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Dialekte : Das RMV-Hessisch breitet sich aus

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Bild: F.A.Z.

„Aich sein en gourer Brourer“, rühmt sich der Gießener. Der Südhesse hingegen sagt: „Isch bin en guude Bruudä“, wenn er auf seine brüderlichen Qualitäten verweist. „RMV-Hessisch“ ist in Hessen auf dem Vormarsch, sagt der Dialektforscher Heinrich Dingeldein.

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          Auch wenn Heinz Schenk und die Hesselbachs im Fernsehen über Jahrzehnte anderes glauben machten: Der hessische Dialekt existiert nicht. Es gibt mehrere, und diese haben in etwa so viel gemeinsam wie Niederbayerisch und Ostschwäbisch. „Aich sein en gourer Brourer“, rühmt etwa der Gießener seine geschwisterlichen Qualitäten, während der Südhesse „Isch bin en guude Bruudä“ sagt. Bei ihm „sinn die Mäus’ im Haus“, ein Kasseler hingegen hat „die Müse im Huse“.

          Die hessische Sprachlandschaft gliedert sich nach Angaben des Marburger Dialektforschers Heinrich Dingeldein in vier Gebiete: „Am ehesten könnte man das Niederhessische, die Mundart der Gegend südlich von Kassel, als eigentliches ,Hessisch‘ bezeichnen, denn dort liegt die historische Kernregion des Landes.“ In der Wetterau habe das Mittelhessische seinen Ursprung, während im Fuldaer Raum Osthessisch verbreitet sei.

          Ausbreitung des „Neuhessischen“

          Aus dem Südhessischen, einem eigentlich rheinfränkischen Idiom, hat sich dem Germanisten zufolge das entwickelt, was heute viele für das Hessische schlechthin halten. Dingeldein nennt diesen Dialekt „Neuhessisch“ oder auch „RMV-Hessisch“, denn dieser werde vor allem im Einzugsbereich des Rhein-Main-Verkehrsverbundes und in Frankfurt gesprochen. Mit den Pendlern, die in der wirtschaftlich starken Region arbeiten, breite sich das Neuhessische immer weiter aus. „Gießen hat es schon fast erreicht, und gleichzeitig schleicht es die A66 in Richtung Fulda hoch“, so der Wissenschaftler.

          Experte für Hessisch in all seinen Spielarten: Heinrich Dingeldein
          Experte für Hessisch in all seinen Spielarten: Heinrich Dingeldein : Bild: F.A.Z. - Helmut Fricke

          Die sprachliche Zersplitterung Hessens sei typisch für Deutschland, erläutert Dingeldein. „Ein Russe kann einen Mazedonier verstehen, aber ein Hofgeismarer im Reinhardswald den Dialekt eines Hirschhorners am Neckar nicht unbedingt.“ Die Erklärung sei in der Historie zu suchen, Sprache spiegele immer die Geschichte wider: Das Gebiet der verspäteten Nation Deutschland war bis weit ins 19. Jahrhundert ein Flickenteppich aus kleinen Fürstentümern, in denen sich die Mundarten relativ unabhängig voneinander entwickelten, wie der Experte sagt. Eine ähnliche Dialektvielfalt gebe es nur in Italien – auch die Apennin-Halbinsel wurde erst vor knapp 150 Jahren politisch geeint.

          Dingeldein, der einen Lehrstuhl für Germanistik an der Marburger Universität innehat, untersucht seit rund zwei Jahrzehnten die Verbreitung der hessischen Dialekte. Außerdem dokumentiert er als Leiter des Projektes „Hessen-Nassau-isches Volkswörterbuch“ den Wortschatz, der im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts in den Provinzen Hessen-Nassau und Oberhessen sowie in den Kreisen Wetzlar, Wittgenstein und Waldeck in Gebrauch war.

          Manche Worte gehen unter

          Nach seinen Angaben sind es nicht nur die Verbreitungsgebiete, sondern auch die Idiome selbst, die sich mit der Zeit ändern: „Der Wortschatz der Jugendkultur und das Lautrepertoire der Dialekte verschmelzen, Wörter aus anderen Sprachen fließen ein, verdrängen alte Ausdrücke oder verbinden sich mit diesen und verschwinden wieder.“

          So bricht, wie er sagt, allmählich das besondere Identitätsbewusstsein der katholischen Bevölkerung um Fulda auf – mit entsprechenden Folgen für den Dialekt. Außerdem gewinne dort seit dem Mauerfall das Thüringische wieder an Einfluss. In Kassel dagegen sei das Sprachbewusstsein in den vergangenen Jahren stärker geworden: „Die Jüngeren grenzen sich in der Wortwahl ab, sie sagen wieder ‚Sonnabend‘ und nicht das süddeutsche ‚Samstag‘, nicht ‚Bub‘, sondern ‚Junge‘.“

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