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Der Wandertipp : Fast wie im Märchen

  • -Aktualisiert am

Ausgewaschene Huminsäuren gaben dem Bächlein Rotes Wasser seinen Namen. Bild: Thomas Klein

Dank umfassender Renaturierung konnte dem mittelhessischen Burgwald seine ursprüngliche Beschaffenheit als geschlossenes Forst- und Feuchtgebiet zurückgegeben werden. Gut die Hälfte davon steht unter Schutz.

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          Er gehört noch immer zu den eher Stillen im Hessenland, der Burgwald nordöstlich von Marburg. Nur peripher besiedelt, unberührt von Hauptverkehrsströmen, ist hier eine Landschaft zu entdecken, die ein Stück Ursprünglichkeit bewahrt. Dichte Misch- und Auenwälder, Lichtungen, Moore, gurgelnde Bäche oder schilfumwehrte Teiche – etwas vom Verständnis der Natur, wie er mythisch-märchenhaft verklärten Zeiten nachgesagt wird, scheint der Burgwald noch oder, dank vielfältiger Schutzmaßnahmen, wieder zu atmen.

          Bis ins 19. Jahrhundert durch Übernutzung der Wälder weitgehend kahl und die vermoorten Areale für die Viehhaltung entwässert, erfährt der Burgwald seit einigen Jahrzehnten eine wundersame Entwicklung zurück zur einstigen Beschaffenheit. Gut die Hälfte der Kernregion zwischen Eder, Wetschaft und Wohra, entsprechend 130 Quadratkilometern, ist geschützt: als Vogelreservate, FFH- oder Naturschutzgebiete.

          Vor allem die Biotope wurden aufwendig renaturiert. Jeglicher Verwertung entzogen und Artfremdes entnommen, erwuchs in erstaunlich kurzer Zeit eine der bedeutendsten Auenlandschaften Hessens. Wo nun Torfmoose, Farne oder Seggenbündel fast undurchdringliche Korridore bilden, stellten sich hochgradig gefährdete Spezies von selbst ein. Allein im Langen Grund schwirren über 20 Libellenarten, in die Gewässer kehrte das rare Neunauge zurück, und im NSG Franzosenwiese klingt das Konzert zahlloser Frösche noch lauter als das der Vögel in den dichten Waldungen ringsum.

          Mit diesem zentral liegenden, 115 Hektar großen Gebiet hat es nicht zuletzt eine kulturgeschichtliche Bewandtnis. In der (späteren) Bezeichnung klingt nach, dass Landgraf Karl von Hessen-Kassel den 1687 im weit entfernten Schwabendorf angesiedelten französischen Glaubensflüchtlingen („Hugenotten“) die allerdings lediglich zum Grasmachen geeignete Hochebene überließ – mit der Maßgabe, erst die landgräflichen Heuschober zu füllen.

          Noch heute nutzen Nachfahren mehrere Parzellen für die Mahd oder den Fichtenanbau. Andere erwarb die öffentliche Hand in der Hoffnung, die bewirtschafteten Zonen würden aufgegeben, damit sich Flora und Fauna wie in der westlichen Franzosenwiese entwickeln können. Seine Besonderheit sind sogenannte Übergangs- und Schwingrasenmoore, auf deren Wasserfläche die Pflanzendecke schwimmt.

          Im Spätsommer entfaltet dieses Biotop eine ganz eigene, fast elegische Stimmung, wenn gelöste Fruchtkörper lange Schlieren auf den dunkelbraunen Gewässern zeichnen. Ausgewaschene Huminsäuren gaben auch dem Hauptzufluss der Franzosenwiese Rotes Wasser seinen Namen. Beides, die Natur- und die Kulturlandschaft Burgwald, stellt ein nach dem Bach benannter Themenweg ab Rauschenberg-Bracht vor.

          Wegbeschreibung

          Die Tour „Rotes Wasser“ startet in der Dorfmitte von Bracht. Den Wanderern ist ein eigener Parkplatz am Pfarrkirchlein vorbehalten. Als Markierung dient ein rotes R; für einige Passagen, insbesondere, um die Franzosenwiese einzubeziehen, wird davon abgewichen. Seit dem vereinheitlichten Wegenetz im gesamten Burgwald als „Wandermärchen“ fällt das R gegenüber „WM“ allerdings recht klein aus, was an Kreuzungspunkten mit anderen Themenwegen beachtet sein will.

          Einzigartige Schwingrasenmoore kennzeichnen die Biotope am westlichen Rand der Franzosenwiese inmitten des Burgwalds.
          Einzigartige Schwingrasenmoore kennzeichnen die Biotope am westlichen Rand der Franzosenwiese inmitten des Burgwalds. : Bild: Thomas Klein

          Auf dem ersten Wanderdrittel spielt das keine Rolle. Die Zeichen sind unmissverständlich vorhanden, so auch, wenn sie aus Bracht hinausweisen: An der Rosenthaler Straße entlang zum Ortsrand, rechts (Grüner Weg) und links durch Außenbezirke, ehe Wiesen und schließlich der Wald mit dem Roten Wasser erreicht sind. Die Benennung „Urwald“ trifft es besser. Dichtes Gestrüpp und entwurzelte Bäume über Mooskissen und Seggenbündel lassen das Rinnsal mehr erahnen denn erkennen. Dass es nicht von ungefähr „Rot“ im Namen führt, ist aber später, rund 500 Meter nach dem buchstäblich Sand aufwirbelnden Drusenbrunnen, beim Queren des Bachs deutlich erkennbar.

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