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Deutscher Kleinkunstpreis : Traurige Lieder

Witzelte über die „Urinanreicherung im Iran”: Kleinkunstpreis-Träger Olaf Schubert Bild: dpa

Die gute Nachricht zuerst: Das Ensemble-Kabarett ist wieder da. Nicht dass es jemals gänzlich weg gewesen wäre. Aber mit dem „Ersten Deutschen Zwangsensemble“ ist erstmals seit fast zehn Jahren wieder ein Ensemble in Mainz mit dem Kleinkunstpreis ausgezeichnet worden.

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          Die gute Nachricht zuerst: Das Ensemble-Kabarett ist wieder da. Nicht dass es jemals gänzlich weg gewesen wäre. Doch wird es vornehmlich in Ostdeutschland gepflegt und gilt auf jenen Brettln, die in aller Regel noch immer die Kleinkunstwelt bedeuten, als durchaus gut gemeint, aber auch irgendwie von gestern. Wenn mit Mathias Tretter, Claus von Wagner und Philipp Weber vom „Ersten Deutschen Zwangsensemble“ nun zum ersten Mal seit fast zehn Jahren wieder ein Ensemble mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet wurde, musste man nicht allzu lange grübeln, um zu erkennen, dass an einer solchen Sicht der Dinge mitnichten etwas dran ist.

          Christoph Schütte
          (schü.), Freier Autor

          Und jetzt die schlechte Nachricht: „Es ist gefährlich, uns diesen Preis zu geben“, sagte Claus von Wagner. Es sei schließlich der Moment der größten Anerkennung, in dem sich die meisten Ensembles einfach auflösten. Noch ist es allerdings nicht so weit, dass die drei auch solistisch erfolgreichen Kollegen schon getrennte Wege gingen. Zum Glück - für das Publikum und das Kabarett. Zur Verleihung der mit insgesamt 25.000 Euro dotierten, in den Sparten Kabarett, Kleinkunst sowie Chanson, Lied und Musik vergebenen Auszeichnung hielten die drei im Mainzer Unterhaus eine Reichstagssitzung auf der Abgeordnetentoilette ab und debattierten die wechselnde Qualität des Klopapiers in der Geschichte der Bundesrepublik - von der einlagigen Nachkriegsware und dem zweilagigen Adenauer-Papier über Kohls in vier Lagen verfügbare geistig-rektale Wende und die kratzigen Ökofetzen der Grünen bis zum aktuellen Nachschubmangel (“Es gibt nichts mehr zu verteilen“). Indem es von diesem Ausgangspunkt aus in einer grandiosen Schleife bei der Politikverdrossenheit landete, zeigte das Ensemble eindrucksvoll, was in dieser leicht ins Abseits geratenen Form der Bühnensatire noch immer möglich ist.

          „'s könnt alles viel schlimmer sein“

          Matthias Egersdörfers Auszeichnung mit dem von der Stadt Mainz ausgelobten Förderpreis war dagegen keine Überraschung. Schließlich hat der Grantler in den vergangenen drei Jahren so ziemlich alle bedeutenden Preise des Genres abgeräumt. In Mainz zeigte er sich so enthusiastisch, wie es seinem Wesen entspricht: „Na ja, Mainz, Unterhaus, 's könnt alles viel schlimmer sein.“

          Olaf Schubert, der den Preis in der Sparte Kleinkunst erhielt, besitzt ein gänzlich anderes Temperament. Wenn er sich und seinen Zuhörern, scheinbar ganz und gar naiv, die Welt mit gewagten Reimen und falschen Bildern zu erschließen versucht, von der „Urinanreicherung im Iran“ oder „40 Jahren Windreserven“ schwafelt und die gute alte Liedermacherlyrik mit dem deutschen Schlager kurzschließt, klingt das einigermaßen abenteuerlich. Als Versöhner von Komik und Kalauer, Comedy und Kabarett ist Schubert aber eine seltene Erscheinung auf deutschen Kleinkunstbühnen.

          Preis für ein „legendäres Urgestein“

          Für Henning Venske und Jochen Busse, die mit dem zum dritten Mal ausgelobten Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet wurden, gilt das allemal. Zwar mag man sich mit Moderator Dieter Nuhr durchaus fragen, ob man als „legendäres Urgestein“ belobigt werden möchte, das nach Ansicht der Jury „ein quicklebendiges, hochspannendes“ und „ebenso geistreiches wie belebendes“ Kabarett macht. Trotzdem sind Busse und Venske zusammen in der Tat erfrischend unausstehlich.

          Dass Tina Teubner und Ben Süverkrüp den Preis in der Sparte Chanson entgegennehmen durften, war allerhöchste Zeit. Wer wie Teubner einst den Förderpreis erhalten hat, gilt seit eh und je als Kandidat für höhere Weihen. Bei ihrem Pianisten bleibt der Preis ohnehin in der Familie: Vater Dieter Süverkrüp besitzt ihn schon seit bald 25 Jahren. „Wenn ich mal ganz berühmt bin“, hat Teubner vor vielen Jahren gesagt, „singe ich nur noch todtraurige Lieder. Die traurigsten Liebeslieder, die Sie je gehört haben. Nur noch trauriger.“ Das war, keine Frage, ein komisches Versprechen. Jetzt - und das ist die zweite gute Nachricht dieses Kleinkunstabends - ist es endlich so weit. „Das Tagebuch meines Mannes“, so der Titel von Teubners aktuellem Programm, ist kein schlechter Anfang.

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