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: Die Hessentagsstadt Bad Arolsen verfügt über eine tausendjährige Geschichte

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Das 19. Jahrhundert verlief im wesentlichen ruhig. Als die Preußen 1866 annektierend durch Deutschland streiften, blieb Waldeck einstweilen selbständig. Es fiel aber wenig später seiner Armut zum Opfer: Im Akzessionsvertrag von 1867 übertrug Fürst Georg Victor die Verwaltung der Fürstentümer Waldeck und Pyrmont an Preußen. 1922 wurde Pyrmont aus Waldeck herausgelöst und dem niedersächsischen Kreis Hameln zugeschlagen. Vier Jahre später kündigte Preußen den Akzessionsvertrag mit Waldeck. 1929 beschloß der Waldecker Landtag die Vereinigung Waldecks mit Preußen. Vom "Anschluß an Preußen" ist noch heute in einem Arolser Stadtführer trotzig die Rede - daß der preußische Staat das frühere Fürstentum sogleich mit dem Regierungsbezirk Kassel verband, verschweigen die Waldecker hingegen: Die Wunde schmerzt bis heute.

Eigensinn beweisen die Waldecker auch als Teil des hessisch-niederdeutschen Landkreises Waldeck-Frankenberg oder in der Zusammenarbeit in der Region "Nordhessen". Zum Einkauf fahren sie gern ins benachbarte Paderborn oder nutzen den nahen Flughafen Paderborn-Lippstadt. Die Strukturpolitik der Landesregierung in Düsseldorf ließ jenen Teil von Hessen gedeihen, über den die Politiker in Wiesbaden kaum aus eigener Kenntnis entscheiden. Auf der A44 ist es vom Waldeckschen nach Dortmund kaum weiter als nach Kassel. Zwar haben sich die Residenzstadtträume nicht so entfaltet wie im Stadtgrundriß vorgezeichnet, aber die Stadt ist eine Puppenstube, und das Heimatgefühl der Waldecker ist ihnen bis heute Ansporn. Die Schriftstellerin Christine Brückner lebte zwar in Kassel, stammt aber aus dem Waldeckschen. Aus Arolsen kommen die Malerdynastie Kaulbach und der Bildhauer Christian Daniel Rauch, einer der wichtigsten Meister des deutschen Klassizismus. Der Marstall gegenüber dem Schloß ist zum Rauch-Museum umgebaut. Berlin wäre nicht Berlin ohne den Künstler aus Arolsen, er schuf das Reiterstandbild FriedrichII., das Unter den Linden steht.

Die geringen Ausmaße der Stadt mit ihren gut 18000 Einwohnern lassen ihren kulturellen Reichtum kaum erahnen. Arolsen wird einen Hessentag mit Bratwurst, Bier und Open-air-Konzerten bieten. Aber Arolsen ist weit mehr mit Schloß und Hofbibliothek, Theater, den Schloßkonzerten, Barock-Festspielen, dem Schreiberschen Haus oder der Bibliothek Brehm.

Arolsens parteiloser Bürgermeister Gerhard Schaller denkt schon im Verbund Nordwaldeck, will umliegende Kommunen zur Zusammenarbeit, am liebsten aber zur Eingemeindung einladen, um ökonomischer haushalten zu können. Wirtschaftlich ist Arolsen kein Armenhaus, ein Drittel der Einwohner ist sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Gesundheitsleistungen und Medizintechnik, der Drahthersteller La Croix und Kress aber auch Hewi, der Erfinder der farbigen Fenster- und Türbeschläge aus Kunststoff, sind dort zu Hause. Die Arbeitslosenquote lag über Jahre mit sechs bis sieben Prozent auf südhessischem Niveau. Das mag daran liegen, daß der Nordwesten Hessens nicht mit der Zonenrandförderung verwöhnt worden ist, sondern sich auf die eigenen Stärken besinnen mußte.

Bei Volkmarsen an der Autobahn Kassel-Dortmund, nicht weit von Arolsen, liegen Gewerbeflächen in bester Lage und Qualität. Gerne hätte man jüngst BMW dorthin geholt, aber der Konzern baut sein Werk in Leipzig, wo enorme Subventionen locken. Für 15 Euro je Quadratmeter sind die erschlossenen Flächen inklusive Autobahnanschluß, mit ICE-Bahnhof und den Flughäfen Kassel und Paderborn zu haben. Nun setzt Arolsen auf den Hessentag, seine (auch kulturelle) Infrastruktur und erinnert sich seines Selbstbehauptungswillens, der ihm zu seiner bemerkenswerten Pracht verhalf. CLAUS PETER MÜLLER

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