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Aschaffenburg : Die Bombe im Vorgarten

Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, freigelegt in Aschaffenburg Bild: picture-alliance/ dpa

Wie viele Bomben, die alliierte Flugzeuge 1944 in der Region Aschaffenburg abwarfen, als Blindgänger im Boden stecken, weiß keiner genau. Luftbilder zeigen 141 „Verdachtsflächen“ alleine nahe der A 3.

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          Die Eigentümer von mehr als 60 Privatgrundstücken, die zur Bürgerversammlung der Stadt Aschaffenburg gekommen sind, haben alle dasselbe Problem: Es könnte unter Umständen sein, dass in ihrem Vorgarten eines Tages eine Bombe explodiert. Der Gedanke daran bereitet manchem Hausbewohner echten Kummer, aber die Untersuchung, ob sich auf dem Grundstück tatsächlich ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg befindet, würde mehrere tausend Euro kosten. Nun kündigt sich eine Auseinandersetzung um die Kosten zwischen der Stadt Aschaffenburg und dem Freistaat an. Dieser dürfe sich seiner Verantwortung nicht entziehen, meint die Stadt und geht im Jahr der Kommunal- und Landtagswahlen in die Offensive.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Die Ursache des Streits war schon fast vergessen. Es war im November 1944, als die Alliierten mit großangelegten Luftangriffen auf den Aschaffenburger Bahnhof und eine in der Nähe gelegene Panzerfabrik begannen. Auf der heutigen Trasse der A 3 und in den angrenzenden Wohngebieten der Stadtteile Damm und Leider warfen Hunderte von britischen und amerikanischen Flugzeugen Spreng-, Brand- und Splitterbomben ab.

          Blindgänger an der A3 explodiert

          Erst im Oktober 2006 wurden die Aschaffenburger jäh an die Angriffe erinnert: Bei den Arbeiten zum Ausbau der Autobahn explodierte ein Blindgänger und riss einen Bauarbeiter in den Tod. Inzwischen sind bei der Auswertung von Luftbildern und Abwurfprotokollen der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg 181 weitere „Verdachtspunkte“ ermittelt worden. Vierzig von ihnen befanden sich in der unmittelbaren Nähe der Trasse, Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass der Verdacht unbegründet war. Es bleiben also 141 Stellen auf den Flächen in der Nähe der Trasse.

          Schon auf dem Weg zu der Versammlung in der Stadthalle am Donnerstagabend bekamen die rund 200 Besucher ein Flugblatt der Kommunalen Initiative (KI) in die Hand gedrückt. „Damm sitzt auf scharfen Bomben“ hieß es. Die Stadt müsse unverzüglich „die nötigen Maßnahmen“ veranlassen und finanzieren. Wer die Kosten am Ende übernehmen müsse, lasse sich später klären.

          „Ein parteipolitisches Süppchen“ werde hier gekocht, sagte Oberbürgermeister Klaus Herzog (SPD). Er wies darauf hin, dass zum Beispiel in Niedersachsen das Land für die Sondierungen von Verdachtsflächen aufkomme, und versprach, „dass wir den Freistaat über die Landtagsabgeordneten zwingen werden, die Kosten zu übernehmen“. Der Rat werde zu Beginn der nächsten Woche eine Resolution verabschieden. Unabhängig davon kümmere sich die Stadt um die Verdachtspunkte, die sich auf öffentlichen Wegen oder Plätzen befänden: „Da müssen wir handeln.“

          Mathias Muckel von der Ingenieurgesellschaft Mull & Partner erklärte den Zuhörern, dass die von seiner Firma ausgewerteten Luftbilder den Zustand der Flächen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zeigten. In vielen Fällen seien die angezeigten Blindgänger in der Zeit danach schon gefunden und entschärft worden. Allerdings könne es ebenso gut sein, dass die Aufnahmen im Boden liegende Bomben nicht zeigten, etwa weil die Einschläge sich unter einem Baum befunden hätten.

          Bombensuche für bis zu 4000 Euro

          Ungenauigkeiten ergeben sich nach Muckels Worten auch aus der Tatsache, dass eine Bombe oft nicht senkrecht, sondern schräg in den Boden eindringe und sich unter der Erdoberfläche noch seitlich bewege. Wenn man sie sondieren wolle, müsse man eine Fläche zwischen 50 und 250 Quadratmetern in Betracht ziehen. Die Kosten für die Untersuchung eines Verdachtspunktes bewegen sich nach seinen Angaben je nach der Beschaffenheit des Geländes zwischen 2600 und 4000 Euro. Sie werden nach Muckels Angaben von den meisten Bundesländern übernommen, allerdings seien die Regelungen im Detail sehr unterschiedlich und kompliziert.

          Meinhard Gruber, Ordnungsreferent der Stadt, erläuterte, dass der Freistaat Bayern die Kosten nicht übernehmen wolle, weil der Verdacht nicht konkret, sondern nur abstrakt sei. Erst wenn die Sondierung eines Grundstücks ergebe, dass sich dort ein Blindgänger befinde, sorge der Freistaat für die Entschärfung. Gruber hob hervor, dass die Verwaltung von ihren Bürgern eine Klärung der Verdachtsmomente nicht verlange. Wenn an einem solchen Punkt seit Jahrzehnten nichts passiert sei und man keine mechanischen Eingriffe plane, sehe er „keine akute Gefahr“. Wer dem Verdacht in solchen Fällen nicht auf den Grund gehe, müsse sich keinen Vorwurf machen lassen. Gruber schloss aus, dass die Stadt die Kosten für solche Untersuchungen übernehme. Sie würden insgesamt mehrere hunderttausend Euro betragen. „Das übersteigt die Leistungsfähigkeit der Stadt.

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