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Oper für Kinder : Der Herr Dirigent trägt Schwimmflosse

  • -Aktualisiert am

Szene aus der Kinderoper „Die versunkene Stadt” Bild: Matina Pipprich/Staatstheater Mainz

Violeta Dinescu hat eine Oper für Kinder geschrieben, die künftig mobil gezeigt wird: Am Staatstheater Mainz wurde „Die versunkene Stadt – Eine Geschichte vom Meer“ uraufgeführt.

          Wie regelt man die musikalische Grundnahrung von Vor- und Grundschulkindern? Mit tonaler Hausmannskost? Mit CDs im Idiom der Schlagerindustrie? Oder lässt man sie so zwanglos wie möglich an Hochkultur schnuppern? Gelegenheit zu Letzterem gibt es für Schulen jetzt sozusagen frei Haus, in Form der mobilen Kinderoper „Die versunkene Stadt – Eine Geschichte vom Meer“ von Violeta Dinescu. Das Werk ist im Orchestersaal des Staatstheaters Mainz uraufgeführt worden.

          Die in Rumänien geborene Dinescu zählt zu den bedeutendsten Klangschöpfern der Gegenwart. Ihre Musik ist von mathematischen Verfahren inspiriert, aber auch von Naturgeräuschen und von Gesten, die an lautmalerische Comic-Kommentare erinnern können. Dabei ist Dinescu weit davon entfernt, Kinder unterschätzen und unterfordern zu wollen. Wenn sie für Kinder komponiert – etwa in ihrer 1986 geschriebenen Kinder-Oper „Der 35. Mai“ nach Erich Kästner, die an bedeutenden Opernhäusern, mit großem Erfolg auch in Mainz aufgeführt wurde – schreibt sie keineswegs glatter als für „große Leute“.

          Ein höchst lebendiges „Chroma“

          Eins ihrer Vorbilder ist ihr Landsmann Sergiu Celibidache, der nie wollte, dass Streicher dem Bogenstrich des Konzertmeisters folgten. Jeder sollte seine Auf- und Abstriche auf eigene Art setzen, um ein höchst lebendiges „Chroma“ zu erzeugen. In gleichem Sinne lässt Dinescu die Musiker die Klangpotentiale ihrer Instrumente – in diesem Werk sind es elf – auf sehr individuelle Art ausloten, etwa mit Anweisungen zur Improvisation. Einzeln stellen sich die Instrumente dem Mädchen Silja vor, als es versucht, sich in der versunkenen Stadt zurechtzufinden. Viola und Fagott klangmalen das „Muffensausen“, das das Kind dabei empfindet.

          Das Libretto von Jutta Schubert ist ein echtes Märchen, in dem das Silja (mit hinreißend kindlichem Charme gespielt und gesungen von Tatjana Charalgina) eine große Tat vollbringt. In einem Kanon wird sie zum Schluss der Aufführung von Zuschauern und Darbietenden gemeinsam besungen. Sebastian Siebert hat ein auf den künftigen Transport hin ausgerichtetes Bühnenbild konzipiert: zwei Vorhänge, eine Rampe, eine an einen Lego-Stein erinnernde Bühne. Das Dirigentenpult betritt Dirigent Clemens Heil auf den Händen laufend. Er trägt eine Neopren-Hose und Schwimmflossen zum Frack, was ihm beim Handstand doch etwas die Sicht behindert. Eine weitere Artistik-Nummer liefert er beim Jonglieren mit dem Gaukler (virtuos: Thomas Jakobs). Eine der Kugeln ist nämlich ein Apfel, von dem Heil mitten im Fluge bisweilen abbeißt. Silja kommt durch jenen langen Tunnel auf die Bühne gekrochen, durch den auch die Kinder in den Zuschauerraum hatten krabbeln dürfen.

          Haarscharf in die Nähe von Slapstick

          Elegische tiefe Streicher kommentieren die Leere ihrer Brotdose, bevor eine musikalisch entsprechend untermalte Möwe ihr verheißt, dass heute ein ganz besonderer Tag sei. Nicht nur die dreißig Minuten Gesamtlänge der quirligen Inszenierung von Svenja Tiedt sind genau richtig für die Aufmerksamkeisspanne jüngerer Kinder. Auch Violeta Dinescu zeigte sich hocherfreut vom Ergebnis der Mainzer Uraufführung: „Ich habe mich riesig gefreut, dass Svenja Tiedt es wieder gemacht hat, die ja auch den „35. Mai“ hier inszeniert hat. Ihre Sprache gerät oft haarscharf in die Nähe von Slapstick – aber halt nur in die Nähe. Das kommt meiner Musik sehr nahe und ist wohl auch das, was Kinder heute brauchen“. Wer die verschiedenen Schichten der musikalischen Gestaltung wirklich erschließen möchte, sollte sich unbedingt eine Partitur des Werks besorgen.

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