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Flüchtlinge im Handwerk : Im Werkunterricht ist Wali der Held

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Gutes Händchen: Wali Achakzaid hat vor der Flucht Schreiner gelernt und beeindruckt jetzt seine Kollegen in Aarbergen. Bild: Michael Kretzer

Flüchtlinge suchen Arbeit und Betriebe Auszubildende. Was liegt da näher, als beide zusammenzubringen. In der kleinen Untertaunusgemeinde Aarbergen klappt das erstaunlich gut.

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          „Es läuft prima.“ Der Meister Jürgen Kallisch ist Chef der Schreinerei Formvoll und hellauf begeistert. Und zwar von seinem neuen Lehrling Wali Achakzaid. Der 23Jahre alte Mann flüchtete 2014 aus Afghanistan und lebt in der kleinen Untertaunusgemeinde Aarbergen. Seit dem vergangenen Jahr macht er eine Lehre, und er hat seinen Chef in dieser Zeit von sich überzeugt. „Der Wali kann sogar seinem Ausbilder in der Berufsschule noch zeigen, wie man mit einer Säge umgeht“, sagt Schreinermeister Kallisch und fügt an: „Im Werkunterricht ist Wali der Held.“ Das Geschick des jungen Mannes kommt nicht von ungefähr. Er war zehn Jahre alt, als er in der Nähe von Kandahar zu einem afghanischen Schreiner in die Lehre geschickt wurde, wie er schüchtern lächelnd erzählt.

          Über die Jahre hat er ein enormes handwerkliches Können entwickelt, aber Wali war noch immer Analphabet, als er nach Deutschland flüchtete. Damit drohte ihm die dauerhafte Arbeitslosigkeit, denn ohne Schreiben und Lesen kann man in Deutschland nichts erreichen. Doch er hatte Glück. Denn die Gemeinde setzt sich vorbildlich für die Integration der 107Flüchtlinge ein, die dort untergebracht sind. Aus diesem Grund hat das Land die Kommune auch gemeinsam mit sechs anderen hessischen Städten in das Modellprojekt „Integration von Flüchtlingen im ländlichen Raum“ aufgenommen.

          Zur Moschee mit dem Fahhrrad

          „Aarbergen begegnet dem demographischen Wandel mit der Integration von Flüchtlingen beispielhaft“, lobt Axel Wintermeyer, der Chef der hessischen Staatskanzlei. Wie so oft hat der Erfolg ein Gesicht: In Aarbergen ist es das von Beate Schmitt. Die Verwaltungsfachangestellte geht mit großem persönlichem Engagement daran, den Menschen aus Afghanistan, Syrien, Pakistan, Iran und dem Irak ein wirkliches Ankommen in Deutschland zu ermöglichen.

          „Bei uns leben in den Ortsteilen Kettenbach und Michelbach überwiegend Familien sowie einige alleinstehende Männer“, sagt sie und fügt an, dass alle Flüchtlingskinder in Schulen und Kindergärten schon gut integriert seien. „Die Stimmung bei uns ist, wie überall, geteilt. Wir haben jedoch viele ehrenamtliche Helfer, die uns zum Beispiel bei den Deutschkursen unterstützen“, schildert sie die Situation in der rund 6000 Einwohner zählenden Gemeinde. Die Flüchtlinge leben in Aarbergen in Mehrfamilienhäusern in der Ortsmitte. In der Kommune gibt es keine Moschee, zum Beten müssen die Muslime nach Bad Schwalbach oder Limburg fahren. „Die meisten fahren mit dem Bus, aber da wir viele Fahrräder gespendet bekommen haben, radeln auch manche“, sagt Schmitt. Nach Limburg sind es etwa 30 Kilometer.

          „Wir haben mittlerweile ein großes Netzwerk aufgebaut“

          Was aber hebt die Integrationsarbeit in Aarbergen so hervor, dass Hessen dafür 57000 Euro Unterstützung zahlt? Die Gemeinde vermittelt geeignete Flüchtlinge konsequent an ortsansässige mittelständische Unternehmen und Handwerksbetriebe, die Nachwuchs suchen. Zuvor wird den Zugezogenen die wichtigste Qualifikation vermittelt: Deutsch. „Wir legen besonders großen Wert auf die Sprache. Wir merken, dass bei vielen Folgeprogrammen, etwa bei der Arbeitsagentur oder dem Bildungswerk Hessen, ein bestimmtes Sprachniveau vorausgesetzt wird“, erläutert Schmitt. Das gelte übrigens nicht nur für Flüchtlinge, die Projekte würden für alle Menschen in Aarbergen angeboten, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. „Wenn ein Türke kommt und sagt, dass er nie die Möglichkeit hatte, Deutsch zu lernen, dann darf er natürlich auch in den Sprachkurs, ebenso wie EU-Ausländer.“

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