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Straßennamen und Nazis : „Den Grund kennt kein Mensch“

  • -Aktualisiert am

Die Anwohnerinnen Ingrid Maercker (links) und Susanne Longerich haben nur etwas gegen den Namensgeber ihrer Straße. Bild: Frank Röth

In Darmstadt lehnen Anwohner die Änderung von Straßenbezeichnungen ab. Sie haben aber eine Idee, wie die Namen bleiben könnten – ohne dabei ehemalige Nazis zu ehren.

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          Nach wem die Darmstädter Bismarckstraße benannt ist, dürfte klar sein. Auch wer Namensgeber der Geschwister-Scholl-Straße ist, liegt auf der Hand. Woher aber die Grundstraße im Stadtteil Kranichstein ihren Namen hat, wissen wohl nur wenige. „Den Grund kennt kein Mensch“, sagt Ingrid Maercker und lacht über die Doppeldeutigkeit. Sie wohnt seit 1981 an der Straße, mit deren Namensgeber sie sich erst vor kurzem befasst habe. Grund war Architekt, am Aufbau Darmstadts nach dem Krieg beteiligt – „und belastet“, berichtet Maercker.

          Deswegen solle die Grundstraße nach dem Willen der Stadt einen neuen Namen erhalten. Wie berichtet, hat sich ein Fachbeirat mit den Biografien von Namensgebern Darmstädter Straßen befasst. Er fand heraus, dass acht davon unrühmliche Vergangenheiten haben. Die ihnen gewidmeten Straßen sollen nun umbenannt werden.

          Grundsätzlich sei das zu loben, hebt Maercker hervor. Einen Nationalsozialisten mit einer Straße zu ehren, könne sie nicht gutheißen. „Aber bei der Grundstraße weiß doch niemand, dass die nach einer Person benannt ist, da denken alle, sie hieße nach Grund und Boden“, sagt die Seniorin. Deswegen solle der Name ihrer Meinung nach bleiben. „Man könnte stattdessen doch einfach den Namensgeber streichen.“

          Weil das weitere Anwohner genauso sehen, haben Maercker und eine Nachbarin eine Unterschriftenaktion initiiert. Gut 500 Unterzeichner haben den Vorschlag unterstützt. Die Liste hat Maercker Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) überreicht. Sie hofft, dass ihrem pragmatischen Vorschlag gefolgt wird.

          Straßenbenennung als „Akt der Würdigung“

          Denn die Änderung des Personalausweises, der Nachsendeantrag, das Kontaktieren von Unternehmen, Ämtern und Bekannten koste Zeit und Geld. „Das kann man sich sparen, wenn die Grundstraße Grundstraße bleibt.“

          Die Stadt stehe Vorschlägen bezüglich der Namensfindung offen gegenüber und werde darüber diskutieren, heißt es aus dem Rathaus. Allerdings sei zu bedenken, dass eine Straßenbenennung ein „Akt der Würdigung ist, sofern es um Persönlichkeiten geht“. Deswegen seien zu einer Umbenennung Gremienbeschlüsse notwendig. In jedem Fall stelle diese einen Verwaltungsakt dar, einfach so könne nichts entschieden werden.

          Kann es etwa so bleiben? In Darmstadt Kranichstein wird die Umbenennung der Grundstraße diskutiert.
          Kann es etwa so bleiben? In Darmstadt Kranichstein wird die Umbenennung der Grundstraße diskutiert. : Bild: Frank Röth

          Ob mit viel Aufwand ausgesucht oder einfach so: Auf eine neue Adresse würde auch Reinhard Schäfer lieber verzichten. Der Vierundsechzigjährige wohnt am Kuhnweg in Darmstadts Stadtteil Arheilgen. Auch seine Straße soll umgewidmet werden. „Dieser Kuhn ist auch belastet“, sagt Schäfer. Der Steuerberater ist zwar ebenfalls der Meinung, dass bestimmte Menschen nicht Namenspate einer Straße sein sollten. Allerdings fragt er sich, warum das erst jetzt aufgefallen ist. Der Kuhnweg hat, das bestätigt die Stadt auf Nachfrage, seinen Namen 1976 erhalten. „Da hätte man schon wissen können, wer der Namensgeber ist“, meint Schäfer. Stattdessen würden Anwohner jetzt vor vollendete Tatsachen gestellt. „Die Umbenennung kostet uns schließlich auch Zeit und Geld.“

          War die Belastung des Namensgebers bekannt?

          Die Grundstraße wurde 1967 gewidmet. Ob aus Unwissenheit oder ob bewusst über die Vergangenheit des Namensgebers hinweggesehen wurde, lässt sich nicht mehr eindeutig sagen. Allerdings gab es schon 1946, als Grund Oberbaudirektor in Darmstadt wurde, offenbar kritische Stimmen. Das zumindest soll aus Protokollen der Stadtverordnetenversammlung hervorgehen, aus denen der Darmstädter Ableger der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegnerinnen auf seiner Homepage zitiert. Drei namentlich genannte Stadtverordnete hätten zu bedenken gegeben, „ob es unbedingt notwendig sei, einen Belasteten in eine derart führende Stellung zu berufen“. Auf Anfrage bei der Stadt, ob man von der Problematik bei der Straßenbenennung 1967 gewusst habe, heißt es allerdings: „Ob die Belastung des Namensgebers bekannt war, ist den Akten nicht zu entnehmen.“

          Für die Benennung nach Richard Kuhn sei der Nobelpreis ausschlaggebend gewesen. Die Straße grenzt an das Gelände des Pharmakonzerns Merck, passend dazu sei – wie bei einer zweiten – ein Chemiker ausgesucht worden. „Wenn es weiter nichts ist“, sagt dazu Anwohner Schäfer. Internetrecherchen hätten ergeben, dass es sogar zwei weitere Chemiker namens Kuhn gebe – Hans und Werner. „Vielleicht ist einer von denen ja besser geeignet“, sagt Schäfer. Ansonsten eigne sich eventuell ein Musiker: „Paul Kuhn.“

          Aus dem Leben der Namensgeber

          Der Architekt Peter Grund (1892 bis 1966), geboren in Pfungstadt, wirkte auch in Dortmund und Düsseldorf. In Darmstadt gehen unter anderen das John-F.-Kennedy-Haus Ecke Kasino- und Rheinstraße, die Friedrich-Ebert-Schule am Pulverhäuser Weg, die Jugendherberge am Woog und das Böllenfalltorstadion auf seine Entwürfe zurück. Grund erhielt 1934 nach der nationalsozialistischen Gleichschaltung die Stelle des Direktors der Kunstakademie Düsseldorf. Zwischen 1935 und 1937 war er NSDAP-Referent für Städtebau.

          Der Chemiker Richard Kuhn (1900 bis 1967), geboren in Wien, war von 1929 an in Heidelberg tätig. 1938 wurde ihm für seine Forschung über Carotinoide und Vitamine der Chemie-Nobelpreis zugesprochen. Von 1940 an forschte er für die Wehrmacht an Mitteln für Chemiewaffen. Später arbeitete er in der Giftgasforschung und entwickelte 1943 das Giftgas Soman. Die Chemiker, die Reinhard Schäfer vorschlägt, hießen Hans Kuhn (1919 bis 2012) und Werner Kuhn (1899 bis 1963), beide stammten aus der Schweiz. Hans Kuhn war Professor für physikalische Chemie. Er widmete sich unter anderem dem Verhalten geknäulter Fadenmoleküle und wirkte am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Er war Doktorand bei Chemiker Werner Kuhn, der ebenfalls an Fadenmolekülen forschte und sich einer Theorie über das Erdinnere widmete. (sojo.)

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