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: Die beiden Ministerinnen sind die fleißigsten Simser

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Als Ministerpräsident Roland Koch unlängst einer Schulklasse erzählte, in seiner Jugend habe es noch keine Handys gegeben, erntete er Erstaunen und ungläubige Blicke. Doch nicht nur für Teenies sind ...

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          Als Ministerpräsident Roland Koch unlängst einer Schulklasse erzählte, in seiner Jugend habe es noch keine Handys gegeben, erntete er Erstaunen und ungläubige Blicke. Doch nicht nur für Teenies sind Mobilfunkgeräte und vor allem die Kurzmitteilungen "SMS" aus dem Alltagsleben mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Auch die Landesregierung in Wiesbaden "simst" ausgesprochen eifrig: Regierungschef, Minister und Ministeriumssprecher haben durch das Kurzmitteilungssystem offenbar einen Grad an Vernetzung erreicht, wie er in früheren Kabinetten undenkbar gewesen war.

          Ein Beispiel: Koch ist im Land unterwegs und beantwortet zusammen mit Regierungssprecher Dirk Metz Fragen von Journalisten. Auf einmal will jemand wissen, wie viele Kinder eigentlich in den hessischen Vorkursen zur Grundschule Deutsch lernen. Koch und Metz blicken sich fragend an. Dann tippt der Regierungssprecher unter dem Tisch schnell eine SMS an Kultusministerin Karin Wolff ein. Und nach lediglich zwei Minuten ist die Antwort da: 4600. Beide atmen auf.

          Wie im wirklichen Leben können natürlich auch in der Politik keineswegs alle gleich gut mit der neuen Technik umgehen. Zusammenlaufen sollen die Fäden des Kommunikationsnetzes häufig bei Metz, zu dessen bisweilen etwas unkonventionellem Stil das Kurzmitteilungswesen besonders gut passen soll. Von ihm wird gesagt, er könne auch "blind" tippen. Als Vorreiter im "Simsen" gelten außerdem die beiden Frauen in der Landesregierung - Wolff und Sozialministerin Silke Lautenschläger.

          Koch steht im Ruf, eher ein passiver "Simser" zu sein. Zwar läßt sich der Ministerpräsident von seiner Mannschaft gern den Stand politischer Verhandlungen per Kurzmitteilung übermitteln, wenn er nicht dabeisein kann - oder auch schon mal das Zwischenergebnis eines wichtigen Fußballspiels. Er selbst tippt aber seltener mal eine Kurzmitteilung ein, wie in Wiesbaden zu hören ist. Von Wirtschaftsminister Alois Rhiel dagegen ist verbürgt, daß er vor der Europameisterschaft eine SMS aus Rom geschickt hat: In ihr soll die - offensichtlich etwas zu optimistische - Ministermeinung gestanden haben, die Deutschen kämen sicher ins Halbfinale.

          Der Kulturwechsel in der Kommunikation der Landes-Politiker verläuft natürlich nicht ohne Brüche. Über Innenminister Volker Bouffier wird kolportiert, er habe zumindest anfangs lieber zurückgerufen, wenn er eine SMS bekommen habe, statt selbst eine Nachricht zu schreiben - obwohl der Absender vielleicht gar nicht zu einem längeren Gespräch aufgelegt war. Überhaupt scheint die Meinung, wie gelungen die neue Kommunikation per SMS ist, in der Landesregierung auseinanderzugehen: Zumindest hinter vorgehaltener Hand stöhnen die weniger Simsbegeisterten schon mal, mit einem kurzen Gespräch sei manchmal doch mehr zu klären als selbst mit fünf Kurzmitteilungen.

          Außerdem gefällt SMS-Skeptikern nicht, daß man bei den "Short Messages" nicht höre, in welchem Ton eine Äußerung gemacht werde - was zu fatalen Mißverständnissen führen könne. "Ironie vermeiden wir inzwischen lieber", heißt es in Regierungskreisen. Außerdem scheint die Begrenzung der Kurzmitteilungen auf meistens 160Zeichen bei einigen Ministern die Neigung zu verstärken, nicht immer verständliche Abkürzungen zu verwenden: Bei manchen SMS müsse man deswegen erst zweimal zurückschreiben, um die Bedeutung abgekürzter Wörter überhaupt entschlüsseln zu können.

          Angeberei mit möglichst teuren Handys, wie in vielen Schulklassen üblich, scheint in der Regierung wenig verbreitet. Über "MMS" - die vergleichsweise kostspielige Möglichkeit, auch Bilder zu versenden - soll kaum einer verfügen. Allerdings stehen die Politiker genau wie Schüler vor der Frage, wie sie mit den eigentümlichen und oftmals störenden Piepstönen umgehen, die traditionell das Eintreffen einer SMS auf einem Mobilfunktelefon signalisieren. Im Landtag hört man die Piepser gelegentlich, obwohl zur gleichen Zeit jemand eine Rede hält. Die meisten Politiker allerdings haben inzwischen ihre Handys grundsätzlich auf "lautlos" gestellt - das Eintreffen einer Nachricht nehmen sie nur über optische Signale wahr. Andere sollen einen Vibrationsalarm installiert haben, damit sie auch dann keine Nachricht verpassen, wenn das Mobilfunktelefon gerade in der Anzugtasche steckt.

          Als wichtigsten Vorteil der kurzen Meldungen schätzt die straff geführte Koch-Mannschaft den Informationsvorsprung. Wenn es in verschiedenen Ministerien Anfragen zum selben Thema hagele, erreiche die offizielle Sprachregelung in wenigen Sekunden alle Betroffenen. Auf Formalitäten könne verzichtet werden. Damit es noch schneller geht, reagieren die Minister zum Teil sogar nur noch mit vorprogrammierten Standardtexten: "Die Antwort ist: ja", heißt es dann zum Beispiel schon zehn Sekunden nach einer Anfrage per SMS.

          Je schneller die politische Uhr insgesamt tickt, desto wichtiger wird schließlich auch das Tempo des Kommunikationsprozesses. Außerdem verliert die räumliche Dimension zusehends an Bedeutung: Auch wenn ein wichtiger Entscheidungsträger nicht überall zugleich sein kann, so behält er doch durch eine gute Vernetzung die Situation leichter im Griff. Die SMS findet einen schließlich im letzten Winkel. Von Ministerpräsident Koch wird berichtet, daß er sich auch auf Dienstreisen in andere Länder per Kurznachricht über alle heiklen Themen informieren läßt - selbst in Rußland. CHRISTIAN SIEDENBIEDEL

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