https://www.faz.net/-gzg-afy85

Denkmalschutz-Preis : Schwatzbude und Kulturhaus für das Viertel

Sozialer Ort: Kiosk in Darmstadt Bild: Landesdenkmalamt

Der eine übersieht den kleinen Kiosk. Für den anderen ist das Bauwerk ein sozialer Ort, so wie in der Postsiedlung in Darmstadt. Dorthin ist der Denkmalschutz-Preis nun ebenso vergeben worden wie nach Heidenrod.

          3 Min.

          Das waren noch Zeiten: „Zuerst die Abendpost Nachtausgabe“, steht auf dem golden umrahmten Werbeschild über dem Verkaufsfenster des Kiosks an der Darmstädter Moltkestraße. 1988 wurde die Frankfurter Boulevardzeitung 40 Jahre nach ihrer Gründung eingestellt. Aber noch immer erinnert das Werbeschild an das einstige Massenblatt, das auch an diesem Kiosk jahrzehntelang über den Tresen ging und über dessen Schlagzeilen wohl bei der Gelegenheit ausgiebig diskutiert wurde.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bastian Ripper und seinem Verein „Zusammen in der Postsiedlung“ ist es zu verdanken, dass die Erinnerung an den Kiosk bewahrt wird. Seit 2020 engagiert sich der Verein für die Wiedereröffnung des charmanten Pavillons, der aus den fünfziger Jahren stammt und von seinen vorherigen Eigentümern liebevoll gepflegt wurde. Die Original-Ausstattung vom Kühlschrank über Zeitungsständer bis zu Werbetafeln ist nahezu vollständig erhalten. Der Verein will den denkmalgeschützten Kiosk restaurieren und wieder als Treffpunkt des Quartiers etablieren. Denn keiner der früher sechs Kioske in der Postsiedlung ist noch erhalten. „Mit den Kiosken verschwindet auch der Buden-Schwatz, der zufällige Schnack, die vielen kleinen Alltags-Begegnungen. Kleine soziale Orte haben sich in Luft aufgelöst“, sagt Ripper. Für sein Engagement ist der Verein nun mit einem der drei Ehrenamtspreise des Hessischen Denkmalschutzpreises ausgezeichnet worden.

          „Wellehannese-Haus“ ausgezeichnet

          Der Hessische Denkmalschutzpreis wird einmal im Jahr an Privatleute und Organisationen verliehen, die mit besonderem Einsatz Denkmäler instandgesetzt oder erforscht haben. Am Mittwoch war es wieder so weit: Der erste Preis wurde in diesem Jahr zweimal verliehen. Einer ging an Georg und Bettina Gröschen aus Waldbrunn-Ellar im Landkreis Limburg-Weilburg, die das „Wellehannese-Haus“ aus dem 17. und 18. Jahrhundert in der Ortsmitte vor dem Abriss bewahrten. Ebenfalls den ersten Platz belegten Friedrich, Heinrich und Michaela Kruse, die sich um das Herrenhaus Schloss Nesselröden im Werra-Meißner-Kreis verdient gemacht haben.

          Einer der zweiten Preisträger liegt wieder im Rhein-Main-Gebiet: Gerd Rixmann hat ein zuvor leerstehendes, und halb verfallenes Fachwerkhaus aus dem Jahr 1733 in Heidenrod-Laufenselden mustergültig in Stand gesetzt. Das Gebäude stand auf seinem Nachbargrundstück: „Ich entdeckte beim Durchstöbern immer neue Zeugnisse des Lebens vergangener Generationen und plötzlich wuchs in mir der Wunsch, dieses Haus wieder zum Leben zu erwecken. Nicht mehr für mich, sondern für die Bewohner des Ortes.“ Das Dach war undicht, der Anbau völlig verfallen, die Fassade großflächig beschädigt. Rixmann kümmerte sich persönlich um die Sanierung. Heute wird das Barockhaus als Sozial- und Kulturhaus genutzt. Im Erdgeschoss sind die Sozialarbeiterinnen und das Forstamt der Gemeinde Heidenrod untergebracht. Das Obergeschoss wird zukünftig durch die Kulturvereinigung Heidenrod genutzt. Bilder zeigen, das selbst die historische Wandmalerei freigelegt und konserviert wurde. Rixmann habe den historischen Ortskern von Laufenselden mit dem Barockhaus belebt und sei auch deshalb ein würdiger Preisträger, urteilt die Jury.

          Preiswürdig:  Kulturhaus Heidenrod-Laufenselden
          Preiswürdig: Kulturhaus Heidenrod-Laufenselden : Bild: Landesdenkmalamt

          Weitere Preisträger sind ein saniertes Wohnhaus in Fulda, das Limburger Schloss, eine ehemalige Synagoge in Meißner-Abterode im Werra-Meißner-Kreis, die in einen Lern- und Gedenkort verwandelt wurde, und ein fast 500 Jahre altes Fachwerkhaus in Mücke-Ober-Ohmen im Vogelsbergkreis. Zwei weitere Ehrenamtspreise gingen an vorbildliche Projekte in Espenau-Mönchehof im Landkreis Kassel und Allendorf an der Lumda im Landkreis Gießen. Verliehen wurden die Preise am Mittwoch im Biebricher Schloss von Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (Die Grünen). Denkmalpflege sei lebendig und dynamisch, verbinde Tradition mit der Moderne und bringe Leben in alte Mauern, sagte sie. „Privates Denkmalengagement und eine dem Gebäude angemessene Nutzung leiste einen zentralen Beitrag dazu, unser Kulturerbe lebendig und authentisch zu erhalten. Und es trägt zur Nachhaltigkeit bei: Mit jedem Stein, jedem Balken, jeder Wand, die erhalten werden, schonen wir vorhandene Ressourcen.“

          Der Hessische Denkmalschutzpreis ist mit 20.000 Euro dotiert und wurde von Lotto Hessen gestiftet. Hinzu kommt als eigene Kategorie der Ehrenamtspreis, dessen Preisgeld in Höhe von 7.500 Euro von der Hessischen Staatskanzlei gestellt wird. Deren Chef Axel Wintermeyer (CDU), zeigte sich tief beeindruckt, „mit welcher Kraft, Leidenschaft und Sachverstand sich viele Ehrenamtliche über Jahre und Jahrzehnte ideell, oft aber auch finanziell dafür einsetzen, dieses historische Erbe zu schützen“. Gemeinsam mit Lotto Hessen hat das Landesamt für Denkmalpflege den Preis im Jahr 1986 ins Leben gerufen.

          Dessen Präsident Markus Harzenetter sprach von einer besonders großen Anzahl herausragender Maßnahmen, die es in diesem Jahr zu beurteilen galt. „Im Umgang mit ihren Gebäuden haben die Denkmaleigentümer ausnahmslos mit viel Idealismus, großer Sensibilität und bewundernswertem Engagement großartige Lösungen gefunden.“ In allen Fällen gehe die handwerkliche Qualität weit über das geforderte Maß hinaus.

          Heinz-Georg Sundermann, Geschäftsführer von Lotto Hessen, weist darauf hin, dass die Erträge der Rubbelloslotterie ausschließlich in die Denkmalpflege in Hessen fließen. Seit 1986 seien 265 Preisträger ausgezeichnet worden, die Vorbildliches für das kulturelle Erbe in Hessen geleistet hätten und so auch andere dazu motivierten, weitere Denkmäler zu sichern. „Das ist für uns alle ein Gewinn.“

          Weitere Themen

          Mehr Betten benötigt

          Ausbau von Kloster Eberbach : Mehr Betten benötigt

          Kloster Eberbach in Eltville benötigt dringend mehr Hotelzimmer. Wie sie behutsam gebaut werden könnten, zeigt nun ein Architektenwettbewerb. Wie die Unterstützung vom Land Hessen aussehen wird, ist hingegen noch offen.

          Wie man um die Ecke schießt Video-Seite öffnen

          Geht doch! : Wie man um die Ecke schießt

          Ecken direkt verwandeln – auf dem Fußballplatz geht das noch vergleichbar einfach. Beim Tipp-Kick braucht es viel Feingefühl. Wir verraten, wie der perfekte Schuss um die Ecke gelingt.

          Topmeldungen

          Eine Frau in Dakar wird geimpft

          Corona-Krise weltweit : Zu wenig Impfstoff für Ärmere

          Während die Zahl der Neuinfektionen in vielen ärmeren Staaten wieder steigt, bleibt die Hilfe aus den reicheren Nationen weit hinter den Imfpstoff-Versprechungen zurück. Auch Deutschland hinkt deutlich hinterher.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.