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: Das Ried als einstiges Ölfördergebiet

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Schmetterlinge umschwirren den Zeitzeugen aus rostrotem und grünem Stahl. Inmitten von Blumen und Gräsern reckt der ehemalige "Pumpbock" im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue seinen ovalen "Pferdekopf" gen Himmel.

          Schmetterlinge umschwirren den Zeitzeugen aus rostrotem und grünem Stahl. Inmitten von Blumen und Gräsern reckt der ehemalige "Pumpbock" im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue seinen ovalen "Pferdekopf" gen Himmel. Als solch eigenartige Kreuzung beschreibt ihn mit Bildern aus dem Tierreich Paul Göbel, ein Zeitzeuge aus Fleisch und Blut. Von ihnen leben noch einige, aber die "Stockstadt 38" ist das einzige Denkmal, das von der industriellen Vergangenheit der grünen Lunge Hessens kündet: Zwischen 1952 und 1994 wurde am Kühkopf und vor allem im Dreieck Stockstadt-Crumstadt-Biebesheim Erdöl gefördert - bis 1979 zudem Erdgas.

          "Hier sind mehr als eine Million Tonnen Öl gefördert worden", sagt Göbel. Er wolle nicht unbescheiden sein, aber es sei auch sein Verdienst, daß wenigstens diese eine von 46 Öl- und etwa genauso vielen Gasbohrstationen erhalten geblieben sei, meint er und deutet auf die "38". Das Engagement gegen das Tilgen aller Spuren ist für den 75 Jahre alten Göbel, der von Anfang an erst als Bohrarbeiter, dann als Heizer und am Schluß als technischer Angestellter an diesem Stück Lokalgeschichte beteiligt war, eine Herzensangelegenheit. Und so ist ihm auch Genauigkeit ein dringliches Bedürfnis: Das stählerne Relikt sei eben keine Pumpe, wie fast alle Besucher glauben, sondern lediglich der Antrieb für die Pumpe, die 900 Meter tief unter der Erde lag. Ein Elektromotor trieb das Schwungrad des Pumpbocks an - und dieses setzte die Pumpe in Bewegung.

          Als am Nikolaustag 1952 die ersten 4000 Liter Öl zum Bahnhof transportiert und auf den Weg in die Raffinerie Misburg bei Hannover geschickt wurden, war ganz Stockstadt beim Festzug auf den Beinen. Bereits im August 1951 hatte man in Wolfskehlen Erdgas gefunden, am 30. November war nach vier Monaten die erste Bohrung in Stockstadt erfolgreich: Aus 1550 Meter Tiefe sprudelte eine schwarze Pampe aus dem Boden, die in der klirrenden Kälte schnell verklumpte. "Funkreporter und Pressefotografen sind damit beschäftigt, ihre Wintermäntel von oben bis unten mit dekorativen Ölflecken zu versehen", schrieb die Lokalpresse. Wenngleich einige Landwirte die Angst äußerten, nun ihr Land zu verlieren, war die Euphorie enorm. "Wir dachten, wir werden ein zweites Baku", erinnert sich Göbel.

          Die Vorgeschichte ist freilich noch um vieles älter: Im Tertiär überfluteten urzeitliche Meere den Rheingraben. Sedimente lagerten sich ab, die Kohlenwasserstoffe speicherten - die Grundlage des Öls. 1880 wurden bei Pechelbronn im Elsaß erste Bohrungen abgeteuft. 1927 machte ein Gutachten Darmstädter Geologen die hessische Regierung darauf aufmerksam, daß im Rheintal mit Erdöl zu rechnen sei. Neun Jahre später erwarb die Gewerkschaft Elwerath eine Konzession für Bohrungen links des Rheins; der Betrieb am rechten Flußufer entstand erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

          Vorkommen des "schwarzen Goldes" gibt es in Deutschland also nicht nur in der Nordsee, in Schleswig-Holstein und Niedersachsen, sondern auch im Oberrheintal. Im Jahr 2000 wurden 2,5 Prozent des Gesamterdölaufkommens der Bundesrepublik von rund 128 Millionen Tonnen aus heimischen Quellen gedeckt - 76000 Tonnen kamen vom Rhein. In Hessen wird seit zehn Jahren freilich nicht mehr gefördert; die Bohrtürme arbeiten nur noch in Rheinland-Pfalz zwischen Gimbsheim und Eich. So viel Reichtum wie in Texas oder den Opec-Staaten wurde in der traditionell recht armen Gegend um Stockstadt zwar nicht angehäuft. Aber Bürgermeister Klaus Horst (SPD) spricht doch von "lokalem Wohlstand" als Folge der Ölfunde. Die örtlichen Gaststätten hätten profitiert, nicht wenige Arbeiter von außerhalb seien dauerhaft ansässig geworden. Göbel etwa kam schon 1946 aus dem Sudetenland und ist heute noch stolz auf das Häuschen in der Werkssiedlung, in dem er lebt. Den Siedlungsbau begann die Elwerath bereits 1953 zu unterstützen - mit zinslosen Krediten und einem Baukostenzuschuß von 3000 Mark. Ein Zweifamilienhaus war damals für 28000 Mark zu haben.

          Waren die ersten Quellen bei Crumstadt entdeckt worden, begann 1959 die Förderung auch am Kühkopf - jener künstlichen Insel, die vor 125 Jahren beim Rheindurchstich entstanden war. Die Zentrale des Betriebes Stockstadt der niedersächsischen Gewerkschaft war seit 1955 in Gernsheim angesiedelt. Ende 1956 waren in der Firma 450 Arbeiter und 74 Angestellte beschäftigt - auch in den Außenstellen Wattenheim, Eich, Hayna und Offenburg. Arbeitszeiten bis zu zwölf Stunden am Tag waren keine Seltenheit. Den härtesten Job hätten die Pumpenzieher gehabt, weiß Göbel zu berichten. Sie mußten unter Tage die schweren Geräte hin und her bewegen. Nachdem 1964 die Schutzzölle gestrichen worden waren, wurde den ersten 35 Mitarbeitern gekündigt, denen immer mehr folgten. Mit einer Förderung von 64300 Tonnen im Jahr war der Zenit bereits 1965 überschritten.

          Von Anfang an erschwerten Unmengen an Salzwasser die Förderarbeiten. "Erst einmal wurde es einfach in den Rhein geleitet", berichtet Göbel. Später habe man es aufgeheizt und in die Schächte von Fehlbohrungen oder leergepumpten Fördertürmen gefüllt. Dort beseitigte es die Paraffinausfällungen in den Rohren - der Paraffinanteil lag bei nahezu 20 Prozent. Gereinigt wurde das Öl seit 1955 in einer Anlage in Gernsheim, von wo man es zur Mobil-Raffinerie in Wörth am Rhein verschiffte.

          Vor 35 Jahren fusionierten die beiden Gewerkschaften Elwerath und Brigitta, beide zu jeweils 50 Prozent Töchter der Esso und der Shell AG. Die daraus entstandene BEB Erdgas und Erdöl GmbH verlagerte von 1983 an ihren Schwerpunkt auf die linke Rheinseite: Nach erfolglosen Bohrungen in den fünfziger Jahren stieß man in Eich doch noch auf Ölvorkommen - sehr viel reichhaltigere als in der Stockstädter Gegend. Während jenseits des Stromes eine neue Reinigungsanlage gebaut wurde und die Tanker den Rohstoff seit 1990 zur Karlsruher Raffinerie brachten, nahte diesseits das Ende der Förderung. 1988 stellte man den kontinuierlichen Schichtbetrieb ein, im Juni 1994 war es mit den Arbeiten auf dem Ölfeld Stockstadt endgültig vorbei.

          Geblieben sind neben dem Pumpbock 38 jede Menge Erinnerungen. Paul Göbel sind sowohl die Geselligkeit beim Kegeln im Kollegenkreis als auch die gelegentlichen Gasausbrüche im Gedächtnis haften- geblieben. Gebrannt hat es des öfteren. Im August 1967 mußte nach einem Ausbruch das Crumstädter Schwimmbad geschlossen werden, sechs Tage lang zogen Gasschwaden durchs Ried. Vor zwölf Jahren ging das ehemalige Gernsheimer Betriebsgelände in Flammen auf, das längst schon zu einem Reifenlager umgenutzt worden war.

          Eine kürzlich vom ehemaligen Betriebsleiter Berthold Schüßler zusammengestellte Chronik vermerkt indes froh, daß sich in all den Jahren kein einziger tödlicher Unfall ereignet habe. Auf der gegenüberliegenden Seite ruft ein Gedicht des Stockstädter Mundartdichters Hermann Spiess den verblichenen Traum wieder wach, vom Schweinemäster zum Millionär mit Zylinder und Chevrolet aufzusteigen. Tempi passati: "Aus is es mit der Bumberei/der ganze Eelrausch is vorbei."

          WERNER KURZLECHNER

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