https://www.faz.net/-gzg-aheab

Kochbrunnen in Wiesbaden : Heiß und ergiebig aus der Tiefe

Teil der Weltkurstadt: Der Kochbrunnen mit der Trinkhalle prägte mit seiner Architektur einst den Kranzplatz. Bild: Taschen Verlag

Der Kochbrunnen ist ein Wahrzeichen der Stadt Wiesbaden. Kurz vor dem Start in das „Jahr des Wassers“ ist ihm eine Monographie gewidmet worden, die sich mit seiner Jahrhunderte alten Geschichte beschäftigt.

          2 Min.

          Mehr als zwei Dutzend Thermalquellen gibt es in der Stadt, und schon in römischer Zeit waren die heilenden Wirkungen ihres Wassers gegen allerlei Krankheiten und Zipperlein hoch geschätzt. Den Aufstieg zur „Weltkurstadt“ im 19. Jahrhundert und damit den Beginn einer außergewöhnlichen baukulturellen Entwicklung verdankt Wiesbaden seinen Natriumchlorid-Quellen. Unter allen 26 Quellen ragt eine allerdings heraus: der Kochbrunnen, der zu den ergiebigsten und heißesten in Europa zählt.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Aus einer Tiefe von – nach der Neufassung im Jahr 1966 – 43 Metern sprudeln rund 350 Liter Wasser je Minute nach oben, das die Oberfläche mit 66 Grad erreicht. Das ist zwar nicht nahe am Siedepunkt, doch wegen der dennoch hohen Temperatur und der in kühleren Jahreszeiten weithin erkennbaren Wasserdampfwolke hat das scheinbar kochende Wasser aus der Tiefe dem Brunnen seinen Namen gegeben: Kochbrunnen.

          Die Römer nutzten sein Wasser für Schwitz- und Dampfbäder, aber auch zur inneren und äußeren Anwendung. Viele Autoren haben dem Wasser allerlei Wirkungen zugeschrieben, sogar gegen Haarausfall sei es hilfreich, vermerkte Marcus Valerius Martialis im ersten Jahrhundert. Archäologische Spuren und Reste der römischen „Bäderlandschaft“ wurden bei Bauprojekten in der Innenstadt entdeckt.

          „Stärkste und wirksamste Quelle der Welt“

          Im 16. und 17. Jahrhundert wurde der Kochbrunnen häufig beschrieben und sein Wasser gelobt. In Anzeigen wurden Haustrinkkuren zur „Reorganisation des Blutes“ und gegen Lungenschwindsucht, Katarrh, Magen- und Darmgeschwüre, Leber-, Gallen- und Frauenleiden sowie Diabetes, Fettsucht, Verstopfung, Gicht und Rheuma empfohlen. Ein Allheilmittel also, geeignet zur äußerlichen und innerlichen Anwendung. Der Kochbrunnen wurde sogar als „stärkste und wirksamste Quelle der Welt“ beworben.

          Zentrum der Trinkkur: Die Thermalquelle des Kochbrunnens
          Zentrum der Trinkkur: Die Thermalquelle des Kochbrunnens : Bild: Stadtarchiv Wiesbaden

          Im Mittelalter speiste die Quelle 13 Badehäuser am Kranzplatz, der damals Rindsfußplatz hieß. Es gab sogar ein Kaiserbad – im 15. Jahrhundert sind durch Rechnungen Badeaufenthalte von Kaisern und Königinnen dokumentiert. Friedrich III. aus dem Haus Habsburg soll gerne nach Wiesbaden gekommen sein.

          Heute nur kurze Trinkkur empfohlen

          Daran und an viele andere Episoden erinnert Brigitte Streich, die eine Monographie über den Kochbrunnen und seine Bedeutung für die Stadt vorgelegt hat. Denn was heute am Kranzplatz von vielen Touristen bewundert und fotografiert wird, der Brunnenspringer und das im vergangenen Jahr für 70.000 Euro sanierte Brunnenhäuschen, ist aus ihrer Sicht „nur ein ferner Abklatsch“ des einst bedeutendsten Wahrzeichens der Stadt. Die architektonische Fassung der Quelle, die Gestaltung des Platzes rund um den Brunnen, vor allem aber die Trink- und Wandelhallen, die entstanden und wieder verschwanden, waren und sind Ausdruck des Wandels der Stadt und der Bedeutung der Kur. Insofern stehen der Kochbrunnen und seine Umgebung auch für ein wichtiges Kapitel der Wiesbadener Architekturgeschichte.

          Mehr als 0,4 Liter am Tag werden heute aber nicht empfohlen, und länger als drei Wochen sollte eine Trinkkur auch nicht dauern. Geschmacklich lässt sich über das Wasser kaum streiten. Wohlschmeckend ist es nicht, und selbst der Oberbürgermeister verzieht bei dem Gedanken an Kochbrunnenwasser die Miene: Es gebe feinere Genüsse in Wiesbaden.

          Brigitte Streich: Die Stadt und die Quelle. Wiesbaden, der Kochbrunnen und die Kur. Herausgegeben von der Landeshauptstadt Wiesbaden. Erhältlich im regionalen Buchhandel und in der Touristinfo

          Weitere Themen

          Kein weiteres Atommüll-Zwischenlager

          Hanau gewinnt Rechtsstreit : Kein weiteres Atommüll-Zwischenlager

          Im Hanauer Stadtteil Wolfgang wird es kein weiteres Zwischenlager für Atommüll geben. In einem Rechtsstreit mit der Entsorgungsfirma Orano NCS hat die Stadt nun vor dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig gewonnen: Sie muss keine Baugenehmigung erteilen.

          Topmeldungen

          Eine Intensivpflegerin versorgt auf der Intensivstation im Krankenhaus in Braunschweig einen an Covid-19 erkrankten Patienten.

          Coronapolitik und Experten : Wenn die Willkür viral geht

          Eine Infektion mit dem Omikron-Virus verläuft öfter milde. Dennoch erweist sich die neue Welle für die Politik und ihre Ratgeber zunehmend als Gift. Gibt es eine Deutungshoheit um die beste Strategie?
          El Salvadors Präsident Nayib Bukele im November 2021

          El Salvador : Ein Präsident im Bitcoin-Rausch

          Nayib Bukele trägt gerne Baseballmützen und nennt sich „CEO von El Salvador“. Als Zahlungsmittel hat der autoritäre Präsident eine Kryptowährung durchgesetzt. Benutzt wird sie schon am „Bitcoin-Beach“.
          Werden Putins Strategien langfristig auch der Bevölkerung nutzen?

          Sanktionsdrohungen des Westens : Putins Trümpfe

          Der Kreml tut in diesen Tagen so, als fürchte Russland die Sanktionen des Westens nicht. Dabei tragen genau diese immer mehr zum Unmut im eigenen Land bei.