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: Das Ried als einstiges Ölfördergebiet

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Waren die ersten Quellen bei Crumstadt entdeckt worden, begann 1959 die Förderung auch am Kühkopf - jener künstlichen Insel, die vor 125 Jahren beim Rheindurchstich entstanden war. Die Zentrale des Betriebes Stockstadt der niedersächsischen Gewerkschaft war seit 1955 in Gernsheim angesiedelt. Ende 1956 waren in der Firma 450 Arbeiter und 74 Angestellte beschäftigt - auch in den Außenstellen Wattenheim, Eich, Hayna und Offenburg. Arbeitszeiten bis zu zwölf Stunden am Tag waren keine Seltenheit. Den härtesten Job hätten die Pumpenzieher gehabt, weiß Göbel zu berichten. Sie mußten unter Tage die schweren Geräte hin und her bewegen. Nachdem 1964 die Schutzzölle gestrichen worden waren, wurde den ersten 35 Mitarbeitern gekündigt, denen immer mehr folgten. Mit einer Förderung von 64300 Tonnen im Jahr war der Zenit bereits 1965 überschritten.

Von Anfang an erschwerten Unmengen an Salzwasser die Förderarbeiten. "Erst einmal wurde es einfach in den Rhein geleitet", berichtet Göbel. Später habe man es aufgeheizt und in die Schächte von Fehlbohrungen oder leergepumpten Fördertürmen gefüllt. Dort beseitigte es die Paraffinausfällungen in den Rohren - der Paraffinanteil lag bei nahezu 20 Prozent. Gereinigt wurde das Öl seit 1955 in einer Anlage in Gernsheim, von wo man es zur Mobil-Raffinerie in Wörth am Rhein verschiffte.

Vor 35 Jahren fusionierten die beiden Gewerkschaften Elwerath und Brigitta, beide zu jeweils 50 Prozent Töchter der Esso und der Shell AG. Die daraus entstandene BEB Erdgas und Erdöl GmbH verlagerte von 1983 an ihren Schwerpunkt auf die linke Rheinseite: Nach erfolglosen Bohrungen in den fünfziger Jahren stieß man in Eich doch noch auf Ölvorkommen - sehr viel reichhaltigere als in der Stockstädter Gegend. Während jenseits des Stromes eine neue Reinigungsanlage gebaut wurde und die Tanker den Rohstoff seit 1990 zur Karlsruher Raffinerie brachten, nahte diesseits das Ende der Förderung. 1988 stellte man den kontinuierlichen Schichtbetrieb ein, im Juni 1994 war es mit den Arbeiten auf dem Ölfeld Stockstadt endgültig vorbei.

Geblieben sind neben dem Pumpbock 38 jede Menge Erinnerungen. Paul Göbel sind sowohl die Geselligkeit beim Kegeln im Kollegenkreis als auch die gelegentlichen Gasausbrüche im Gedächtnis haften- geblieben. Gebrannt hat es des öfteren. Im August 1967 mußte nach einem Ausbruch das Crumstädter Schwimmbad geschlossen werden, sechs Tage lang zogen Gasschwaden durchs Ried. Vor zwölf Jahren ging das ehemalige Gernsheimer Betriebsgelände in Flammen auf, das längst schon zu einem Reifenlager umgenutzt worden war.

Eine kürzlich vom ehemaligen Betriebsleiter Berthold Schüßler zusammengestellte Chronik vermerkt indes froh, daß sich in all den Jahren kein einziger tödlicher Unfall ereignet habe. Auf der gegenüberliegenden Seite ruft ein Gedicht des Stockstädter Mundartdichters Hermann Spiess den verblichenen Traum wieder wach, vom Schweinemäster zum Millionär mit Zylinder und Chevrolet aufzusteigen. Tempi passati: "Aus is es mit der Bumberei/der ganze Eelrausch is vorbei."

WERNER KURZLECHNER

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