https://www.faz.net/-gzg-9ta1u

Ausstellung über das Bauhaus : Hinter der Fassade

  • -Aktualisiert am

Auch im Bauhausstil: ein Werbeplakat von Friedrich Christoph Hüffner Bild: Cornelia Sick

Eine Ausstellung von Studenten zeigt unbekannte Facetten des Bauhauses. Anhand von Persönlichkeiten wird der Bezug zu Darmstadt herausgearbeitet.

          2 Min.

          So richtig gut ist die Ehe wohl nicht gewesen. Erzürnt muss Walter Gropius aber gewesen sein, als die Beziehung zu Alma Mahler-Werfel eigentlich längst beendet war. Dem Architekten missfiel, was seine frühere Geliebte und Ehefrau in ihren Memoiren geschrieben hatte. „Die Liebesgeschichte, die du in deinem Buch mit meinem Namen verbindest, war nicht die unsrige“, schrieb er 1958 in einem Brief an Alma – und schloss mit berühmten Worten: „Der Rest ist Schweigen.“

          Was sich die beiden zuvor mitzuteilen hatten, auf wen Alma Mahler-Gropius-Werfel (1879-1964), geborene Schindler, Walter Gropius (1883–1969) und andere Zeitgenossen bei welcher Gelegenheit trafen, wer sich stritt und wer sich mochte und was das alles mit der Darmstädter Mathildenhöhe zu tun hat, ist Teil der Ausstellung „Gestalt und Hinterhalt. Das Bauhaus im Spiegel der Mathildenhöhe“. Bis Januar ermöglicht die Schau im Designhaus am Eugen-Bracht-Weg einen Blick hinter die Fassade des Bauhauses, zeigt menschliche Beziehungen und Konflikte, Zusammenhänge und Einflüsse dieser Epoche aus unbekannten Blickwinkeln.

          Schau im Designhaus

          Studenten des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstadt haben ein Semester lang daran gearbeitet, die Ausstellung zum Bauhaus-Jubiläum zu konzipieren. „Für uns stand die Frage im Mittelpunkt, was Hessen mit dem Bauhaus zu tun hat“, erläutert Kai Buchholz, Dekan des Fachbereichs und einer der beiden Kuratoren. Allerdings habe man sich bei der Entwicklung der Ausstellung nicht einfach an einer Beweihräucherung des Bauhauses beteiligen wollen. In seiner vierzehnjährigen Geschichte sei das Bauhaus alles andere als eine homogene Gemeinschaft gewesen, sagt Buchholz. Schließlich sei die Idee entstanden, Bauhaus-Persönlichkeiten mit Darmstadt-Bezug in den Mittelpunkt der Schau zu stellen. Wer die Ausstellung besucht, wird am Eingang dann auch von fast lebensgroßen Figuren der Protagonisten in Empfang genommen.

          Die Verflechtungen Alma Mahlers mit Gropius und Joseph Maria Olbrich (1867–1908) bilden einen Teil der Schau. Als Hörspiele vertonte Tagebucheinträge Mahlers etwa zeigen, welch ambivalente Gefühle sie für Olbrich hegte, den sie mal beschimpfte, mal anhimmelte. Ebenfalls Thema ist ein Zwist zwischen Gropius und Peter Behrends (1868–1940). 1908 kam Gropius als Bauleiter Behrends’ nach Darmstadt, um nur zwei Jahre später wieder gehen zu müssen: Die beiden Männer hatten sich über schwerwiegende Baumängel an zwei Villen zerstritten. Jeder schob die Verantwortung dafür auf den anderen, es kam zum Bruch, und Behrends warf Gropius hinaus. Dieser allerdings erzählte später, er habe selbst gekündigt.

          Neuer Blick auf das Bauhaus im Spiegel der Mathildenhöhe" im Designhaus in Darmstadt

          Mit dem Schlager „Ausgerechnet Bananen“ als Begrüßungsmelodie spannt die Ausstellung zudem einen Bogen über den neuen Körperkult gegen Ende der zwanziger Jahre, zeigt Plastiken von Hanns Hoffmann Lederer, der einst an der Darmstädter Werkkunstschule lehrte, und Werke von Friedrich Hüffner.

          Außerdem wird virtuell jene Bauhaus-Geschichte erzählt, die Darmstadts Mathildenhöhe in Wirklichkeit nie hatte: Die Studenten haben Gropius’ Dessauer Bauhaus via Computeranimation auf die Mathildenhöhe geholt. Besucher können nun mit Hilfe einer Virtual-Reality-Brille plastisch und zum Greifen nah erleben, wie es hätte sein können, wenn das Bauhaus 1925 nicht nach Dessau gegangen wäre, sondern, wie es im Gespräch war, dorthin, wo heute der Fachbereich Gestaltung untergebracht ist.

          Virtuelle Umsiedlung

          Ausgestattet mit Brille und Joystick lässt sich durch Gropius’ Büro schlendern und dort unter anderem ein Grammophon bedienen. Wer in Schubladen stöbert, findet einen Brief von Thomas Mann, in dem er dem Hausherrn zum Geburtstag gratuliert. Und der Blick aus dem virtuellen Fenster zeigt die Mathildenhöhe im Novembergrau. Filminstallationen, Plakate, Fotos und erläuternde Texte runden die Schau ab. Im Dezember soll zudem ein Katalog zur Ausstellung herauskommen.

          Die Ausstellung „Gestalt und Hinterhalt. Das Bauhaus im Spiegel der Mathildenhöhe“ ist bis 5. Januar 2020 bei freiem Eintritt im Designhaus, Eugen-Bracht-Weg 6, in Darmstadt zu sehen. Geöffnet ist sie mittwochs bis sonntags von 12 bis 17 Uhr. Der gleichnamige Katalog der Kuratoren Kai Buchholz und Justus Theinert wird am 3. Dezember von 18 Uhr an im Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt, Olbrichweg 10, vorgestellt.

          Weitere Themen

          Wie im Film

          Musical „Bodyguard“ : Wie im Film

          Liebe in Zeiten der Gefahr: „Bodyguard – Das Musical“ kommt zur Weihnachtszeit nach Frankfurt. In der Alten Oper wird die Geschichte vom Personenschützer und der Diva aufgeführt.

          „Ich glaube an das Buch“

          Deutsche Buchbranche : „Ich glaube an das Buch“

          Auf den Tübinger Buchhändler folgt die Verlegerin aus Mainz: Karin Schmidt-Friderichs ist die neue Chefin der deutschen Buchbranche. Sie ist erst die zweite Frau an der Spitze des Vereins.

          Topmeldungen

          Die Ziele der EZB sind umstritten.

          Debatte um Inflationsziel : Was die EZB wirklich antreibt

          Ist die Inflationsbekämpfung das einzig wahre Ziel der EZB oder gibt es noch andere implizite Absichten, die in Entscheidungen einfließen? Eine neue Studie stellt ein interessantes Experiment an.
          Die Eröffnung der Vogelfluglinie: Der dänische König Frederik IX. (links) und Bundespräsident Heinrich Lübke gehen im Mai 1963 im dänischen Hafen Rodbyhavn an Bord der Fähre.

          Von Hamburg nach Kopenhagen : Abschied von der Vogelfluglinie

          Die Zugfahrt von Hamburg nach Kopenhagen führte jahrzehntelang mit der Fähre über die Ostsee. Das war mal ein Verkehrsprojekt der Superlative. Nun ist die Verbindung über das Schiff Geschichte. Eine letzte Fahrt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.