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Hilfe für Demenzkranke : Mit Inge, Heidi und Bärbel kehren die Erinnerungen zurück

Wie die Kinder: Das Hanauer Puppenmuseum bringt mit seinen Exemplaren demenzkranke Menschen zum Reden. Bild: Rainer Wohlfahrt

Besuch aus dem Altenheim: Wie das Puppenmuseum in Hanau in einem Projekt dementen Menschen die Kindheit ins Gedächtnis ruft.

          4 Min.

          Die Kaffeetafel ist festlich gedeckt. Ein schönes Blumengesteck steht auf dem Tisch, hübsche Servietten mit Rosenmuster zieren die Teller. Ganz offensichtlich genießen die alten Damen der Kaffeerunde den Pflaumenkuchen, den Kaffee und vor allem das Gespräch in munterer Gesellschaft. An diesem Tag geht es um die neue Sonderausstellung im Hessischen Puppenmuseum zum Jubiläum „120 Jahre Schildkrötpuppen“. Fast jede der älteren Frauen hatte einmal eine solche, da werden eifrig Erinnerungen ausgetauscht. Es geht zu, wie es eben so zugeht, wenn Leute entspannt am Kaffeetisch zusammensitzen. Nichts wirkt merkwürdig oder gar befremdlich. Doch etwas ist anders, das merkt aber nur, wer die Gespräche aufmerksam verfolgt.

          Luise Glaser-Lotz
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Hatte die Dame in der bunten Bluse nicht gerade eben schon erzählt, dass ihre Puppe vor Weihnachten immer verschwand und sie dann mit neuen Kleidern unter dem Weihnachtsbaum lag? Wenig später berichtet sie das noch ein drittes Mal, aber keiner nimmt Anstoß daran. Das liegt sicher vor allem daran, dass einige der Gesprächspartnerinnen selbst schnell wieder vergessen haben, was gerade gesagt worden ist. Die Damen – an diesem Tag ist nur ausnahmsweise kein Herr dabei – nehmen an einem über mehrere Monate angelegten museumspädagogischen Versuch des Museums im Hanauer Staatsbad Wilhelmsbad teil, über den herausgefunden werden soll, wie Menschen, die an Demenz erkrankt sind, am besten Freude und Abwechslung bei einem gemeinsamen Museumsbesuch finden.

          Erstes Projekt dieser Art in der der Region

          Die Idee kam Museumsleiterin Maren Raetzer-Heerwagen als vor einiger Zeit ein Frankfurter Altenheim anfragte, ob der Besuch mit einer Gruppe von dementen Bewohnern im Puppenmuseum möglich sei. Raetzer-Heerwagen sagte spontan zu, und ein paar Tage später kamen die Besucher. Obwohl sie in Begleitung ihrer Betreuer waren und offensichtlich auch Freude an der Besichtigung fanden, habe es Momente der Überforderung gegeben, erinnert sich die Museumsleiterin.

          Danach habe sie lange darüber nachgedacht, was man tun könnte, um den von Demenz betroffenen Menschen, ihren Pflegern und Angehörigen einen angenehmen und erfüllten Museumsaufenthalt zu ermöglichen. Sie erkundigte sich, ob es in der Region Museen gibt, die ein solches Angebot machen. Die Recherche blieb ergebnislos. Also brachte das Puppenmuseum sein eigenes Demenzprojekt auf den Weg. Als Unterstützer fanden sich die Stiftung Diakonie Hessen und die Hanauer Sparkasse. Sie finanzieren die junge Museumspädagogin, die ein kleines Programm für die Besucher ausarbeitet und sie bei ihrem etwa zweistündigen Aufenthalt begleitet.

          Die Hanauer Altenheime unterstützen das Projekt

          Jedem dementen Teilnehmer steht eine Betreuungsperson zur Seite, die Hälfte sind ehrenamtliche Mitarbeiter des Puppenmuseums, die andere das gewohnte Betreuungspersonal der beteiligten Heime. Das sind die Hanauer Altenpflegeeinrichtungen „Haus am Brunnen“ der Vereinten Martin Luther und Althanauer Hospitalstiftung sowie das Altenheim Domicil. Das Konzept entwickelten die Musemsleiterin sowie Gudrun Müller, Einrichtungsleiterin des „Hauses am Brunnen“, das auf Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz spezialisiert ist.

          Seit Juni kommen einmal pro Woche fünf bis sechs Erkrankte in zum Teil wechselnder Besetzung nachmittags bei laufendem Betrieb ins Puppenmuseum. Maren Raetzer-Heerwagen und die ehrenamtlichen Betreuer wurden zuvor vom Martin-Luther-Stift in einem Kursus und mit Hospitationen auf die ungewohnte Aufgabe vorbereitet. Besondere Voraussetzungen müssen die Besucher nicht erfüllen. Allerdings gilt es, die steile Treppe zu den Museumsräumen zu erklimmen. Der Treppenlift funktioniert nur noch eingeschränkt, und das Geld, das derzeit bei Sponsoren für einen Aufzug eingesammelt wird, reicht noch nicht aus.

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