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: Die Hessentagsstadt Bad Arolsen verfügt über eine tausendjährige Geschichte

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Hessen ist reich an landschaftlicher Vielfalt, an unterschiedlichen Nachbarn, an Geschichte und Geschichten. An seinem nordwestlichen Saum etwa, von Korbach bis Karlshafen, ist Hessen norddeutsch. Dort ...

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          Hessen ist reich an landschaftlicher Vielfalt, an unterschiedlichen Nachbarn, an Geschichte und Geschichten. An seinem nordwestlichen Saum etwa, von Korbach bis Karlshafen, ist Hessen norddeutsch. Dort sprechen die Bewohner Nieder-, nicht Oberdeutsch, leben die Menschen nicht in fränkischen Dreiseithöfen, sondern in niederdeutschen Deelenhäusern mit imposanten Toreinfahrten, markieren Burgruinen eine Grenze, an der einstige Herrschaftsansprüche bis heute steinern aufragen.

          Während die "Norddeutschen" im heutigen Kreis Kassel, das einst kurmainzische Hofgeismar und sein Umland, noch vor der Reformation an Hessen fielen, bewahrten sich die Waldecker, 50 bis 100 Kilometer südwestlich siedelnd, noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein ihre Eigenstaatlichkeit. Ihren Waldecker Stolz aber, ihre Abgrenzung gegenüber den Hessen, geben sie bis heute nicht auf. Das Denken in Regionen reicht kaum 50 Kilometer weit, doch die Dickköpfigkeit führt sogar zum Erfolg: An den Straßen des alten Fürstentums unter dem Waldecker Stern grüßen Grenzsteine den Reisenden im "Ferienland Waldeck", das als Freizeit- und Urlaubsgebiet eine nationale, aber insbesondere internationale Bekanntheit und Beliebtheit erlangt hat. Die Westfalen und Rheinländer haben in Waldeck eine zweite Heimat gefunden, und zahlreiche Autos tragen ein gelbes Kennzeichen mit blauer Schrift - aus der Perspektive der Niederländer liegen die höchsten Berge Hollands an Diemel und Eder, sind Twiste- und Edersee die größten heimischen Binnengewässer südöstlich des Ijsselmeers. Das hat nicht nur mit der geographischen Nähe zu tun, sondern auch mit verwandtschaftlichen Banden, die das Fürstentum Waldeck und das Königreich der Niederlande verknüpfen.

          Die Anfänge der Hessentagsstadt Bad Arolsen reichen an den Beginn des vorigen Jahrtausends zurück. Als "Aroldessen" soll der Ort dann erstmals 1131 erwähnt worden sein. Später zog die Reformation übers Land, die mächtigen Hessen bedrängten die Waldecker und die Korbacher im Landesinneren begehrten auf. Ihre Stadt lag zwar im Waldeckschen, aber am Kreuzungspunkt wichtiger Handelsstraßen. Korbach war Hessens einzige Handelsstadt. Die Herrschaft orientierte sich um, baute Arolsen zum Zentrum politischer Macht aus, zur Residenzstadt der Fürstentümer Waldeck und Pyrmont.

          Baulich und politisch schuf Fürst Georg Friedrich im 17.Jahrhundert die ersten Strukturen, an denen sich die Residenzstadt aufranken sollte. Aber erst unter Friedrich Anton Ulrich (1676 bis 1728) begann die barocke Residenzstadt nach Plan zu wachsen. Nicht nur die Anlage der Stadt, auch die Baudekoration des Schlosses markierte den Anspruch auf Macht, Souveränität und Abgrenzung. Der Fürstenhut findet sich überall im Schloß, vom Giebel bis hin zum Türbeschlag. Kunst und -handwerk hatten internationales Niveau.

          Architekt von Arolsen war Julius Ludwig Rothweil (1676 bis 1750). Er verstand sich auf zivile und militärische Baukunst, prägte das Bild von Arolsen wie auch jenes von Hanau, Weilburg und Neuwied. Das Schloß stand 1720 zum Bezug, aber es fehlten der Stadt die Bewohner. Fürst Friedrich Anton Ulrich betrieb Strukturförderung und gewährte Religionsfreiheit, Steuerfreiheit für 15 Jahre, Gewerbe- und Handelsfreiheit sowie einen kostenlosen Bauplatz samt Baumaterial. Wer 1000 Gulden an Vermögen vorweisen konnte, erhielt einen Bauplatz nach Rang und Stand. Doch Arolsen blieb unvollendet, die Planung konnte die Wirklichkeit überwinden. Das eigentliche Stadtzentrum bildete sich westlich des Schlosses heraus, das Schloß geriet im Osten in eine Randlage.

          Das 19. Jahrhundert verlief im wesentlichen ruhig. Als die Preußen 1866 annektierend durch Deutschland streiften, blieb Waldeck einstweilen selbständig. Es fiel aber wenig später seiner Armut zum Opfer: Im Akzessionsvertrag von 1867 übertrug Fürst Georg Victor die Verwaltung der Fürstentümer Waldeck und Pyrmont an Preußen. 1922 wurde Pyrmont aus Waldeck herausgelöst und dem niedersächsischen Kreis Hameln zugeschlagen. Vier Jahre später kündigte Preußen den Akzessionsvertrag mit Waldeck. 1929 beschloß der Waldecker Landtag die Vereinigung Waldecks mit Preußen. Vom "Anschluß an Preußen" ist noch heute in einem Arolser Stadtführer trotzig die Rede - daß der preußische Staat das frühere Fürstentum sogleich mit dem Regierungsbezirk Kassel verband, verschweigen die Waldecker hingegen: Die Wunde schmerzt bis heute.

          Eigensinn beweisen die Waldecker auch als Teil des hessisch-niederdeutschen Landkreises Waldeck-Frankenberg oder in der Zusammenarbeit in der Region "Nordhessen". Zum Einkauf fahren sie gern ins benachbarte Paderborn oder nutzen den nahen Flughafen Paderborn-Lippstadt. Die Strukturpolitik der Landesregierung in Düsseldorf ließ jenen Teil von Hessen gedeihen, über den die Politiker in Wiesbaden kaum aus eigener Kenntnis entscheiden. Auf der A44 ist es vom Waldeckschen nach Dortmund kaum weiter als nach Kassel. Zwar haben sich die Residenzstadtträume nicht so entfaltet wie im Stadtgrundriß vorgezeichnet, aber die Stadt ist eine Puppenstube, und das Heimatgefühl der Waldecker ist ihnen bis heute Ansporn. Die Schriftstellerin Christine Brückner lebte zwar in Kassel, stammt aber aus dem Waldeckschen. Aus Arolsen kommen die Malerdynastie Kaulbach und der Bildhauer Christian Daniel Rauch, einer der wichtigsten Meister des deutschen Klassizismus. Der Marstall gegenüber dem Schloß ist zum Rauch-Museum umgebaut. Berlin wäre nicht Berlin ohne den Künstler aus Arolsen, er schuf das Reiterstandbild FriedrichII., das Unter den Linden steht.

          Die geringen Ausmaße der Stadt mit ihren gut 18000 Einwohnern lassen ihren kulturellen Reichtum kaum erahnen. Arolsen wird einen Hessentag mit Bratwurst, Bier und Open-air-Konzerten bieten. Aber Arolsen ist weit mehr mit Schloß und Hofbibliothek, Theater, den Schloßkonzerten, Barock-Festspielen, dem Schreiberschen Haus oder der Bibliothek Brehm.

          Arolsens parteiloser Bürgermeister Gerhard Schaller denkt schon im Verbund Nordwaldeck, will umliegende Kommunen zur Zusammenarbeit, am liebsten aber zur Eingemeindung einladen, um ökonomischer haushalten zu können. Wirtschaftlich ist Arolsen kein Armenhaus, ein Drittel der Einwohner ist sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Gesundheitsleistungen und Medizintechnik, der Drahthersteller La Croix und Kress aber auch Hewi, der Erfinder der farbigen Fenster- und Türbeschläge aus Kunststoff, sind dort zu Hause. Die Arbeitslosenquote lag über Jahre mit sechs bis sieben Prozent auf südhessischem Niveau. Das mag daran liegen, daß der Nordwesten Hessens nicht mit der Zonenrandförderung verwöhnt worden ist, sondern sich auf die eigenen Stärken besinnen mußte.

          Bei Volkmarsen an der Autobahn Kassel-Dortmund, nicht weit von Arolsen, liegen Gewerbeflächen in bester Lage und Qualität. Gerne hätte man jüngst BMW dorthin geholt, aber der Konzern baut sein Werk in Leipzig, wo enorme Subventionen locken. Für 15 Euro je Quadratmeter sind die erschlossenen Flächen inklusive Autobahnanschluß, mit ICE-Bahnhof und den Flughäfen Kassel und Paderborn zu haben. Nun setzt Arolsen auf den Hessentag, seine (auch kulturelle) Infrastruktur und erinnert sich seines Selbstbehauptungswillens, der ihm zu seiner bemerkenswerten Pracht verhalf. CLAUS PETER MÜLLER

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