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Folgen von Corona : Das Homeoffice und der Grundwasserpegel

Infiltration: Aufbereitetes Rheinwasser versickert in den Boden. Bild: Jürgen Mai

Heißere Sommer, die dieses Jahr viele Menschen zuhause verbringen. Klimawandel und Corona – beides verändert den Wasserverbrauch. Ein Trend ist überdeutlich: Die Region Rhein-Main braucht beispielsweise mehr Wasser aus dem Ried.

          3 Min.

          Regen entspannt die Lage. Das Coronavirus tut es nicht. Zwar sind die Folgen vom Homeoffice beim Wasserverbrauch in der Region deutlich zu beobachten – in Frankfurt ist der Trinkwasserbedarf im ersten Halbjahr um 1,5 Prozent zurückgegangen –; doch was in der Metropole weniger verbraucht wird, weil viele Büros noch verwaist sind und entsprechend weniger die Wasserhähne aufgedreht und die Toilettenspülungen genutzt werden, wird im Umland mehr verbraucht.

          Mechthild Harting
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eine weitere Konsequenz der Pandemie und des veränderten Arbeitens kann der regionale Versorger Hessenwasser deutlich an seinen Zählern ablesen: Der Spitzenverbrauch des Wassers am Morgen, wenn üblicherweise aufgestanden und geduscht wird, hat sich in den vergangenen Monaten deutlich nach hinten verschoben. Liegt er üblicherweise zwischen sechs und sieben Uhr, so ist derzeit unter der Woche ein erhöhter Wasserverbrauch bis neun oder sogar zehn Uhr am Vormittag ablesbar.

          Und noch etwas ist in diesem Sommer anders: Es hat zum Ferienbeginn nicht den üblichen starken Rückgang beim Wasserverbrauch gegeben. „Ganz offensichtlich sind viele Bürger in der Region zu Hause geblieben“, sagt ein Sprecher des Trinkwasserversorgers. Die Hoffnung, dass in den Ferien der gleiche Jahrestiefstand wie am 1. Weihnachtsfeiertag erreicht wird, wenn offenbar alle in der Region nur essen oder sich auf dem Sofa lümmeln, kaum Waschmaschinen laufen und wenig geduscht wird, hat niemand bei Hessenwasser.

          Je heißer, desto höher der Wasserverbrauch

          Der Sommer fordert den Versorger. Je heißer es ist, desto mehr wird geduscht und Wasser in Schwimmbecken und schnell aufzubauende Swimmingpools eingelassen. Nachts werden die Rasensprenger angestellt. Im vergangenen Jahr war der 26. Juni der Tag, an dem ein Rekordwert erreicht wurde. „Das waren 426.000 Kubikmeter Trinkwasser“, die an diesem einen Tag durch die Leitungen vom Hessischen Ried vor allem nach Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden, aber auch in die benachbarten Kreise Groß-Gerau und Main-Taunus geflossen sind. Sogar im heißen Sommer 2018 lag der Spitzenwert zwei Prozent niedriger.

          „Das ist unsere größte Herausforderung, immer ausreichend Kapazitäten vorzuhalten“, sagt Nicole Staude, Technikchefin bei Hessenwasser. Und zwar trotz anhaltender Trockenheit und eines starken Bevölkerungswachstums im Ballungsraum Rhein-Main. Diese Spitzen, die es früher nur in den Sommermonaten gab, die mittlerweile aber schon im April erreicht werden können, bringen die technischen Anlagen an ihre Grenzen.

          Das Unternehmen, das 2,4 Millionen Menschen in Rhein-Main mit Trinkwasser aus dem Ried versorgt, baut deshalb die Infrastruktur massiv aus. Derzeit wird das Wasserwerk Allmendfeld, das am Rand der südhessischen Stadt Gernsheim liegt, vollständig neu gebaut. Die Kosten der Anlage, mit deren Bau vor neun Monaten begonnen wurde und die im Sommer 2023 in Betrieb genommen werden soll, werden mit 28 Millionen Euro veranschlagt. Hessenwasser bezeichnet die Anlage in Allmendfeld als eine der wichtigsten Trinkwasseraufbereitungsanlagen in der Region. Das Werk bezieht sein Trinkwasser aus insgesamt 15 Brunnen, die alle im Gernsheimer Wald liegen und Trinkwasser aus 60 bis 100 Meter Tiefe fördern.

          Das Besondere dieses Wassers ist, dass es sich zwar um Grundwasser handelt, das jedoch durch die Infiltration von aufbereitetem Rheinwasser ergänzt wird. In einer Entfernung von 600 bis 700 Metern zu den Brunnen gibt es Infiltrationsorgane, Schluckbrunnen oder Gräben, über die das aufbereitete Flusswasser allmählich in den Boden einsickert. Dass diese Technik funktioniert, liegt laut Staude daran, dass das Hessische Ried aufgrund seiner geologischen Formation ein „gigantischer Grundwasserspeicher“ ist. „Man darf sich das nicht vorstellen, dass das Wasser des Rheins in den Boden geleitet wird und bald darauf als Trinkwasser aus dem Wasserhahn kommt“, sagt sie. „Es braucht Jahre, ehe das Rheinwasser über den Brunnen zutage gefördert wird.“

          Sinkendes Grundwasser verhindern

          Das Wasserwerk Allmendfeld gibt es schon seit 1964. Also lange bevor die zu starke Entnahme den Grundwasserspiegel hat absinken lassen, Bäume abstarben und Häuser Setzrisse bekamen. 1979 wurde wegen der gesunkenen Grundwasserstände insbesondere von den Großstädten Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden gemeinsam mit dem Land Hessen der Wasserverband Hessisches Ried gegründet. Dieser Zusammenschluss etablierte das Konzept, durch die Infiltration von Rheinwasser selbst Grundwasser zu bilden. 1989 ging die Rheinwasseraufbereitungsanlage in Biebesheim in Betrieb.

          „Das Wasserwerk Allmendfeld war einfach in die Jahre gekommen“, sagt Staude, die Technik nicht mehr auf dem aktuellen Stand. Das neue Werk wird energieeffizienter, und es wird möglich sein, mehr Grundwasser zu fördern. „Das ist für uns ein wichtiges Plus in der Versorgungssicherheit.“ Zufrieden ist Staude, dass das Grundwasser im Werk Allmendfeld mit Sandfiltern aufbereitet wird, also „in einem ganz naturnahen Verfahren“. „Da wird nichts desinfiziert, nichts gechlort“, und bakteriologische Probleme gebe es auch nicht, da das Wasser aus so großer Tiefe gefördert werde.

          Während der Neubau in Gernsheim voranschreitet, ist Hessenwasser dabei, das größte Vorhaben voranzutreiben: den Bau einer neuen, 35 Kilometer langen Trinkwasserleitung, vom Wasserwerk Allmendfeld bis zum Main, eine sogenannte zweite Ried-Leitung, um die bereits bestehende Leitung abzusichern.

          Die ersten vier Kilometer, die acht Millionen Euro gekostet haben, sind fertig. Parallel werden die großen Trinkwasserspeicher in Rüsselsheim-Haßloch saniert und ausgebaut. Und längst ist die Diskussion angestoßen worden, dass auch die Rheinwasseraufbereitungsanlage in Biebesheim ausgebaut gehört. Denn die Sommer werden heißer und trockener – und die Region wächst.

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