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Mathildenviertel : Offenbachs unterbewertete Aktie

  • -Aktualisiert am

Anziehungspunkt: Im Mathildenviertel sind die zahlreichen Lokale am Wilhelmsplatz gut besucht. Bild: Wolfgang Eilmes

Das Mathildenviertel gilt als Problembezirk. Doch allmählich entdecken Besserverdienende die Vorzüge des Quartiers.

          Offenbach. Manchmal, wenn Stefan Prinz im Garten sitzt und ein Bier trinkt, denkt er an Madrid. Andere sähen den Retiro-Park vor sich oder die Puerta del Sol und hätten Sehnsucht. Er aber denkt an das, was er dort nicht haben könnte, nämlich eine Innenstadtwohnung mit Garten und das fußläufige Flussufer mit Blick ins Grüne. Seine Freundin lebt in Madrid, und er möchte gerne, dass sie zu ihm zieht. Für ihn selbst kommt ein Ortswechsel nicht in Frage. „Wenn ich in Madrid so leben wollte wie hier, müsste ich Millionär sein“, sagt er.

          Stefan Prinz ist 39 Jahre alt und arbeitet in einer Frankfurter IT-Firma. Millionär ist er zwar nicht, aber er verdient gut genug, um sich im Rhein-Main-Gebiet eine Wohnung in einer teuren Gegend leisten zu können. Jahrelang hat er in der Frankfurter Innenstadt und in Friedrichsdorf gelebt. Als er 2011 eine Wohnung kaufen wollte, entschied er sich allerdings für das Mathildenviertel in Offenbach.

          So gefährlich wie die Bronx?

          Das Quartier in der östlichen Innenstadt hat eigentlich einen schlechten Ruf. Schon als im 19. Jahrhundert Fabriken und Handwerksbetriebe in dem einstigen Bauern- und Fischerdorf entstanden, wohnten dort nur die, die sich keine bessere Gegend leisten konnten: In den mehrstöckigen Wohnblöcken lebten vor allem Arbeiter. Bis heute prägen die oftmals sanierungsbedürftigen Gebäude aus der Gründerzeit und Jugendstilepoche das Straßenbild. Mehr als 70 Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund, der Anteil der Sozialleistungsempfänger beträgt 23 Prozent. Zum schlechten Image tragen auch einige überbelegte Bruchbuden bei, die zu Wucherpreisen an Bulgaren vermietet werden, sowie der im Viertel aufgewachsene Rapper Haftbefehl, der gern so tut, als sei das Mathildenviertel so gefährlich wie die Bronx.

          Stefan Prinz wollte trotzdem eine Wohnung im Mathildenviertel kaufen, und auf die Idee kam er damals wegen New York. Ihm ging es nämlich weniger darum, selbst ein Dach über dem Kopf zu haben. Er wollte vor allem sein Geld klug investieren. „An Beispielen wie New York sieht man, dass Altbauquartiere im Ballungsraum irgendwann wertvoll werden“, sagt er. Die Gegend gefiel ihm schließlich so gut, dass er die Wohnung nach der Sanierung selbst bezog.

          Wohnheime machen das Viertel für Studenten interessant

          Dass eines Tages Besserverdienende freiwillig ins Mathildenviertel ziehen würden, hätte die Stadt Offenbach vor rund 15 Jahren kaum zu hoffen gewagt. Das Quartier galt als Sorgenkind der Stadtplaner und sollte mit Geld aus dem Programm „Hessische Gemeinschafts-Initiative Soziale Stadt“ aufgewertet werden. „Das Ziel war, dass sich die soziale Lage nicht weiter zuspitzt“, sagt Matthias Schulze-Böing, Leiter des Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration. 2006 lag der Anteil der Sozialleistungsempfänger noch bei 30 Prozent.

          Um das Problemviertel auch für Studierende und Kreative attraktiver zu machen, ließ die Stadt Wohnheime errichten und den Wilhelmsplatz neu gestalten, den Schulze-Böing als „absoluten Attraktionspunkt“ bezeichnet. Wo sich bis ins 19. Jahrhundert ein Friedhof befand, herrscht jetzt reges Treiben, vor allem, wenn Wochenmarkt ist. Restaurants, Bistros und Bars säumen den Platz, bei schönem Wetter sitzen die Gäste draußen. Prinz hat den Eindruck, dass der Plan der Stadt aufgegangen ist. „Ich sehe immer mehr Studentinnen auf Fahrrädern und Hipster mit großen Kopfhörern“, sagt er.

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