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Wanderdates in Hessen : Schrittweise verlieben

Naturfreund: Der 37 Jahre alte Patrick genießt sein Wanderdate. Bild: Marcus Kaufhold

Den Partner im Internet kennenzulernen, ist mittlerweile die Regel, nicht mehr die Ausnahme. Wanderdates sollen es Singles ermöglichen, sich „offline“ zum ersten Mal zu treffen.

          3 Min.

          Heute ist ein Fotograf dabei. Für sein Bild sucht er Freiwillige. Er blickt Patrick an. Der zögert kurz, fasst nach ein paar Sekunden aber seinen Mut zusammen. „Ich bin dabei“, sagt er. Vor der Kamera lächelt der Siebenunddreißigjährige mit den braunen Locken. Mutig ist auch Caroline. Die junge Frau mit den blonden Haaren lässt sich am Treffpunkt, dem Jagdschloss Fasanerie in Wiesbaden, ebenfalls ablichten. Ob die beiden nur ihren unverkrampften Umgang mit der Kamera teilen oder noch mehr Gemeinsamkeiten haben, werden die nächsten Stunden zeigen.

          Niklas Zimmermann
          Redakteur in der Politik.

          Zunächst aber bittet Jan Schweers um Aufmerksamkeit. Der Unternehmensberater leitet in seiner Freizeit die sogenannten Wanderdates im Raum Wiesbaden. Dabei können sich Singles für knapp 20 Euro Teilnahmegebühr auf dem gemeinsamen Ausflug in die Natur kennenlernen. Bedingung ist, dass alle Teilnehmer solo sind. Eine Vorstellungsrunde soll das Eis brechen. Schweers teilt dafür Namensschilder mit allen Vornamen aus. Auf der Wanderung sind alle per Du.

          Gleich danach sagt der Guide zu den zwanzig Frauen und fünfzehn Männern: „Erzählt mal ein paar Sätze zu euch!“ Fast alle in der Runde fassen sich kurz. Mit ausgefallenen Hobbys prahlt niemand. Es scheint ein wesentlicher Unterschied zur Selbstdarstellung im Internet zu sein. Dort versuchen Singles durch besondere Fotos einen möglichen Partner zu beeindrucken. Sie posieren auf dem Surfbrett, in aufregenden Posen im Fitnesscenter oder vor weit entfernten Reisezielen. Hauptsache auffallen, lautet im Netz die Devise.

          Inmitten von Bären und Wildschweinen

          „Im Internet zeigen die Leute nicht, wie sie wirklich sind, sondern wie sie gerne wären“, sagt Patrick beim Rundgang durch den Tierpark der Fasanerie. Das habe ihn an den Dating-Apps gestört. Vielleicht werde er sie trotzdem wieder nutzen, sagt der Ergotherapeut aus dem mittelhessischen Lich. Aber im Moment vermisse er das Online-Dating nicht. Zu schön sei es für ihn, beim Wandern neue Kontakte knüpfen zu können.

          Eineinhalb Stunden nach Tourbeginn versammelt Schweers die Gruppe abermals vor dem Jagdschloss. Der eine Stunde dauernde Spaziergang inmitten von eingezäunten Bären, Wildschweinen und Damhirschen war die Aufwärmrunde. Jetzt brechen die Singles auf zum Hauptkamm des Wiesbadener Hochtaunus. Je länger der Aufstieg zum Schläferskopf dauert, desto besser kommen die Teilnehmer, die zwischen 25 und 49 Jahre alt sind, ins Gespräch. Und immer weniger muss Schweers Animateur spielen.

          Die Gruppe hat Spaß - und keine Eile

          Auf Höhe des Golfclubs gehen auch Patrick und Caroline wieder nebeneinander. Die Farben ihrer Rucksäcke und Jacken sind komplementär. Wieder eine Gemeinsamkeit. Und wieder soll es nicht die letzte bleiben. Sie stellen fest, dass beide den gleichen Beruf ausüben. Auch Caroline ist Ergotherapeutin. Diese Frage wäre also geklärt. Weiter geht es: „Was machst du so in deiner Freizeit?“ Dieses Thema dominiert auch bei den anderen Männern und Frauen auf der Tour.

          Viele wandern paarweise. Oft vertieft ins Gespräch. Die Gruppe hat Spaß – und keine Eile. Mit einer Stunde Verspätung nehmen die Teilnehmer im Restaurant „Waldgeist“ Platz. An einem Tisch sitzen sechs Männer und eine Frau. Zwei Tische weiter ist es genau umgekehrt. Niemand macht das mit Absicht. Doch die Platzwahl hat Folgen. Wer sich einmal niedergelassen hat, der muss die gesamte Mittagspause neben seinem Tischnachbarn sitzen bleiben. Manche der Herren rollen mit den Augen. Andere lassen sich die gute Stimmung nicht verderben – und führen Gespräche über Computertechnik und den Sinn und Unsinn von Gendersternchen.

          Online-Dating für die gezielte Suche

          Nach zahlreichen Portionen Schnitzel mit Pommes werden die Rucksäcke wieder geschultert, es geht weiter. Der Hund einer Teilnehmerin prescht voraus – er hat wohl die meisten Herzen an diesem Tag für sich gewonnen. „Ich habe mich in einen Vierbeiner verliebt“, schildert eine Dame ihre Gefühlslage und bringt die Gruppe zum Lachen.

          Wie steht es um Patrick? Der macht dort weiter, wo er vor der Mittagspause aufgehört hatte. Er wandert in stets gleichmäßigem Tempo und unterhält sich dabei mit den Frauen. Als er kurzzeitig allein geht, will er reden. Von sich aus. Patrick sagt, er wünsche sich eine Partnerin. Würde er gezielt suchen, sei das Online-Dating sicher die bessere Option. Seine früheren Freundinnen habe er schließlich auch im Internet kennengelernt.

          Aktuell sei er nicht auf der Suche, sagt Patrick, der auch einmal verheiratet war. Er will lieber gefunden werden. Offen redet er darüber, woran er seine bisherigen Beziehungen gescheitert sieht. Er habe sich zu sehr verbogen und für die Partnerin verausgabt, sagt er. Nun lebe er das Motto: „Lerne allein glücklich zu sein. Dann ist deine Beziehung eine Wahl und keine Notwendigkeit.“

          Kurz nach sechs trifft die Gruppe wieder vor dem Jagdschloss ein. Patrick und Caroline finden am Nachmittag nicht mehr zusammen. Caroline hat den Nachmittag im Gespräch mit einem anderen Mann verbracht. Ob die beiden Nummern ausgetauscht haben, ist nicht bekannt. Sollten sie aber, sollten sie sich wiedersehen wollen. Denn die Organisatoren, die im ganzen Rhein-Main-Gebiet Wanderungen anbieten, geben keine Kontaktdaten heraus. Jan Schweers erklärt, warum. Ziel der Wanderdates sei es, dass Singles selbst die Initiative ergreifen und Kontakte knüpfen. Seine Aufgabe sei lediglich, eine positive Atmosphäre zu schaffen. Alles andere ergebe sich von selbst.

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