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Rheingau : Beton statt Reben gefällt nicht jedem

  • -Aktualisiert am

Umstritten: An der neuen Kellerei des Weinguts Hirt-Gebhardt auf dem Eltviller Sonnenberg stören sich Spaziergänger und Naturfreunde. Bild: Cornelia Sick

Befreiungsschlag für expandierende Weingüter oder unnötige Verschandelung der Natur? Immer neue Bauten in den Weinbergen lösen im Rheingau heftige Debatten aus.

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          „Außenbereich“ sagen Verwaltungsbeamte, wenn sie Natur und Landschaft außerhalb von Ortschaften meinen. Wo sie eine unbebaute, nicht verplante Fläche ausmachen, sehen viele Bürger eine wertvolle und schützenswerte Kulturlandschaft. Für Bagger tabu ist sie deshalb nicht. Das Baugesetz regelt im Detail, wer dort ausnahmsweise bauen darf. Manches Vorhaben in der Natur ist unverzichtbar, zum Beispiel die Verlegung von Versorgungsleitungen, andere sind umstritten wie die Aufstellung von Windrädern. Ein Privileg genießen die an erster Stelle im Gesetz genannten Landwirte. Wer in beengten Dörfern mit modernen und großen Maschinen nicht mehr zurechtkommt und für das Wachstum seines Hofs mehr Fläche braucht, der darf auch außerhalb der Ortschaften einen Stall oder Hof bauen.

          Oliver Bock
          (obo.), Rhein-Main-Zeitung

          Was Nachbarn freut, wenn sie sich vom Lärm eines Weinguts gestört fühlen, und zwar nicht nur während der Lese. Auch dass mancher Winzer im Sommer zu nachtschlafender Zeit mit der Spritze loszieht, führt immer wieder zu Konflikten, wie Weinbaupräsident Peter Seyffardt sagt. Wer dagegen aus Überzeugung im Ortskern bleiben und erweitern wolle, sehe sich hohen, kostentreibenden Auflagen nach dem Immissionsschutzgesetz gegenüber. Das Privileg der Aussiedlung haben in den vergangenen Jahren deshalb viele Weingüter in Anspruch genommen. Dazu zählen auch die Hessischen Staatsweingüter, die ihre Kellerei nach einem heftigen Streit von Eltville an den Steinberg verlegten.

          Nicht jeder Neubau trifft jeden Geschmack

          Manche Neubauten im Rheingau gelten als architektonisch gelungen, andere als protzig und deplaziert. Derzeit errichten die Weingüter Sohns in Geisenheim und Hirt-Gebhardt in Eltville neue Kellereien in den Weinbergen. Vor allem die Letztgenannte hat in Eltville für viel Gesprächsstoff gesorgt, weil die Lage „Sonnenberg“ mit weitem Blick auf den Rhein auch ein beliebtes Ziel für Spaziergänger ist. Der Eltviller Stadtbildverein, der aus der Bürgerinitiative zur Rettung des Rheinufers vor dem Bau einer Umgehungsstraße hervorging, hat sich jetzt des „Spannungsfelds zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Winzer und dem Schutz der einmaligen Kulturlandschaft“ angenommen und die Frage gestellt: „Was geht, was geht nicht?“ Man könne Aussiedlung zwar nicht verhindern, aber Winzer und Bürger für die Gefahr einer grenzenlosen Zersiedlung sensibilisieren, hofft die Vorsitzende des Stadtbildvereins, Renate Quermann. Sie nennt Optik und Lage des Kellereineubaus im Sonnenberg „bestürzend“.

          Den größten Impuls für Aussiedlungen gibt der anhaltende Strukturwandel. Immer weniger Winzer bewirtschaften immer mehr Rebflächen - mit der Folge eines höheren Raumbedarfs für Pressen, Tanks und Verkaufsräume. Vinotheken, Gasträume für die Straußwirtschaft und ein paar Gästezimmer fördern den Erfolg der Direktvermarktung - wenn überdies genügend Parkplätze geschaffen werden. Die Mechanisierung wird mit wachsender Betriebsgröße wichtiger, und der Klimawandel verlangt nach hoher Intensität bei der Verarbeitung der Ernte. Das alles benötigt Platz.Zudem fördert das Land die Aussiedlung mit Geld der Europäischen Union auch finanziell, sofern sie „der Weinwirtschaft dient“, wie es der Leiter des Landwirtschaftsamtes in Hadamar, Karl-Eckart Mascus, formuliert. „Dabei schauen wir genau hin und versichern uns der Expertise des Weinbauamtes in Eltville.“

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