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Tanzkurs im Staatsballett : Sei ein Vogel!

Erste Schritte: Laien beim Tanzworkshop im Wiesbadener Staatstheater Bild: Michael Kretzer

Das Hessische Staatsballett setzt auf Publikumsnähe. Darum können dort auch Laien versuchen, so zu tanzen wie die Profis.

          Spätestens nach 30 Minuten fragen sich die Ersten, ob sie sich wohl vor lauter Muskelkater noch die Schuhe werden binden können. Das vorweg: Man kann. Obwohl tags darauf in den Waden und Oberschenkeln durchaus noch ein bisschen von dem nachglimmt, was Séraphine Drescher und Sabine Groenendijk gut anderthalb Stunden lang zeigten.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die beiden Tänzerinnen des Hessischen Staatsballetts in Darmstadt sind in Tim Plegges „Aschenputtel“, das der junge Chefchoreograph des neuen Balletts im Februar zur Uraufführung gebracht hat, zwei der dämonischen Jenseits-Vögel, die Plegge hinzuerfand. Nun stehen sie im Ballettsaal des Wiesbadener Staatstheaters und lassen 23 Laientänzer bäuchlings über den Tanzboden robben und hüpfen. „Seid wie Vögel, seid Vögel!“, rufen sie, und „Nutzt eure Arme, sie sind Flügel.“

          Drei Minuten des originalen Tanzes gelernt

          Alle nutzen sie aus Leibeskräften. Flattern und kriechen, bewegen ruckartig die Köpfe, dass die Tauben im Kurpark nebenan neidisch werden könnten angesichts solcher Vogelhaftigkeit. Zu der knackenden, wabernden Musik von Jörg Gollasch in Fünferschritten zu zählen und sich in einen Pulk kauernder Raben zu verwandeln ist nicht nur für Laientänzer schwierig. Auch die beiden Profis verzählen sich bisweilen, Kuddelmuddel ist die Folge. Es wird viel gelacht. Überhaupt löst diese Art der ernsthaften, aber doch zweckfreien Arbeit eine große Befriedigung aus.

          „Wir möchten Ihnen das Repertoire auch körperlich nahebringen“, hat Tim Plegge zu Beginn erklärt, bevor er den Tänzerinnen Drescher und Groenendijk das Feld überließ. Am Ende wird Johannes Grube, Betriebsdirektor des Balletts, das Ergebnis der Mühe ansehen und loben: In anderthalb Stunden haben sich die Laien immerhin drei Minuten Tanzmaterial von „Aschenputtel“ draufgeschafft.

          Dem Publikum sollen die Türen offen stehen

          Es ist der zweite „Repertoire-Workshop“, den das Staatsballett anbietet. Beim ersten, zu „Aufwind“, dem Debüt-Abend des Staatsballetts, war Plegge noch geradezu verblüfft, wie viele versierte Laientänzer mitmachten. Nun weist er darauf hin, dass die Workshops nur der erste Schritt seien: Mit „Odyssee 21“ will das Staatsballett in der nächsten Spielzeit mit Laien in einem großen Tanzprojekt das Thema Heimat auf die Bühne bringen.

          Das Publikum zu binden, „die Türen möglichst weit aufzumachen“, wie Plegge das nennt, die Hemmschwellen gerade zum zeitgenössischen Tanz abzubauen, das versuchen fast alle Theater und Tanzcompagnien. Nicht alles fruchtet, aber persönlicher Kontakt scheint ein Schlüssel zu sein: Am Staatstheater Mainz wurde jüngst das Tanzfestival von Workshops, Führungen, Unterricht und Gesprächen begleitet, die meist hervorragend besucht waren. Das Hessische Staatsballett hat in Darmstadt und Wiesbaden einen Strauß von Angeboten zusammengestellt. Nie war es etwa so leicht möglich, Stars des zeitgenössischen Tanzes im Studio bei der Arbeit zu beobachten oder von ihnen in Workshops zu lernen. Sharon Eyals Compagnie Lev hat eben Laien und Profis unterrichtet, demnächst kommt Hofesh Shechter.

          „So etwas sollte es viel öfter geben“

          Valentina und Ulrich-Irato waren schon bei Plegges erstem Workshop dabei. Sie, 14 Jahre alt, tanzt Ballett, seit sie sechs Jahre alt war. Er, 70, ist seit 25 Jahren aktiv in Tanz und Kontaktimprovisation, besucht Kurse im Rhein-Main-Gebiet und tritt auf. Am Staatstheater Wiesbaden macht er unter anderem in der Tanzgruppe „60+“ für Senioren mit.

          Valentina und Ulrich-Irato bilden ungefähr die Eckpunkte des Altersspektrums all derer, die sich zum Tanzen eingefunden haben. Ein paar Jugendliche, zwei jüngere Ballett-Kinder, viele Frauen zwischen Ende 30 und Ende 50 bilden die Gruppe. Drei Männer darunter – das ist wohl der Schnitt, wenn es um Tanz geht. „So etwas sollte es viel öfter geben“, sagt Petra, die mit ihrem Kreis von Freundinnen um die 40 gekommen ist. Dafür würden die Laien sogar etwas mehr zahlen. Tickets gibt es derzeit von acht Euro an.

          Die gut anderthalb Stunden sind anspruchsvoll, aber nicht unmöglich zu bewältigen, sogar für jene, die noch nicht jahrelang Ballett, Modern Dance oder Jazztanz üben. Gerade die Älteren wagen sich weit weg von Ballettschulschritten, werfen sich hinein in die Vogelchoreographie, während Drescher und Groenendijk anleiten und ab und an aus dem Nähkästchen plaudern. Mit ein bisschen Lebens- und Tanzerfahrung lacht es sich vielleicht freier und herzlicher über eigene unbeholfene Versuche. Aber keine Frage, alle sind stolz darauf, dass die Schritte immer besser klappen. Die Sache sieht, am Ende der anderthalb Stunden, beinahe „echt“ aus. Und in der Vogelperspektive robben ohnehin alle gleich, egal, wie alt sie sind.

          Die Kundenbindung für das Staatsballett funktioniert jedenfalls: Wer „Aschenputtel“ noch nicht gesehen hat, wird jetzt in jedem Fall hingehen. Und sei es nur, um, wie Groenendijk sagt, bei den erarbeiteten Sequenzen sagen zu dürfen: „Das habe ich auch schon gemacht.“ Apropos Jammern: Beim nächsten Workshop üben wir dann, wie man x-mal quer durch den Ballettsaal robbt, ohne blaue Knie zu kriegen. Muskelkater ist nichts dagegen.

          Weitere Workshops

          Die nächsten Tanzworkshops sind am 18. April um 16 Uhr mit der Company Hofesh Shechter (Fortgeschrittene und Profis) und am 16. Mai mit La Veronal für Jugendliche und Erwachsene mit Tanzerfahrung, beide am Staatstheater Darmstadt.

          Weitere Informationen unter www.hessisches-staatsballett.de

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