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Baustelle in Rüdesheim : Die Bahn kommt nicht in die Pötte

  • -Aktualisiert am

Unendliche Geschichte: Die Sperrung unter der Eisenbahnbrücke über die Geisenheimer Straße zieht sich in die Länge. Bild: Marcus Kaufhold

Rüdesheim ist sauer auf die Deutsche Bahn. Die wichtigste Zufahrt in die Stadt bleibt entgegen aller Zusagen bis in die touristische Saison hinein gesperrt

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          Rüdesheim hofft mit dem Abklingen der Pandemie auf einen Sommer der touristischen Wiederbelebung und der ökonomischen Erholung. Die Stadt ist daher mächtig verstimmt über das Tempo der Bahn bei der Tieferlegung und Wiederherstellung der Geisenheimer Straße. Über diese Straße war im August vergangenen Jahres in einer spektakulären Aktion eine neue Eisenbahnbrücke eingeschoben worden. Damals hieß es, die Restarbeiten an der Straße darunter würden bis zum Jahresende beendet, damit der Verkehr auf der östlichen Hauptzufahrtsstraße wieder fließen kann. Inzwischen ist von einer Fertigstellung „voraussichtlich Ende Juli“ die Rede.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Für Rüdesheim bedeutet dies eine kleine Katastrophe, weil nach Ostern, aber vor allem von Anfang Juni an wieder viele Gäste in der Stadt erwartet werden und die meisten mit dem Auto anreisen. Bürgermeister Klaus Zapp (parteilos) berichtet von „täglich wütenden und aufgebrachten Anrufen“ der Bürger, die sich über die komplizierte Umleitung durch Wohngebiete ärgern. Zapp erwartet nach der Verspätung der Bahn bei den Bauarbeiten ein schwieriges Frühjahr und einen komplizierten Frühsommer. Die Bahn hat aber inzwischen angekündigt, dass die Straße unter der Brücke anlässlich des Motorradtreffens Magic Bike Rallye und zum Feuerwerksspektakel „Rhein in Flammen“ provisorisch einspurig befahrbar sein werde.

          „Die Stützwand ursprünglich nicht Teil des Projekts“

          Die Bahn begründete die Verdopplung der ursprünglich geplanten Bauzeit an der Straße mit der Notwendigkeit der Sicherung der als marode erkannten Stützwand zur benachbarten Albertistraße. In der Wand seien zudem Versorgungskabel entdeckt worden, die verlegt werden müssen. Bei einem Pressegespräch gaben die Vertreter der Bahn allerdings zu, dass die Sanierung der Stützwand auch noch einige Jahre Zeit gehabt hätte und dann der Fertigstellungstermin Jahresende 2021 oder zumindest das erste Quartal 2022 wohl hätte eingehalten werden können. „Die Stützwand war ursprünglich nicht Teil des Projekts“, bestätigt der Bahn-Konzernbevollmächtigte Klaus Vornhusen. Allerdings gaben die Bahnvertreter auch zu, dass die Sanierung schon im März 2021 mitgeplant worden sei, ehe im August der Dezember 2021 als Fertigstellungstermin genannt wurde.

          Kleine Katastrophe: Bürgermeister Klaus Zapp (parteilos) berichtet von aufgebrachten Bürgern, die sich über die komplizierte Umleitung durch Wohngebiete ärgern.
          Kleine Katastrophe: Bürgermeister Klaus Zapp (parteilos) berichtet von aufgebrachten Bürgern, die sich über die komplizierte Umleitung durch Wohngebiete ärgern. : Bild: Silas Stein

          Für Bürgermeister Zapp war es eine neue Erkenntnis, dass die Stützwand noch einige Jahre hätte warten können. Zapp äußerte sich deshalb höchst unzufrieden mit dem Zeitablauf bei der Baustelle und mit der Kommunikation. Bislang sei ihm bedeutet worden, dass die Sanierung der Stützwand keinen Aufschub dulde. Nun werde es für Rüdesheim schwierig, weil die Bürger verärgert würden und der Tourismus behindert werde. Alle Beteiligten müssten nun „das Beste“ aus der Situation machen. Ob die Straße tatsächlich Ende Juli freigegeben werden wird, ist insofern keineswegs sicher, weil die Ausschreibung der Stützwand-Arbeiten noch läuft.

          Das Großprojekt Bahnbrücke mit Straßensanierung und -vertiefung ist laut Bahn mit Kosten von 31,5 Millionen Euro veranschlagt. Es ist aber nicht das einzige Projekt, denn die Bahn hat alle maroden Bahnunterführungen in Rüdesheim angepackt. Die 3,3 Millionen Euro teure Fußgängerunterführung in Assmannshausen war erst vor wenigen Tagen freigegeben worden, auch wenn sie schon längst hätte benutzt werden können. Doch „freigeben“ darf die Bahn laut Vornhusen erst dann ein Bauwerk, wenn auch die Beleuchtung und der Handlauf angebracht sind.

          Besondere touristische Bedürfnisse

          Der 3,6 Millionen Euro teure Fußgängertunnel am Adlerturm in Rüdesheim muss ebenfalls noch beleuchtet werden. Er soll bis Ende März freigeben werden. Das gilt auch für die Unterführung Rheinstraße. Sie sollte ursprünglich schon im August vergangenen Jahres fertig sein. In diesem Fall allerdings liegt die Verzögerung nicht an der Bahn selbst, sondern am Hochwasser, das eine frühere Fertigstellung verhinderte. Schon seit fast zwei Jahren fertig ist die neue Unterführung am alten Rüdesheimer Bahnhof.

          Der Standort des künftigen Haltepunkts weiter östlich im Stadtgebiet ist eines der Großprojekte, das demnächst konkretisiert werden soll. Zudem will die Bahn auf einer Länge von 600 Metern Lärmschutzwände in Rüdesheim bauen, deren Lage und Gestaltung noch diskutiert werden muss. Und vielleicht wird irgendwann tatsächlich der Bahnübergang am bisherigen Bahnhof durch eine Straßenunterführung beseitigt, auch wenn das immer noch Zukunftsmusik ist, weil die Planung nur zäh vorankommt.

          Rüdesheim hadert nicht nur mit der Bahn, wenn es um seine besondere Lage am Rhein und seine besonderen Bedürfnisse im Hinblick auf den Tourismus geht. sondern auch mit Hessen Mobil. Die Fortsetzung von Deutschlands teuerstem Radweg zwischen Rüdesheim und der Landesgrenze bei Lorchhausen erfordert für den Abschnitt zwischen Assmannshausen und Lorch wieder eine Vollsperrung der Uferstraße. Laut Hessen Mobil wird die Bundesstraße deshalb von Dienstag an zwischen Assmannshausen und dem Abzweig Bächergrund gesperrt. Als Grund wird der Arbeitsschutz genannt, weil die Straße nicht breit genug für eine einspurige Verkehrsführung sei. Zudem sei die Uferwand nach dem Hochwasser im Sommer 2021 vorgeschädigt.

          Die Vollsperrung soll bis Ende Mai dauern. Die Umleitung wird über Rüdesheim-Presberg und Geisenheim ausgeschildert. Wegen der beengten Platzverhältnisse an der zwischen Rhein und Bahnlinie verlaufenden Bundesstraße wird für den Geh- und Radweg abschnittsweise ein sogenannter Kragarm gebaut. Dabei wird der Weg mit Stützpfählen über dem Rheinstrom geführt. Zusätzlich wird die Stützwand neben der B 42 saniert. Weitere Vollsperrungen sind für Oktober 2022 und das Frühjahr 2023 angekündigt. Zuletzt war die Uferstraße von Mitte Juli bis Mitte Dezember wegen Hochwasserschäden außerplanmäßig voll gesperrt.

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