerte Osthandschrift“ als Ausgleich erhalten. Eine strafbare Handlung sei somit nicht erkennbar. Auch das beruhte nicht ganz auf den tatsächlichen Begebenheiten. Aber das Ziel war erreicht. „Tante Hilde“, so das Codewort für den Codex, das Kühn für Briefe mit der Eibinger Abtei vereinbart hatte, war endlich wieder zurück.

          Christiane Heinemann: Der Riesencodex der Hildegard von Bingen. Verschollen, gefunden, gerettet. Schicksalswege 1942 bis 1950. Band 94 der Historischen Kommission für Nassau. Erhältlich im regionalen Buchhandel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Jetzt sind alle ernannt: Kanzler Olaf Scholz und sein Kabinett beim Bundespräsidenten.

          Scholz-Regierung : Der Auftrag der Ampel

          Das Virus hat der neuen Bundesregierung vor dem Start eine wichtige Lektion erteilt. Sie sollte sie beherzigen.
          Klare Sache: Thomas Müller und der FC Bayern München besiegen den FC Barcelona.

          Champions League : Barcelona erlebt Debakel beim FC Bayern

          In München geht der einstige Spitzenklub mit 0:3 unter. Weil parallel Benfica Lissabon souverän gewinnt, scheidet der FC Barcelona aus der Champions League aus. Die Bayern bejubeln ein Tor-Jubiläum von Thomas Müller.
          Was hat Wladimir Putin in der Ukraine vor?

          Ukraine-Krise : Russlands wunde Punkte

          Neue westliche Sanktionen könnten Russland hart treffen – aber auch in Ländern wie Deutschland Schaden anrichten, das von russischem Gas abhängig ist.