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Nachgezüchtet und ausgewildert : Die Rückkehr der Sumpfschildkröten

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Nachgezüchtet und ausgewildert: Europäischen Sumpfschildkröten Bild: dpa

Bis zu 100 Jahre alt können Europäische Sumpfschildkröten werden. Sie erfüllen wichtige Aufgaben in der Natur und gelten als gefährdet. Tierschützer wollen den Reptilien mit gezielter Auswilderung helfen.

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          Europäische Sumpfschildkröten gelten als Gesundheitspolizei in den Gewässern. Die bis zu Handteller großen erwachsenen Tiere ernähren sich überwiegend von Aas - toten Fischen, Würmern und Schnecken - und halten damit das Ökosystem im Wasser im Gleichgewicht. Naturschützer in Hessen und Rheinland-Pfalz haben sich zum Ziel gesetzt, die fast vom Aussterben bedrohte Tierart wieder so stabil anzusiedeln, dass sie sich selbst erhalten kann. Am Rhein und seinen Nebenflüssen werden die überwiegend braun-schwarzen und leicht gelblich gesprenkelten Schildkröten gezielt ausgewildert.

          „Als wir vor fast 20 Jahren angefangen haben, waren wir nicht sicher, ob es überhaupt noch Tiere gibt“, berichtet Sibylle Winkel von der hessischen AG Sumpfschildkröte. „Jetzt ist unser Ziel, insgesamt etwa 1000 Tiere rauszubringen“. 1999 startete das hessenweite Hilfsprogramm mit vielen engagierten Ehrenamtlichen, um die einzige in Deutschland natürlich vorkommende Schildkrötenart zu retten. Mit einem speziellen Nachzuchtprogramm zur Auswilderung der Reptilien mit Schutzpanzer wurde bereits kurz danach begonnen. 2002 wurden in zwei hessischen Naturschutzgebieten die ersten Tiere zurück in die Natur gebracht.

          12 bis 16 Eier je Weibchen

          An mittlerweile zehn Standorten in hessischen FFH- und Naturschutzgebieten wie der „Kühkopf-Knoblochsaue“ im Kreis Groß-Gerau, der „Unteren Gersprenzaue“ im Naturschutzgebiet „Reinheimer Teich“ im Kreis Darmstadt-Dieburg oder der „Oberen und mittleren Fuldaaue“ im östlichen Vogelsbergkreis und im Kreis Hersfeld-Rotenburg werden die kleinen Schildkröten ausgewildert, wie Matthias Kuprian vom Wiesbadener Umweltministerium berichtet. 450 gezüchtet Tiere wurden bislang ausgewildert, bei weiteren 150 Schildkröten ist es den den kommenden Jahren bereits geplant. Neben dem Rhein sind in Hessen noch Auswilderungsstandorte am Main, der Fulda und der Nidda im Fokus der Naturschützer.

          Mindestens 100 Gramm müssten die Schildkröten wiegen, damit sie eine Überlebenschance haben, erklärt Biologin Winkel. Dann sind die Schildkröten, deren Panzer über 20 Zentimeter lang und die ausgewachsen bis zu 1,4 Kilogramm schwer werden, etwa drei Jahre alt. Gezüchtet würden sie überwiegend von Privatpersonen in Kooperation mit dem Opel-Zoo in Kronberg und dem Frankfurter Zoo, erzählt Experte Kuprian. Durchschnittlich 12 bis 16 Eier legt ein Weibchen.

          Die drei bis vier anerkannten Züchter des Vertrauens teilen sich die Initiatoren der Artschutzprogramme aus Hessen und Rheinland-Pfalz. Im Aquarium Sea Life in Speyer würden die frisch geschlüpften europäische Sumpfschildkröten bis zum Weg in die freie Wildbahn aufgepäppelt, erklärt die Sprecherin vom Naturschutzbund NABU in Rheinland-Pfalz, Fiona Brurein. In der Südpfalz in Neuburg und Bobenheim-Roxheim am Rhein werden die Reptilien mit dem kleinen Schwanz dann ausgewildert.

          Im Jahr 2008 startete in Rheinland-Pfalz die Initiative, die in diesem Bundesland bereits ausgestorbene und bundesweit auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten stehende Europäische Sumpfschildkröte zu retten. 160 Tiere seien seitdem ausgewildert worden, eine exakte Zielmarke für die Zukunft hätten die Tierschützer aus Rheinland-Pfalz nicht ins Visier genommen, so Brurein. Ziel ist es, vor allem entlang des Oberrheins, lebensfähige und miteinander vernetzte Teilpopulationen zu etablieren. Das Projekt wird in Rheinland-Pfalz vom NABU mit umfassender ehrenamtlicher Unterstützung seiner Aktiven durchgeführt.

          Eine spezielle Förderung des Landes für den Erhalt der Tiere gebe es in keinem der beiden Nachbarbundesländer, berichten die NABU-Sprecherin und Experine Kuprian aus dem hessischen Umweltministerium. Die Mittel speisen sich in Hessen aus den allgemeinen Töpfen für Maßnahmen zum Erhalt bedrohter Tier- und Pflanzenarten. In Rheinland-Pfalz werden die Kosten überwiegend vom NABU getragen.

          Wildschweine, Otter, Marder und Ratten als Feinde

          Die größten Gefahren bei der Wiederansiedlung der Sumpfschildkröte, die zum „Reptil des Jahres 2015“ gekürt worden war, gehen in ihrem Lebensraum in stillen oder langsam fließenden Gewässern sowie am Ufer von großen Seen und Feuchtgebieten von Wildschweinen, Ottern, Mardern, Ratten und räuberischen Fischen aus.

          In Hessen wie in Rheinland-Pfalz ist aber zuletzt ein neuer Fressfeind hinzugekommen: Waschbären bedrohen nach einem Bericht der Bundesregierung immer mehr die Artenvielfalt in Deutschland. Neben der Europäischen Sumpfschildkröte sind von der Ausbreitung der Waschbären auch stark gefährdete Amphibienarten wie etwa der Gelbbauchunke besonders bedroht.

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