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Theaterbühne Bessung : Den Liebhaber spielen und das Foyer fegen

  • -Aktualisiert am

Fast echt: Die Animierdamen aus der „Cabaret“-Inszenierung auf der Bessunger Bühne Bild: Marcus Kaufhold

Beim „Projekt Jugend und Theater Darmstadt“ spielen Profis und Laien Seite an Seite. Jetzt hat die Gruppe ihre erste eigene Bühne - und verwandelt sie in einen wilden Nachtclub der Dreißiger.

          3 Min.

          Wer die Wendeltreppe hinuntergeht, steht im Berlin der dreißiger Jahre. Menschen schlendern durch die Straßen der Stadt und zum Brandenburger Tor, in Schwarz und Weiß vom Beamer an die Wand geworfen. Die historischen Fotos im Foyer sollen das Publikum einstimmen auf das Musical „Cabaret“, noch bevor die erste Note gesungen ist.

          Der scheiternde Schriftsteller Cliff verliebt sich in die Nachtclub-Sängerin Sally, während die Weimarer Republik im Sterben liegt: Das Musical ist die zwölfte Produktion des „Projekts Jugend und Theater Darmstadt“. Und es ist die zweite, die das Projekt im eigenen Theater zeigen kann, der „Kleinen Bühne Bessungen“. Professionelle Schauspieler singen und tanzen hier Seite an Seite mit Laien, die zum ersten Mal auf einer Bühne stehen.

          „Diese Atmosphäre schreit nach Cabaret“

          „Es ist für mich ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen“, sagt Matthias Edeling. „Mir ging das Stück unter die Haut wie kein anderes vorher.“ Im Jahr 1992 rief er das Projekt ins Leben. Er wählt die Stücke aus, organisiert Proben und Aufführungen, ist Manager und Regisseur zugleich. Das Ensemble wechselt von Musical zu Musical, Edeling ist die Konstante.

          „Cabaret“ habe einfach nicht in die Wagenhalle in Griesheim gepasst, wo das Theaterprojekt früher auftrat: Die Halle sei groß genug für 580 Zuschauer - zu groß, als dass er das Publikum dort davon hätte überzeugen können, im „Kit-Kat-Club“ in Berlin zu sitzen. Vor allem aber sei die Miete für die Wagenhalle zu teuer geworden, 2014 zog das Projekt endgültig um.

          Die neue, kleine Bühne hat nur Platz für rund 80 Zuschauer. Dafür stehen zwischen den Stuhlreihen kleine runde Tische, und Damen, die Tabletts und kurze Röcke tragen, servieren vor der Vorstellung Getränke. Die Illusion funktioniert. „Diese Atmosphäre, dieser Raum, der schreit nach ,Cabaret‘“, sagt Edeling.

          Es gebe keine schlechten Sänger

          Das Stück beginnt mit Michael Teradas Kopf. Er streckt ihn durch den Spalt im Vorhang, weiß geschminkt, die Wangen rot, und singt „Willkommen, bienvenue, welcome“. Terada studiert Operngesang, und das hört man. Tina Ajala, die auf der Bühne zur Sängerin Sally Bowles wird, ist Musicalschauspielerin von Beruf. Sallys Liebhaber hingegen hat vor seiner Hauptrolle nur im Kinderchor gesungen und schwäbisches Mundarttheater gespielt. Mit dem Gesangstraining begann Hans-Jürgen Mauer im Dezember, einen guten Monat später kamen dann noch die Proben hinzu.

          Bis zu viermal die Woche traf sich das Ensemble, tagsüber arbeitet Mauer im Produktmarketing für Elektrobauteile. „Mein Chef hat auch mal ein Auge zugedrückt“, sagt Mauer. Das Ergebnis will der Chef auch mit eigenen Ohren hören und sitzt deshalb bei der Premiere im Publikum. „Es hat ihm gefallen“, freut sich der singende Angestellte.

          Schnell spreche sich herum, wenn er ein neues Musical plane, sagt Edeling. Die Leute kämen dann von sich aus zu ihm, noch nie habe er jemanden weggeschickt. Schlechte Sänger gibt es für Edeling nicht - nur solche, aus denen er in der Vorbereitung noch nicht alles herausgekitzelt hat. Manchmal sieht er auch im Alltag ein Gesicht, das er sich auf seiner Bühne wünscht. Dann fragt er einfach, ob man nicht mitsingen wolle - einen Passanten auf der Straße oder den Austräger, der ihm gerade eine Zeitung in den Briefkasten steckt.

          Schauspieler müssen auch Toiletten schrubben

          Rund 30 Menschen sind an „Cabaret“ beteiligt. 15 stehen, singen und tanzen auf der Bühne, dazu kommen dann noch etwa Ton- und Lichttechniker, der Choreograf, die Helfer an der Kasse und hinter der Theke. Der älteste Schauspieler ist 72, der jüngste geht in die fünfte Klasse. Edelings Leidenschaft steckt an: Die Profis bekommen etwas Geld, die Laien spielen ehrenamtlich. Für jede Produktion muss er neue Sponsoren suchen.

          „Das ist kein Projekt, wo ihr nur auf der Bühne steht“, das habe er den Schauspielern von Anfang an gesagt. „Wir haben keine große Crew, die uns den Rücken freihält.“ Für eine Putzhilfe etwa ist kein Geld da. Auch wenn der Vorhang gefallen ist, weiß jeder, was er zu tun hat, wer die Toiletten schrubbt und wer das Foyer. Auch beim Nähen der Kostüme hätten alle mitgeholfen. Die Prostituierte mit den feuerroten Haaren ist im echten Leben Designerin und hat das Programmheft gestaltet.

          „Hier bei uns ist das Leben wunderschön“, besingt Terada die scheinbar heile Welt des Berliner Nachtlebens. Doch nach einer knappen Stunde taucht die erste Hakenkreuzbinde auf der Bühne auf, auch den unpolitischen Hedonismus des Clubs verschont der aufziehende Nationalsozialismus nicht.

          Natürlich kann keine Geschichte glücklich enden, die in Deutschland Anfang der Dreißiger spielt, auch nicht die von Sally und Cliff. So zerbricht zum Schluss ihre Beziehung und auch die Republik. Der Vorhang fällt, im Foyer malt der Beamer noch immer Bilder an die Wand. Jetzt zeigen sie ein anderes Berlin: Panzer fahren durch zerbombte Straßen.

          „Musik war schon immer mein Leben“, sagt Edeling. Der Vater war Dirigent, er selbst Musik- und Sportlehrer, aber inzwischen ist er 66 Jahre alt und pensioniert. Jetzt hat er mehr Zeit, und davon steckt er viel in das Theaterprojekt. Im Foyer hängen die Plakate aller bisherigen Produktionen. „Jim Knopf“ haben sie schon gespielt, „Fame“, das „Dschungelbuch“ und „Linie 1“. Und daneben ist noch viel Platz für weitere Plakate.

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