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Depression im Alter : Einfach aus dem Leben gefallen

Trübe Aussicht: In der Akutphase der Depression hatte Martina Flick nur noch Kraft, um aus dem Fenster zu blicken. Bild: Picture-Alliance

Sie ist 62 Jahre alt, als sie psychisch zusammenbricht. Für sie, die Macherin, die immer funktioniert hat, ist das schwer zu akzeptieren. Ungewöhnlich ist ihre Geschichte nicht.

          5 Min.

          Sie überlegt nicht, ob sie es tun soll, sondern nur wie. In ihrem Kopf ist nur noch Platz für einen einzigen Gedanken. Einen, den sie zuvor schon mehrfach beiseitegeschoben hat. Sie will nicht mehr leben, nicht mehr da sein. Allein mit diesem Gefühl sitzt sie an einer Haltestelle in Frankfurt und wartet auf die nächste Straßenbahn. Es ist mitten in der Nacht. Bahnen fahren um diese Uhrzeit keine mehr. Vielleicht sollte sie doch besser vor ein Auto laufen, denkt sie.

          Marie Lisa Kehler
          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Wenige Minuten zuvor ist sie erst aus einem Auto geflüchtet. Als ihr Mann an einer Ampel anhalten musste, hat sie die Tür aufgerissen und ist davongelaufen. Ohne Ziel, ohne Plan. „Ich war wie entkoppelt von meinen Gedanken“, sagt die Sechsundsechzigjährige heute, vier Jahre nach dem Vorfall. An Einzelheiten dieser Nacht erinnert sie sich kaum. Vieles, was in den Stunden davor und danach geschehen ist, haben ihr ihre drei Töchter und ihr Mann erzählt. Glauben wollte sie all das lange nicht. Weil es nicht zu dem Bild passte, das sie von sich selbst hatte. Martina Flick, die eigentlich anders heißt, ist eine resolute Frau. Eine Macherin. „Immer unter Strom“, wie sie selbst sagt.

          Zu der Zeit, als der Zusammenbruch kommt, arbeitet sie im Gesundheitswesen. Sie hat eine leitende Stelle, eine Grenze zwischen Berufs- und Privatleben gibt es schon lange nicht mehr. Sie selbst sieht das nicht so. Sie ist keine, die jammert. Sie ist eine, die aushält, für Kollegen einspringt, wenn es klemmt. Eine, die Hilfe anbietet, aber selbst nicht um Hilfe fragt. Sie nimmt die schleichende Verschlechterung ihres Gemütszustands nicht wahr.

          Ein bisschen Stress ist doch normal

          Darauf von ihrem Mann angesprochen, reagiert sie mit Unverständnis und Wut. Sie hat 100 Mitarbeiter, die sie führen soll, drei Kinder, denen sie, obwohl schon erwachsen, eine gute Mutter sein möchte. Sie ist gerade zum ersten Mal Oma geworden. Und dann ist da noch die eigene Mutter, die krank ist und die es zu versorgen gilt. Da ist ein bisschen Stress doch normal, denkt sie. „Ich habe mich immer für alle verantwortlich gefühlt“, sagt Flick. Die Erschöpfung ist schon so zum Teil ihres Alltags geworden, dass sie diese nicht mehr wahrnehmen kann. „Ich habe vieles nicht mehr gemacht, was mir vorher Spaß bereitet hat. Ich habe beispielsweise kein Buch mehr gelesen. Es war einfacher, sich berieseln zu lassen.“

          Die Nacht, in der sie aus dem Auto springt, um einfach nur aus ihrem Leben zu entkommen, ist eigentlich ein gute. Die Familie ist zuvor zusammengekommen. Es gab etwas zu feiern. Eine der Töchter, die jüngste, hat ihre Ausbildung abgeschlossen. Alle drei aus dem Haus, alle drei beruflich auf einem guten Weg. Eigentlich hätte Martina Flick Grund gehabt, stolz zu sein. Aber da ist nur noch Erschöpfung. Es ist eine ihrer Töchter, vom Vater alarmiert, die sie an der Haltestelle findet. „Ich war nicht erleichtert, sie zu sehen. Ich wollte sie hier nicht haben. Ich hatte ja mittlerweile einen Plan“, sagt Flick. Ihre Tochter schafft es, sie zum Mitkommen zu überreden. Sie bringt sie erst nach Hause, ruft später einen Krankenwagen. Der bringt Flick in die Psychiatrie. Dort spricht sie in den ersten Tagen ihres Aufenthalts wenig. Sie schläft, wenn sie müde ist. Sie starrt aus dem Fenster, wenn sie wach ist. „Ich war nur im Augenblick. Die Mitarbeiter haben mich erst einmal in Ruhe gelassen. Niemand wollte etwas von mir. Ich selbst habe nichts von mir verlangt.“ Erst nach mehreren Tagen findet sie ihre Sprache wieder, beginnt mit den Therapeuten zusammenzuarbeiten und langsam zu verstehen, dass die Erschöpfung, über die sie einfach hatte hinwegzugehen versucht, mehr war als nur ein akuter Zustand der Überforderung.

          Flick hat Depressionen, eine schwere Krankheit, die sie fast das Leben gekostet hätte. Das anzuerkennen fiel ihr lange schwer. „Ich hätte selbst nicht gedacht, dass ich mal so aus dem Leben falle.“

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