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Deutscher Umweltpreis für Brain AG : Die Umwelt entlasten mit Biotechnologie

Holger Zinke, Brain-Gründer und Träger des Deutschen Umweltpreises 2008, mit Enzym-Kulturen Bild: ddp

Die Brain AG bedient sich im Werkzeugkasten der Natur und entwickelt Wirkstoffe für Chemiekonzerne und Waschmittelhersteller. Das Zwingenberger Unternehmen gilt als Schrittmacher für mehr Nachhaltigkeit in der Industrie. Sein Chef erhält am Sonntag den Deutschen Umweltpreis.

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          Ein kurzer Blick genügt ihm. Dann räumt Holger Zinke kurz mit einem Vorurteil auf. Die an den Oberschenkeln ausgebleichte dunkelblaue Jeans seines Gastes ist „stone-washed“. Also, wie es in Mode-Lexika steht, auf die grobe Tour mit porösen Bimssteinen gewaschen? Doch geht es auch sanfter: „Beim Waschen wird eine Zellulase eingesetzt, die macht den Stoff weich – ein intelligenter Ansatz“, sagt Zinke. Zellulasen sind Eiweißstoffe, die Zellulose abbauen – jenen Stoff, aus dem zu Jeans verarbeitete Baumwolle im Kern besteht. Mit Eiweißen wiederum hat Zinke täglich zu tun. Er führt das von ihm 1993 ins Leben gerufene Biotech-Unternehmen Brain AG in Zwingenberg an der Bergstraße, gilt als Pionier auf seinem Gebiet und erhält am Sonntag aus den Händen von Bundespräsident Horst Köhler in Rostock den Deutschen Umweltpreis.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt bescheinigt dem 45 Jahre alten Biologen, mit großem Erfolg neuartige Stoffe aus der Natur für die industrielle Produktion zu liefern und dadurch die Umwelt zu entlasten. Wobei Zinke viel Wert darauf legt, nicht der „alleinige Held“ zu sein. Vielmehr will er durch den Umweltpreis die Gesamtleistung seiner 70 Frauen und Männer zählenden Mannschaft gewürdigt wissen, die aus Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern besteht. Zur Gesamtleistung der Mannschaft zählt ein mit dem Konsumgüterkonzern Henkel entwickeltes Waschmittelenzym, das es erlaubt, Textilien bei 40 statt bei 60 Grad zu reinigen. Dadurch lasse sich mehr als eine Million Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid in Deutschland jährlich einsparen, lobt die Umweltstiftung.

          Mit Kleinstlebewesen gegen Flecken

          Wenn er beschreiben soll, was Brain macht, verweist der Vorstandschef auf einen Gramm Erdboden. Darin stecken 5000 bis 10.000 verschiedene Mikroorganismen, „und jedes davon macht etwas“. Nur zehn bis 20 Arten dieser Kleinstlebewesen lassen sich im Labor züchten und werden deshalb in der Industrie verwendet – zum Beispiel, um Vitamine herzustellen oder Zitronensäure. Zinke nimmt für seine Firma in Anspruch, über eine der größten Sammlungen kultivierbarer Mikoorgansimen überhaupt zu verfügen. Die übrigen Kleinstlebewesen gehe Brain an, indem Erbinformationen aus Bodenproben herausgelöst und anhand eines biotechnologischen Verfahrens in kultivierbare Mikrorganismen eingebaut werden. Im Zuge dessen können die Wissenschaftler die jeweilige Erbinformation untersuchen und feststellen, ob ein Gen darin steckt, das zum Beispiel ein Enzym für Waschmittel produzieren kann. Den Werkzeugkasten der Natur zu nutzen, nennt Zinke dergleichen.

          Biokunststoffe bildende Mikroorganismen, isoliert von Brain
          Biokunststoffe bildende Mikroorganismen, isoliert von Brain :

          Waschen und reinigen sind dabei für ihn ein „rein biologisches Trennproblem“. Schließlich sind die Flecken auf Hemden, Hosen oder T-Shirts meist auf Fett, Rotwein, Fruchtsaft, Milch, Schokolade oder Blut zurückzuführen und mithin biologisch. „Deshalb muss man da biologisch rangehen und nicht chemisch mit Lösungsmitteln“, meint er. Mit einer Tonne entsprechender Enzyme, etwa Eiweiß abbauende Proteasen und Stärke fressende Amylasen, lassen sich hunderttausende Tonnen Waschmittel herstellen, wobei die Enzymproduktion selbst kaum Energie benötigt, wie er sagt.

          Chemieriesen unter den Kunden

          Wirkstoffe aus den Laboren von Brain werden auch bei der Papierbleiche verwendet, und zwar anstelle von Chlor. Für dieses Produkt hat das profitable Unternehmen von der Bergstraße mit dem Chemiekonzern Clariant zusammengearbeitet. Darüber hinaus zählen die Branchenriesen BASF und Evonik-Degussa sowie Ciba, Südzucker und der Dufthersteller Symrise zur Kundschaft. Nicht zu vergessen das Unternehmen Genencor, das unweit der renommierten Stanford University in Kalifornien sitzt und zur Biotech-Weltspitze gehört.

          Angesichts dessen sieht Zinke als Hauptgrund für den Gewinn des Umweltpreises an, mit der sogenannten weißen Biotechnologie die „Biologisierung der Chemie- und Konsumgüterindustrie“ befördert zu haben. „Bezeichnend“ findet es Zinke dabei, sich den Preis mit Ernst Ulrich von Weizsäcker zu teilen, den er „Nachhaltigkeitspapst“ nennt. Auf die Frage, ob der Umweltpreis die Akzeptanz von Biotechnologie in der Bevölkerung heben wird, schüttelt er den Kopf. Zinke sieht vielmehr verhärtete Fronten, fordert gleichwohl eine „grundsätzliche Aufgeschlossenheit“. Es müsse um die Frage gehen, ob eine Anwendung sinnvoll sei. „Die Pharmaindustrie ist ohne Biotechnologie nicht mehr denkbar.“

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