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Stadtentwicklung Wiesbaden : Das „Walhalla“ wird zum Hoffnungsträger

Anziehungspunkt City: Um attraktiv zu bleiben, muss in der Wiesbadener Innenstadt „mehr als nur Einkaufen“ geboten werden. Dazu, wie das gelingen kann, werden jetzt Pläne geschmiedet. Bild: Oliver Rüther

Die Belebung der Innenstadt ist für Wiesbaden ein wichtiges Vorhaben. Der Oberbürgermeister initiiert einen Diskurs über den besten und erfolgreichen Weg der Transformation der City in die Zukunft.

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          War früher alles besser? Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) hat bisweilen den Eindruck, wenn Bürger die Zustände in der Landeshauptstadt diskutieren. Mende ist nicht dieser Ansicht. Er spricht von „nostalgischer Verklärtheit“, die in der Stadtgesellschaft gelegentlich laut werde. Mende plädiert dafür, den Blick nicht rückwärts, sondern in Gegenwart und Zukunft zu richten und sich mit einer elementar wichtigen Frage auseinanderzusetzen: Wie gelingt die Transformation der Innenstadt, damit sie ein attraktives Ziel für die Wiesbadener und die Bürger des Umlandes bleibt? Zwar gibt es inzwischen einen „Masterplan Innenstadt“, doch der enthält nach Ansicht des Oberbürgermeisters keine Patentrezepte. Impulse erwartet er von einer von ihm initiierten Veranstaltungsreihe „Wiesbaden 2030 – Zukunftsdialog des Oberbürgermeisters“. Ein Novum, zu dessen Auftakt Mende ins Kulturforum am Schillerplatz lud.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Mende erhofft sich Impulse für seine Arbeit als Stadtplanungsdezernent. Dass die Innenstadt und vor allem die Fußgängerzone schon vor der Corona-Pandemie, vor der Energiekrise und vor der Inflation als Folge des Ukrainekrieges vor großen Herausforderungen stand, ist unbestritten. „Dies ist nicht neu und gilt nicht nur für Wiesbaden – aber durch die Corona-Pandemie ist dies noch sehr viel deutlicher geworden“, meint Mende. Corona habe gezeigt, wie Innenstädte aussehen können, wenn der Strukturwandel weiter voranschreite und wenn nicht aktiv gegengesteuert werde. Wie das gehen könnte, das sollten im Kulturforum drei Gesprächsrunden zeigen: zur Theaterruine Walhalla als kulturellem Zentrum mit Strahlkraft, zum Projekt „Mauritius-Höfe“ als Gegenentwurf zur Fußgängerzone mit ihrer weitgehend austauschbaren Geschäftswelt und zur Steigerung der Besucherfrequenz.

          Walhalla als „Herzschrittmacher“ für die Innenstadt

          Gerade auf dem Walhalla ruhen viele Hoffnungen. Die Dramaturgin Marie Johannsen vom Staatstheater Wiesbaden billigt dem leer stehenden Prachtbau die Funktion eines „Herzschrittmachers“ für die Innenstadt zu. Ein solcher ist ihrer Ansicht nach dringend geboten, weil die Innenstadt in einer „Identitätskrise“ stecke. Wie genau dieser Herzschrittmacher wirken soll, blieb allerdings im Ungewissen. Für Johannsen geht es um eine Begegnungsstätte, eine Art kulturelles Gegenprogramm zum Staatstheater.

          Sanierungsfall: das Theater Walhalla
          Sanierungsfall: das Theater Walhalla : Bild: Marcus Kaufhold

          Stimmen aus den Reihen der Kulturschaffenden, erst ein Nutzungskonzept zu entwickeln und darauf aufbauend die Sanierung anzugehen, fanden auf dem Podium keine Unterstützung. Geht es nach Mende, beginnen schon 2024 die Sanierungsarbeiten, um Zuschüsse nicht zu verlieren. Der Oberbürgermeister will die Nutzung bewusst nicht schon jetzt im Detail vorplanen. Er setzt vielmehr darauf, dass der neu geschaffene Kulturraum Bedürfnisse weckt und Kreativität freisetzt. Eine Meinung, die Johannsen unterstützte, indem sie dafür plädierte, das Walhalla nicht auf seine Funktion als Veranstaltungsort zu verengen. Hier gehe es um die Revitalisierung einer Schlüsselstelle.

          Das gilt mit anderen Akzenten auch für die ehemalige Citypassage, die als „Mauritiushöfe“ Impulse geben soll. Für Mende bedeutet der geplante Mix aus Büros, Läden, Restaurants, Wohnungen und Hotelzimmern auf einer Fläche von 7200 Quadratmetern einen sympathisch-kleinteiligen Gegenentwurf zu der von Warenhausketten und Systemgastronomie geprägten Fußgängerzone in Langgasse und Kirchgasse.

          Der Einfluss der Stadt auf solche Entwicklungen ist allerdings insofern gering, als sie kaum eigene Immobilien im Historischen Fünfeck besitzt. Der Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft, Andreas Guntrum, beklagte genau diesen verlorenen Einfluss: „Wir stehen nackt da.“ Wie berichtet, will die Stadt das Rad nun zurückdrehen und wieder Immobilien kaufen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Eine Entscheidung, die Guntrum für absolut richtig hält. Dass die Mauritius-Höfe tatsächlich zu einer kleinteiligen „Parallelwelt“, so Guntrum, werden können, bestätigte Daniel Christ vom Immobilienentwickler Art-Invert. Nach seiner Einschätzung sind Wohnungen in einem solchen Quartier von wesentlicher Bedeutung, weil sie neben Restaurants und Hotelzimmern zu einer durchgehenden Belebung beitragen. Die Nachfrage nach Wohnen in der Innenstadt lege aktuell wieder zu.

          „Einkaufen allein genügt nicht“

          Was für die Mauritius-Höfe gilt, lässt sich nach Ansicht der Fachleute auf die gesamte Innenstadt übertragen: Der Mix macht es. „Einkaufen allein genügt nicht“, sagt die neue Wirtschaftsdezernentin Christiane Hinninger (Die Grünen). Die Vielfalt der Innenstadt sei essenziell für ihre Attraktivität. Positive Anzeichen sieht die IHK. Deren Hauptgeschäftsführerin Sabine Meder forderte mehr „Leuchtturmprojekte“. Den Politikern rief Meder zu, mutiger zu sein, und für Wiesbaden wünsche sie sich „etwas Spektakuläres“.

          Konkreter in ihren Wünschen wurde Ilka Guntrum von der Werbegemeinschaft „Wiesbaden Wunderbar“. Eine Lichtershow wäre demnach wünschenswert und im „Walhalla“ Kabarett und Musical. Sie zeigte sich skeptisch, ob die Landeshauptstadt durch den Ankauf von Immobilien viel beeinflussen kann. Die großen Frequenzbringer in der Fußgängerzone seien unverzichtbar. Die Stadt müsse zudem kostengünstig erreichbar sein, egal ob mit Bus oder Auto, forderte Guntrum. Und die erfolgreiche Aktion, an den vier Adventssamstagen das Busfahren kostenfrei anzubieten, solle ausgeweitet werden, beispielsweise auf den jeweils ersten Samstag eines Monats.

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