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Wiesbaden : Das Land ist nur noch Mieter

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Stattlicher Bau im Neobarock: das Wiesbadener Landeshaus Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

Vor 100 Jahren zog das Parlament von Hessen-Nassau in das Wiesbadener Landeshaus ein. Das Gebäude hat seither eine wechselvolle Geschichte erlebt.

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          Das Land Hessen ist zwar nur noch Mieter in dem vor 100 Jahren für den Kommunallandtag der preußischen Provinz Hessen-Nassau errichteten Gebäude. Dessen runder „Geburtstag“ wurde dennoch gebührend gefeiert. Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) würdigte das für die Stadt Wiesbaden „wichtige repräsentative Bauwerk“ als „architektonische Attraktion“ und als „städtebaulichen Blickpunkt“ am Eingang zur Ringstraßenbebauung“.

          Dem langjährigen Präsidenten des Hessischen Landesamts für Denkmalpflege und Vorsitzenden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, oblag es als Festredner, „hundert Jahre Staatsbaukunst in Wiesbaden“ zu umreißen. Das in den Jahren 1995 bis 1907 nach Plänen der Wiesbadener Architekten Friedrich Werz und Paul Huber aus Mainsandstein entstandene Landeshaus rechnet Kiesow – abgesehen von einem Ornamentband im Jugendstil – dem Neobarock zu. Mit seinem monumentalen Säulenportikus und dem hohen Mansarddach verweise es auf die Bedeutung des Kommunalparlaments und bilde zugleich einen städtebaulichen Höhepunkt auf der Anhöhe oberhalb des Hauptbahnhofs.

          Sitz von Hitlers Schreibtischtätern

          Auffällig sind auch der mächtige Mittelrisalit des Bauwerks sowie sein breites Giebeldreieck, das eine allegorische Figurengruppe schmückt; sie soll das „Land Nassau“ symbolisieren. Der planerische Entwurf von Werz und Huber hatte seinerzeit unter mehr als 50 Beiträgen eines Architektenwettbewerbs nicht zuletzt seiner künstlerischen Qualität wegen den Sieg davongetragen. Die Kostenvorgabe von 860.000 Mark allerdings konnte nicht eingehalten werden; am Ende musste die preußische Regierung als Auftraggeberin des Bauwerks dafür rund 1,3 Millionen Mark aufbringen. Überschattet waren die gut zwei Jahre währenden Bauarbeiten von einem tödlichen Unglück: Das Gebäude befand sich noch im Rohbau, als am 10. März 1905 ein unvorhergesehener Wirbelsturm ein Baugerüst zum Umsturz brachte, unter dem ein Arbeiter erschlagen wurde. Am 27. Mai 1907 wurde das Landeshaus dann aber doch feierlich eingeweiht – der Kommunal-Landtag, der Landesausschuss und die Landesdirektion konnten einziehen.

          1923, während der kurzlebigen Staatsgründung separatistischer Bewegungen diente das Gebäude dann vorübergehend als Sitz der so genannten Rheinischen Republik. Und von Mitte 1934 an saßen dort Hitlers Schreibtischtäter im „Amt für Erb- und Rassenpflege“ und bereiteten die systematische Ermordung von geisteskranken Menschen sowie von Personen, die von den Nazis als „minderwertig“ eingestuft wurden, mit vor. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten die Amerikaner das Gebäude vorübergehend zum Hauptquartier der amerikanischen Militärregierung in Hessen. Und vor mehr als 50 Jahren wurde das Landeshaus zum Domizil des Hessischen Wirtschaftsministeriums.

          In den Jahren 1987 bis 1991 wurde das Landeshaus abermals erweitert – in moderner Formensprache und in einer gelungenen Verbindung von Alt und Neu nach Plänen der Berliner Architekten Bangert, Jansen, Scholz und Schultes. Seit Anfang dieses Jahres gehört das Gebäude der österreichischen CA Immobilien Anlagen Aktiengesellschaft mit Sitz in Wien. Im Zuge der Immobilientransaktion „Leo II“ wurde es im „Paket“ mit 36 anderen Landesgebäuden für 768 Millionen Euro verkauft und mit Laufzeit von 30 Jahren zurückgemietet.

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