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Hessisches Landesmuseum : Das große Packen beginnt

  • -Aktualisiert am

Schließt bis 2011: das Hessische Landesmuseum Bild: picture-alliance/ dpa

Das Hessische Landesmuseum schließt für mehr als drei Jahre. Das in der Nachkriegszeit wieder aufgebaute, gut 100 Jahre alte Gebäude ist dringend zu sanieren. Viele Kunstwerke gehen deshalb auf Wanderschaft.

          101 Jahre nach seiner Eröffnung wird das Hessische Landesmuseum in Darmstadt mit seiner umfangreichen Universalsammlung wieder geschlossen. Am Sonntag um 17 Uhr schließen die Pforten für das Publikum, mindestens bis 2011. Wer bis dahin das Foyer noch einmal durch den Haupteingang am Friedensplatz betritt, braucht nur einen Blick nach rechts zu werfen, um den Grund für die Schließung anschaulich vor Augen geführt zu bekommen:

          Dort sind Wand und Säulen abgehängt, ein Wasserrohrbruch hat erheblichen Schaden angerichtet. „Das ganze Gebäude ist schwer beschädigt, Beispiele wie dieses gibt es zu Dutzenden“, sagt Museumsdirektor Theo Jülich dazu. Rund um das Gebäude sind Zonen abgesperrt: Steinschlaggefahr.

          Technische Anlagen sind marode

          Der von Alfred Messe geplante Museumsbau wurde von 1892 an errichtet und 1906 eröffnet. Im Zweiten Weltkrieg erheblich zerstört, wurde er bis 1955 wiederaufgebaut, mit zum Teil mangelhaftem Material. Auch die technischen Anlagen sind marode, die Grundfunktion sei nicht mehr gewährleistet, sagt Jülich. Nun wird der Bau vom Land Hessen saniert, außerdem bekommt er anstelle des 1984 ursprünglich für die Sammlung Ströher errichteten Anbaus, der ebenfalls erhebliche Baumängel aufweist, einen neuen, kubischen Anbau, für den das Hamburger Architekturbüro Kleffel, Koehnholdt, Papay, Warncke 2002 den Wettbewerb gewonnen hatte. 50 Millionen Euro hat das Land für die gesamte Sanierung eingeplant.

          Von Montag an, wenn die Museumspforten geschlossen bleiben, beginnt das große Packen. Die Planung dafür steht. Nicht alle Kunstschätze, vor allem nicht die bedeutenden, sollen für Jahre in Kisten und Lagern verschwinden. Vieles schickt das Museum auf Reisen, um es in anderen Museen in Europa zu zeigen. Im Keller wird derzeit schon die kostbare Elfenbeinsammlung aufwendig in Schaumstoffformen in klimatisierte Kisten verpackt; sie soll vom 12. Oktober an im Kunstgewerbemuseum in Berlin gezeigt werden und wandert danach nach Paderborn, Köln, Luxemburg und München.

          Eine Ausstellung „Niederlande und Deutschland: Ein Dialog im 15. Jahrhundert“ wird vom 29. Oktober an im Frankfurter Städel gezeigt, französische Zeichnungen des 16. bis 18. Jahrhunderts vom 18. Oktober an im Parise Louvre, danach in Genf. Und die herausragende Darmstädter Fossiliensammlung aus der Grube Messel geht Ende November nach Leiden in Holland und später auf Tour über Oslo, Hannover, Stuttgart und Basel. Die einzigartige Skulpturensammlung, die Simon Spierer dem Landesmuseum vermacht hat, soll von Dezember an im Benaki Museum in Athen gezeigt werden.

          2000 Kunstwerke gehen auf die Reise

          Das sind die Schätze, die direkt nach der Schließung auf Wanderschaft gehen. Anderes kommt fest in benachbarten Museen unter: Das Städel nimmt Werke vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert zu thematischen Ausstellungen auf, im Dommuseum Mainz werden die aus Mainz stammenden hochmittelalterlichen Goldschmiedearbeiten gezeigt, in der Kunsthalle Karlsruhe werden Gemälde und Skulpturen des Oberrheins zu sehen sein, und die Galerie der Schader-Stiftung in Darmstadt zeigt Ausstellungen mit Kunst aus dem 20. Jahrhundert. Rund 2000 Museumsobjekte werden auf die Reise geschickt.

          Und was geschieht mit dem großen Rest? „Wir haben insgesamt rund eine Million Objekte, von der römischen Münze bis zum Mammutskelett am Eingang zur naturwissenschaftlichen Sammlung“, sagt Jülich. Nur etwa ein Drittel davon, allerdings das bedeutendere, ist bislang in den Ausstellungen des Hauses zu sehen, die Depots sind vollgestopft mit Kunst und Zeugnissen aus Erd-, Menschen- und Tiergeschichte. Das alles wird bis zum August nächsten Jahres verpackt und in Gebäuden im Industriepark sicher eingelagert. Vor dem Verpacken werden sämtliche Gegenstände fotografiert und katalogisiert, eine beträchtliche logistische Arbeit, die vom Museumspersonal bewältigt werden muss.

          Dabei werde es mit Sicherheit auch die ein oder andere Entdeckung besonderer Schätze geben, die man bislang unbeachtet gelassen hatte. Wie etwa die beiden kleinen Elfenbeintafelbilder, die Jülich eher für Nachbildungen aus dem 19. Jahrhundert gehalten hatte und die sich bei näherer Betrachtung als 700 Jahre alte Teile eines Triptychons erwiesen, das im Louvre verwahrt wird. Erst wenn das Haus „besenrein“ ist, kommen die Bauarbeiter.

          2011 soll die Sanierung abgeschlossen sein

          Manche Ausstellungsstücke, wie etwa das Mammutskelett oder auch der romanische Bogen aus der Abtei Braunweiler von 1180 und das Chiavenna-Zimmer von 1580, bleiben stehen: Sie sind nicht zu demontieren und werden während der Sanierungsarbeiten aufwendig eingeschalt. Auch der Beuys-Block bleibt im Museum, möglicherweise werden die Vitrinen aber für die Sanierung verschoben und danach zurückgebracht. Das sensible Thema des Umgangs mit der von Joseph Beuys selbst bis ins kleinste Detail vorgenommenen Installation soll im Februar auf einem Symposion behandelt werden.

          Das Museum wird sich bei seiner Wiedereröffnung ganz anders zeigen als heute. Es soll in seine von Alfred Messel konzipierte Ursprungsform zurückgeführt werden, An- und Umbauten aus seiner einhundertjährigen Geschichte verschwinden. So sollen dort, wo heute in Innenhöfen Baumaterial und anderes lagern, ein mittelalterlicher und ein römischer Hof entstehen, in denen die Besucher für Außenpräsentation geeignete Objekte betrachten können.

          Die rund 100 Mitarbeiter des Museums werden während der gesamten Sanierungsphase weiterbeschäftigt, in Werkstätten, in den Depots, in der Forschung und der Verwaltung. Das Aufsichtspersonal wird in den Dependancen in Lorsch und im Haus der Industriekultur an der Kirschenallee eingesetzt. Wenn 2011 die Sanierung wie geplant abgeschlossen sein sollte, soll auch der neue Anbau fertig sein. „Alle Termine sind voraussichtlich“, schränkt Jülich vorsichtshalber ein. Bei einem solchen Projekt gibt es schließlich auch immer Überraschungen, mit denen man vorher nicht gerechnet hatte.

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